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17.07.2009
 

Junge Mediziner im PJ

Viel Arbeit, wenig Kohle

Von Anita Kirner

Das Praktische Jahr nach dem Studium ist für angehende Mediziner eine Zeit der Härte: voller Einsatz im Krankenhaus für null Euro oder geringe Bezahlung. Die Uni-Kliniken sind notorisch geizig, manche andere Krankenhäuser denken langsam um.

Auf der Intensivstation der Heliosklinik in Erfurt beginnt der Tag von Doreen Stark um 6.45 Uhr. Nach der Übergabe durch den Nachtdienst betreut die 25-jährige Medizinstudentin im Praktischen Jahr (PJ) ihre Patienten selbständig. Wie hat sich der Gesundheitszustand über Nacht entwickelt? Gab es besondere Vorkommnisse, ist vielleicht eine Therapieänderung nötig?

Auch alle anderen Arbeiten auf der Intensivstation fallen in Starks Aufgabenbereich: Blutabnahmen und Aufnahmen neuer Patienten, Eingriffe wie einen Luftröhrenschnitt und das Legen eines zentralvenösen Katheters unter Aufsicht eines Arztes. Und den anfallenden Papierkrieg muss die Studentin ebenfalls bewältigen, viel Zeit verbringt sie jeden Tag damit, alle Schritte zu dokumentieren. Für ihre Arbeit erhält sie monatlich 400 Euro von der Klinik, die als Lehrkrankenhaus der Universität Jena fungiert. Ab Juli werden es 600 Euro sein.

Auch Lilly Junemann, 26, hat einen straffen Tagesablauf. In der Augenklinik der Universität Ulm untersucht sie täglich ein Dutzend Patienten, schreibt deren Krankheitsgeschichte auf, bestimmt die Sehfähigkeit und bespricht im Anschluss die Befunde mit den Ambulanzärzten. Nebenher nimmt Junemann in den Untersuchungsräumen Blut ab und legt venöse Zugänge, über die man den Patienten Medikamente spritzen kann. Überstunden sind für Junemann keine Seltenheit - doch Geld bekommt sie in ihrem Praktischen Jahr (PJ) nicht. Lediglich das Mittagessen bezahlt ihr die Uniklinik.

"Jede Fakultät macht, was sie will"

Für Patrick Weinmann, Studentensprecher des Marburger Bundes, sind diese Unterschiede nichts Neues: "Die Unterschiede in den Aufwandsentschädigungen für Studenten im Praktischen Jahr sind enorm. Die Universitäten können selbst entscheiden, ob sie zahlen oder nicht. Da macht jede Fakultät, was sie will."

Der Marburger Bund wie auch andere Interessenvertretungen fordern seit Jahren eine angemessene Entschädigung für Studenten im PJ - und das aus gutem Grund, wie Patrick Weinmann findet. Der 30-Jährige befindet sich im Moment selbst im Praktischen Jahr, kennt die Arbeitsabläufe im Krankenhaus. "Natürlich lernen wir auch sehr viel. Tatsächlich würde aber in manchen Kliniken der Betrieb zusammenbrechen, wenn plötzlich keine Studenten mehr da wären. Wir sehen da keinen Unterschied zu dem, was Referendare im Schuldienst leisten, und die werden schließlich auch angemessen bezahlt."

Angehende Lehrer wie auch Juristen absolvieren ebenfalls eine Praxisphase nach dem Studium. Das Salär als Referendare macht sie zwar nicht reich, aber zumindest müssen sie sich nicht verschulden oder nach einem langen, harten Arbeitstag noch jobben gehen. Mediziner dagegen mussten bis 2004 sogar nach dem in der Regel unbezahlten PJ noch die Zeit als mager bezahlter Arzt im Praktikum (AiP) überstehen.

Das AiP, immerhin, ist inzwischen abgeschafft. Aber im PJ gehen die meisten Jungmediziner noch immer leer aus. Laut einer Umfrage des Marburger Bundes sind es vor allem die Universitätskliniken, die sich gegen eine angemessene Aufwandsentschädigung für die Studenten wehren - anders als manche Lehrkrankenhäuser, die im Uni-Auftrag die Medizinstudenten im PJ ausbilden, etwa die Helios Kliniken Gruppe.

"Dafür bezahlen wir nicht"

Zehn Lehrkrankenhäuser der Klinikgruppe bilden rund 320 PJ-Studenten pro Jahr aus. Das Salär beträgt 400 Euro pro Monat, eine Erhöhung auf 700 Euro ist bereits beschlossen. "Die Studenten sind motivierter, weil sie merken, dass wir ihre Tätigkeit Wert schätzen. Und wir profitieren von ihrer Arbeit", erklärt Helios-Sprecherin Constanze von der Schulenburg.

Nicht überall übernehmen die Lehrkrankenhäuser eine Vorreiterrolle in Sachen Bezahlung. Universitäten wie etwa Frankfurt am Main untersagen den angeschlossenen Krankenhäusern gar komplett die finanzielle Anerkennung. "Das PJ ist Teil des Medizinstudiums - und dafür bezahlen wir nicht. Das wäre geradezu grotesk", sagt Reinhard Lohölter, Dekanatsleiter der Frankfurter Uni. Eine Hilfe für die Stationen seien die Studenten nicht unbedingt: "Ob die Studenten eine Erleichterung sind, diskutieren wir schon lange."

Die Frankfurter Medizinstudenten sehen das anders. "Das Dekanat kennt die Verhältnisse in der eigenen Klinik nicht. Zeit für Lehre ist knapp, die meiste Zeit werden wir dort eingesetzt, wo den Stationsärzten die Zeit fehlt. Und oft genug ist das auch beim Patienten selbst - das Aufnahmegespräch führen die Studenten zum Beispiel gründlicher durch, als es jeder Arzt machen würde", sagt ein Student, der das PJ bereits durchlaufen hat, seinen Namen aber nicht nennen möchte.

Keine Einigung unter den 36 Fakultäten

Eine bundesweit einheitliche Lösung ist nicht in Sicht. "Darüber gibt es bei den 36 medizinischen Fakultäten noch keine endgültige Meinung", sagt Dieter Bitter-Suermann, Präsident des Medizinischen Fakultätentages und der Medizinischen Hochschule Hannover. Dass die PJ-Studenten an seiner Hochschule mit 400 Euro monatlich vergleichsweise gut entschädigt werden, hat für Bitter-Suermann einen ganz einfachen Grund: "Wir mussten mit unsere Lehrkrankenhäusern mithalten. Uns liefen die Studenten weg."

Ein Wettbewerb, von dem die Studenten nur profitieren können, wie auch Patrick Weinmann findet: "Wenn man bei der Auswahl der PJ-Plätze freie Wahl hätte und nicht an eine bestimmte Fakultät gebunden wäre, würde sich die Sache mit der Bezahlung ganz von selbst lösen."

"Die Bezahlung hat großen Einfluss darauf, wo man hingeht", findet auch Doreen Stark, "und ich bin mit meiner Wahl sehr glücklich." Durch die monatliche Finanzspritze habe sie ihren Nebenjob an den Nagel hängen können - viel Zeit wäre neben Klinikalltag und Lernen ohnehin nicht mehr geblieben.

Auch Lilly Junemann zweifelt nicht an ihrer Berufswahl: "Das ist genau das, was ich später mal machen möchte." Der Gedanke, dass andere eine finanzielle Anerkennung für ihre Arbeit bekommen, schmerzt sie doch: "Wir arbeiten hier so viel, im Prinzip ist es nur gerecht, wenn die Klinik dafür auch zahlt." Ein kleiner Trost bleibt der Studentin aber - die Uniklinik Ulm will ihren PJ-Studenten ab dem kommenden Wintersemester 200 Euro im Monat zahlen.

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