Samstag, 21. November 2009

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15.06.2009
 

Wir Krisenkinder

Jung, gut ausgebildet, chancenlos

Von Christoph Titz und Britta Mersch

Von der Uni kommen sie mit besten Noten plus Praktika plus Auslandserfahrung. Sie haben alles richtig gemacht - und fassen dennoch kaum Fuß auf dem Arbeitsmarkt. Die Wirtschaftskrise trägt viele junge Akademiker aus der Kurve. Dabei sind sie zu fast allem bereit.

Michael Nowak hat genug. Er war für seine Praktika schon in Taiwan und in Saudi-Arabien, für die Lufthansa entwickelte er in Dubai die Marketingstrategie für Südosteuropa, Afrika und den Nahen Osten mit. Busse mit seiner Plakatidee darauf rollen derzeit durch einige Hauptstädte.

Und dann standen im Büro der Lufthansa zwei leere Schreibtische, direkt vor seiner Nase. "Die wollten mich haben, und eine der unbesetzten Stellen wäre meine, versicherten sie mir" - gäbe es nicht den Einstellungsstopp, Wirtschaftskrise, Sie wissen schon. Auf Wiedersehen.

Nowak hat alles richtig gemacht. Für seinen einzigen Fehler kann er nichts: Er hat zur falschen Zeit sein Studium abgeschlossen - mitten in der globalen Wirtschaftskrise. Die Talsohle des Abschwungs mag bald erreicht sein, doch auf dem Arbeitsmarkt schlägt die Krise zeitverzögert ein. Der Bundeswirtschaftsminister rechnet mit weiteren 900.000 Arbeitslosen bis 2010.

Wie Michael Nowak machen so viele alles richtig, die in seinem Alter sind. Aber oft reicht das nicht.

Der Wohlstand ist noch da - die Sicherheit nicht

Aufgewachsen sind die jungen Leute zwischen 20 und 35 Jahren in einer Welt des Wohlstands. Die Sorgen ihrer Eltern in den frühen achtziger Jahren, die Angst vor der atomaren Bedrohung und der Verpestung der Umwelt, waren zu abstrakt für ihre Kinderköpfe, ihre Welt war noch stabil.

MEHR ZUM THEMA

Im neuen SPIEGEL 25/2009:

Wir Krisenkinder
Wie junge Deutsche ihre Zukunft sehen?
Tim Fulda für den SPIEGEL (4); laif(1)
Als sie klein waren, bekam die Generation der heutigen Studenten und Berufseinsteiger zu Weihnachten Bobby-Cars oder Märklin-Eisenbahnen, später E-Gitarren, einen C64 oder Gameboy - und dafür arbeitete Vati, solange sie denken konnten, bei Siemens oder einem ähnlich verlässlichen Konzern. Auf den Partys der Neunziger tanzten sie zu Dr. Alban und Marusha, den Fantastischen Vier und Oasis. Und nach der Jahrtausendwende steuerte Vati auf den verdienten Ruhestand zu.

Den Wohlstand dieser Jugendjahre gibt es da draußen noch. Aber die Unbeschwertheit, sie ist futsch. Die einstürzenden Türme am 11. September 2001 und das Ende des New-Economy-Booms bedeuteten für diese Generation einen Bruch - ein Ende der gefühlten Sicherheit.

Immer stärker trübten Alarmmeldungen ihr Lebensgefühl auch in anderen Lebensbereichen. Staatliche Rente? Wer sich darauf verlässt, ist verlassen. Ein sicherer Job nach dem Studium? Fast die Hälfte der 20- bis 35-Jährigen war schon einmal arbeitslos, ermittelte der SPIEGEL. Jeder zweite unter 30 hatte schon mal ein befristetes Arbeitsverhältnis, errechnete der Deutsche Gewerkschaftsbund, und ein Drittel ist prekär beschäftigt - etwa als Leiharbeiter, befristet, auf ABM-Stellen oder als ewige Praktikanten.

Der kleine Traum vom bürgerlichen Glück

Die Drohung des sozialen Abstiegs haben junge Erwachsene ständig vor Augen. Viele rackern sich ab, leisten unbezahlte Überstunden, mucken nicht auf. Alles für den kleinen Traum vom bürgerlichen Glück und bescheidenen Wohlstand: Mir soll es nicht schlechter gehen als meinen Eltern.

KRISENKINDER- TEST

CAEPSELE
Wie tickt die Generation der 20- bis 35- Jährigen? Sind Sie auf einer Wellenlänge? Finden Sie es heraus im Krisenkinder- Test von SPIEGEL ONLINE. Mehr...
Der Soziologe Ronald Hitzler sagte dem SPIEGEL in der aktuellen Ausgabe mit der Titelgeschichte "Wir Krisenkinder": "Das Prekäre ist das zentrale Merkmal dieser Generation." Nicht unbedingt im Sinne von niedrigem Einkommen, sondern im Sinne von permanenter Unsicherheit.

Das muss man aushalten können, sich mit dieser Unsicherheit anfreunden, notfalls auch wieder ins alte Kinderzimmer bei den Eltern einziehen. So muss das der moderne Arbeitnehmer eben sehen - fünf Beispiele von jungen Akademikern zwischen Baum und Borke.

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