Von Katrin Elger
Monströs hoch sind die Absätze des Go-go-Girls, das in orangefarbenen Hot Pants zur Elektromusik zuckt. Cocktails glimmen farbig auf dem Tresen, Bässe dröhnen aus den Boxen. Durch die Glaswände des Istanbuler Clubs "360" im achten Stock eines Altbaus sehen die Tanzenden die Dächer der Metropole bei Nacht. Schwarz teilt der Bosporus die Lichter der Stadt.
"Die Stimmung ist wahnsinnig gut", brüllt Stefan Thoenes, es ist nicht leicht, die Musik zu übertönen. Das Glas in der Hand, schiebt und schlängelt er sich durch die Menge. Der 21-Jährige feiert in dieser Frühlingsnacht auf Einladung der Unternehmensberatung Booz & Company mit 34 anderen Studenten und Doktoranden in einem der angesagtesten Clubs Istanbuls. Das Abendprogramm ist Teil eines dreitägigen Workshops zum Thema "Zukunftsregion Naher Osten". Die Getränke gehen auf Rechnung von Booz & Company, das Unternehmen hat einen ganzen Bereich des Lokals reserviert.
Wer die Berater und ihre Gäste feiern sieht, könnte meinen, die Wirtschaftskrise treffe alle, nur die Consultants nicht. Booz lädt ein nach Istanbul, McKinsey verfrachtet aufstrebende Studenten zu Workshops nach Kitzbühel oder Amsterdam, und auch die Boston Consulting Group (BCG) kündigt auf ihrer Homepage für Studenten "Top Events" an.
Ungebremste Euphorie also? Unternehmensberatung als sichere Nummer für Elite-Absolventen? Jobs en masse? Natürlich nicht. Der Glamour von Istanbul ist Makulatur, auch die Beraterbranche spürt die Weltkrise deutlich. Zwar kann keines der renommierten Unternehmen komplett auf Nachwuchsförderung verzichten. Aber wenn es darum geht, die Absolventen auch wirklich einzustellen, zeigen sich die Firmen derzeit eher verhalten. Noch nie war es für Uni-Abgänger so schwierig, an einen der begehrten Jobs zu kommen: Immer weniger Angeboten stehen immer mehr Bewerber gegenüber.
"Wir können gar nicht auf junge Talente verzichten"
Die Beratung Capgemini, mit rund 90.000 Mitarbeitern eine der größten weltweit, stellt in Deutschland "nur noch selektiv ein", und BCG hat für 2009 die neuen Jobs von 230 auf rund 160 heruntergeschrumpft. Roland Berger, McKinsey und Booz möchten die bisherigen Zahlen immerhin halten. "Allerdings mit eher konservativer Planung", so heißt es bei Booz. Soll heißen: Wenn die Krise anhält, könnte es auch hier noch bitter werden. Vielen kleinen und unbekannteren Beratungsfirmen bleibt seit Monaten nichts anderes übrig, als die Bewerber auf unbestimmte Zeit zu vertrösten.
Die Tatsache, dass viele deutsche Unternehmen derzeit schwer zu kämpfen haben, heißt nicht, dass sie nun verstärkt Hilfe suchten bei den Consultants. "Leider nein", sagt Michael Büttner, Chef von Capgemini Consulting in Zentraleuropa. "Was bestimmte Projekte angeht, spüren wir eine deutliche Zurückhaltung bei den Kunden."
Vor der Krise hatte Capgemini Consulting zahlreiche Aufträge, bei denen es darum ging, innovative Wachstumsstrategien und Neugeschäfte zu entwickeln. Dafür brauchte das Unternehmen kreative Köpfe, Uni-Absolventen mit frischen Ideen. Für diese Angebotssparte der Beratungen interessieren sich die Entscheider bei den notleidenden Firmen jedoch kaum noch. Wenn sie Consultants brauchen, dann dafür, Kosten einzusparen, Prozesse zu optimieren, ganze Abteilungen neu zu strukturieren. "Und bei dieser Art von Aufträgen bevorzugen die Kunden erfahrene Berater", sagt Büttner.
Anja Isabel Dotzenrath, Partner bei Booz & Company, schätzt die Lage für Berufsanfänger nicht ganz so düster ein. "Uns kommt es auf eine gute Mischung von Leuten in den Teams an", sagt sie. "Deshalb stellen wir auch weiterhin Absolventen ein. Wir können gar nicht auf junge Talente verzichten." Man habe mit der Strategiekonferenz in Istanbul signalisieren wollen, dass Nachwuchsförderung bei Booz auch in diesen Zeiten ernst genommen werde.
Für die Veranstaltung hatten sich so viele Studenten beworben wie nie zuvor: 1200 wollten erste Kontakte knüpfen, mehr über Projektarbeit lernen. Für einen ähnlichen Workshop von Booz im vergangenen Jahr im spanischen Bilbao bewarben sich nur 800 Studenten. Einen Rekordandrang gibt es jetzt auch für die Recruiting-Veranstaltungen - da geht es ganz konkret um Jobs. Schon jetzt sei erkennbar, heißt es bei McKinsey, dass es 2009 mehr Bewerber sein werden als die üblichen 15.000.
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