Von Christian Schwägerl
Die Helmholtz-Gemeinschaft liebt Superlative. Sie ist mit 28.000 Mitarbeitern die größte deutsche Wissenschaftsorganisation, manche ihrer 16 Forschungszentren bedecken viele Quadratkilometer, und auch die Baukosten von 1,2 Milliarden Euro beim Teilchenbeschleuniger "Fair" in Darmstadt sind kaum zu schlagen.
Deshalb ist Jürgen Mlynek, 58, einer der wichtigsten Manager in der deutschen Wissenschaft. Der Physiker dirigiert ein regelrechtes Imperium, das zu 90 Prozent von der Bundesregierung finanziert wird und deshalb als nationale Forschungsschmiede gilt.
Hirnforschung (in Jülich): "Der Erwartungsdruck wächst"
Für seine zweite Amtszeit an der Spitze der Helmholtz-Gemeinschaft hat Jürgen Mlynek ordentlich Rückenwind: Am Freitag bestätigten ihn die Mitglieder der größten deutschen Wissenschaftsorganisation bis 2015 im Präsidentenamt. Einen Tag vorher hatten Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder grünes Licht für 18 Milliarden Euro Extraausgaben zugunsten der Wissenschaft gegeben. Die 16 nationalen Helmholtz-Forschungszentren, darunter das Forschungszentrum Jülich, das Teilchenbeschleunigerzentrum "Desy" in Hamburg oder das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg, sollten daher gemeinsam bald mehr als drei Milliarden Euro jährlich zur Verfügung haben.
Doch wozu soll das viele Geld dienen? "Der Erwartungsdruck, dass mit diesen Summen auch etwas Greifbares für die Bevölkerung und für die Wirtschaft herauskommt, wird deutlich wachsen", sagt Mlynek. Damit sind nicht nur Nobelpreise gemeint, von denen in den vergangenen Jahren zwei bei Helmholtz-Forschern gelandet sind, sondern vor allem praktisch anwendbare Erkenntnisse.
Helmholtz will mehr Geld für Kernforschung
Besonders die Forschung an neuen Energietechnologien und für die Gesundheit will Mlynek in den kommenden Jahren deshalb ausbauen. "Deutschland hat es zum Beispiel zu lange versäumt, kräftig in die Energiespeicherung zu investieren", sagt er. Der weitere Ausbau von regenerativen Energiequellen und die Elektromobilität bei Autos sei aber nur möglich, wenn leistungsfähige Batterien zur Verfügung stünden. Hier sieht Mlynek enormen Nachholbedarf. Deshalb gehe die Helmholtz-Gemeinschaft nun gemeinsam mit Universitäten und Großunternehmen daran, neue Forschungszentren und Lehrstühle für Elektrochemie zu schaffen.
Auch das heiße Eisen Kerntechnik will der Helmholtz-Präsident anpacken: "Dass die Helmholtz-Gemeinschaft jährlich nur noch 30 Millionen Euro für Kernforschung ausgeben kann, erscheint mir angesichts der Sicherheitsbedürfnisse in Deutschland und des globalen Interesses an Kernenergie viel zu wenig." Am Beispiel Kerntechnik zeige sich, was passiere, wenn die kommerzielle Anwendung einer Technologie verboten werde. "Dann geht es mit der Forschung bergab, das muss man auch bei der Diskussion um die Grüne Gentechnik beachten", so Mlynek. Wer meine, er könne die Anwendung verbieten und die Forschung beibehalten, irre.
Die engere Kooperation mit Universitäten zählt Mlynek zu den Schwerpunkten seiner zweiten Amtszeit. Helmholtz-Zentren stehen oft weit außerhalb ihrer Heimatstädte auf der grünen Wiese oder im Wald, doch sie haben bereits bewiesen, dass sie keine akademischen Trutzburgen sind: So fusioniert in Karlsruhe das Helmholtz-Forschungszentrum mit der Technischen Hochschule zum "Karlsruhe Institute of Technology"; in Nordrhein-Westfalen haben das Forschungszentrum Jülich und die RWTH Aachen eine Allianz namens "Jara" gebildet. Die Chance auf eine weitere Allianz sieht Mlynek für den Raum Dresden. Dort sei das Forschungszentrum Rossendorf bestens etwa in der Medizintechnik für eine enge Zusammenarbeit mit der TU geeignet. Zudem sei im Raum Berlin/Potsdam in den Geowissenschaften eine kritische Masse vorhanden.
"Energiebiologie ist ein Riesenthema"
Es gebe aber "kein Einheitsmodell", betont Mlynek. Deshalb experimentiert er bereits mit "Helmholtz-Instituten", kleinen Forschungseinheiten, die an Universitäten geschaffen werden könnten und einem bestehenden Großzentrum zugeordnet sind. Erste Projekte dieser Art gibt es bereits in Thüringen in der Laserphysik, in Rheinland-Pfalz in der Kernphysik und im Saarland in der pharmazeutischen Biotechnologie. Auch das neueste Helmholtz-Zentrum, das Deutsche Zentrum für neurodegenerative Erkrankungen in Bonn, kooperiert eng mit Hochschulgruppen bundesweit.
In der Gesundheitsforschung sieht Mlynek die Helmholtz-Gemeinschaft schon auf dem Weg zur Plattform für eine nationale Forschungsplanung. Bisher gibt es zwischen Bund und Ländern kaum Abstimmung über die Schwerpunkte der Forschung. Auf den Gebieten Krebs, Demenz, Diabetes und Herz-Kreislauf übernimmt Helmholtz nun die Rolle, ein bundesweites Netz von Forschergruppen an Hochschulen und in Firmen zu koordinieren. "Ich denke, es könnte wegen unserer neunzigprozentigen Finanzierung durch den Bund und unserer Nähe zur Forschungspolitik auch in anderen Gebieten auf eine wichtige koordinierende Rolle hinauslaufen, aber immer in fairer Partnerschaft, bei der die Sache im Vordergrund steht", sagt Mlynek.
Ob er bis 2015 genügend Geld zusammenbekommt, ein ganz neues Forschungszentrum aus dem Boden zu stampfen, weiß der Helmholtz-Präsident noch nicht. Wenn aber doch, dann wüsste Mlynek schon, auf welchem Forschungsgebiet: "Energiebiologie", die Erschließung umweltfreundlicher Energiequellen aus der belebten Natur - ein "Riesenthema, in das BP an der Universität Berkeley 500 Millionen Dollar investiert". Die deutschen Forschungsanstrengungen seien bisher viel zu gering, das Deutsche Biomasse-Forschungszentrum in Leipzig sei angesichts der Herausforderung des Klimawandels viel zu klein. "Ich würde sehr gerne in Ostdeutschland ein Helmholtz-Zentrum für Energie-Biowissenschaften schaffen", so Mlynek, "das wäre Think big mit großem kommerziellen Potential."
Verbesserungsbedarf sieht der Helmholtz-Präsident beim Schritt von der Erfindung zur Wertschöpfung: "Da sind wir trotz aller Bemühungen noch nicht gut genug." Institutsleiter müssten ihre Wissenschaftler viel engagierter dazu motivieren, ihre Ergebnisse kommerziell zu nutzen, etwa durch Unternehmensgründungen oder durch Kooperationen mit Firmen. Ein großes Manko sei aber der Mangel an Wagniskapital in Deutschland. "Da haben US-amerikanische Forscher auch in der Wirtschaftskrise einen viel besseren Nährboden als Deutsche." Hier seien vor allem die Banken gefragt.
Schutzschirm für Hochqualifizierte
Geht es nach Mlynek, würde die Helmholtz-Gemeinschaft auch im Wirtschaftskrisenmanagement eine tragende Rolle spielen, wie der aktuelle SPIEGEL berichtet. Der Wissenschaftsmanager bietet der Bundesregierung an, einen Schutzschirm für Hochqualifizierte zu schaffen, die von Arbeitslosigkeit bedroht sind. "Unsere Doktoranden und 1700 Auszubildenden wurden bisher von der Wirtschaft mit Kusshand übernommen, doch im Moment droht vielen die Arbeitslosigkeit", warnt Mlynek. Deshalb müsse es möglich sein, diese Fachkräfte weiter zu beschäftigen, bis sie auf dem Arbeitsmarkt wieder eine Chance hätten.
Die 16 Helmholtz-Zentren könnten zusätzlich Ingenieure und andere Hochqualifizierte aufnehmen, die wegen der Krise von ihren Unternehmen entlassen werden. "Direkter Kontakt mit unserer Spitzenforschung wäre die beste Weiterbildung für diese Fachkräfte", sagt Mlynek. Die Finanzierung - rund 100 Millionen Euro pro Jahr - könne aus dem Konjunkturprogramm der Bundesregierung kommen.
Der Vorstoß ist typisch Helmholtz: Wissenschaft in großem Maßstab ist die Spezialität der Gesellschaft. Symbolisiert wird das auch durch den Europäischen Röntgenlaser XFEL in Hamburg, der 2014 in Betrieb gehen soll, eine Megamaschine für eine Milliarde Euro, die es erlaubt, atomare und molekulare Prozesse live zu verfolgen. Selbst wenn sie sich um die naturwissenschaftliche Bildung von Kindern kümmern, suchen die Helmholtz-Strategen den Superlativ: Ihr Programm "Haus der kleinen Forscher", das Kleinkinder zum Experimentieren anregt, erreicht inzwischen 6000 Kindergärten. "Wir steuern auf 10.000 und später 30.000 Kindergärten zu, das wären dann drei Viertel aller Einrichtungen", sagt Mlynek.
Und wie steht es um die Unterstützung der Großforschung durch die große Politik? "Sehr gut, die Beschlüsse zum Pakt für Forschung zeigen, dass unsere zentrale Rolle für die Zukunftsfähigkeit Deutschlands anerkannt wird", sagt Mlynek. Einen großen Wunsch hat er allerdings: "Die Zuständigkeiten für Wissenschaft, Technologie und Innovationen sind über viel zu viele Ministerien verteilt, ein mächtiges Bundesministerium für Forschung und Innovation wäre eine feine Sache."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik UniSPIEGEL | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Job & Beruf | RSS |
| alles zum Thema Arbeitsplatz Uni | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH