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Kulturschock in Indonesien Als Perlenpapa auf Lombok

Kulturschock in Indonesien: Arbeitsplatz Austerfarm
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Jens Knauer

Muscheln zogen ihn in die Ferne: Jens Knauer, 43, forschte in Australien über Austern und ging nach Indonesien, um auf Austerfarmen zu arbeiten. Er lebt auf der Insel Lombok, schwärmt von Vulkanen, vermisst Weizenbier - und ist für seine Mitarbeiter mehr als nur der Chef.

"Schon mit zwei Jahren bin ich mit meinen Eltern nach Südafrika ausgewandert. Wir blieben, bis ich sieben war - und mir blieb die Gewissheit: Ich werde später wieder ins Ausland gehen.

Ich studierte in Kiel Biologie und ging nach dem Vordiplom zurück nach Südafrika. Dort machte ich meinen Master in Aquakultur, um dann nach Australien zu gehen: Für meine Doktorarbeit zog ich nach Townsville am berühmten Great Barrier Reef und arbeitete über den Fettstoffwechsel von Tafelaustern. Danach rief mich ein ehemaliger Studienkollege aus Indonesien an. Er wusste von einem Job als Manager eines Bruthauses auf einer Perlausterfarm in West Papua. Ich musste nicht lang überlegen und nahm den Job.

Bis 2005 war ich 2005 auf einer kleinen Insel, die von Regenwald bewachsen war, wechselte dann auf eine andere Position innerhalb des Unternehmens nach Bali und ging schließlich 2006 nach Lombok, einer indonesischen Insel mit rund zweieinhalb Millionen Einwohnern. Hier bin ich der Produktions- und Forschungsdirektor einer Austerfarm, die jährlich rund 180.000 Perlen herstellt.

Bis zu zwei Jahre dauert die Produktion einer Perle

Wir züchten die Perlausterlarven in großen Tanks. Jedes Bruthaus fasst Wasser mit einem Volumen von je 40 bis 50 Tonnen. Sie bekommen Algen zu fressen, die wir ebenfalls züchten. Nach einem Monat kommen die Perlaustern an Leinen aufgehängt in den Ozean. Wenn sie nach rund 15 Monaten etwa neun bis elf Zentimeter groß sind, werden sie geöffnet, und es wird eine Kugel eingesetzt, hergestellt aus der Schale einer Süßwassermuschel. Dazu wird ein Gewebestück einer Perlauster in die Muschel gelegt.

Die Perlaustern werden wieder geschlossen und in den Ozean gehängt. Binnen etwa vier Wochen umwächst das eingesetzte Gewebestück die Kugel und formt den Perlsack, der Perlmutt auf die Kugel absondert und so die Zuchtperle produziert. Nach eineinhalb bis zwei Jahren ist die Perle geformt und groß genug, um entnommen zu werden.

Unsere größten Märkte sind Japan, die EU, insbesondere Spanien und Italien, sowie die USA. Die Wirtschaftskrise bekommen wir schon zu spüren: In den vergangenen Monaten haben wir kaum verkaufen können. Aber langsam wird es wieder, nächstes Jahr wird das Geschäft bestimmt wieder normal laufen.

Zum Weizentrinken nach Singapur

Ich musste am Anfang Indonesisch lernen. Verständigen konnte ich mich relativ schnell. Um sich aber richtig unterhalten zu können, braucht es gut zwei Jahre. Englisch sprechen die Menschen hier nur, wo Touristen sind. Und da sind wir eben nicht, denn wir brauchen eine unberührte Gegend.

Das Essen auf den Farmen besteht eigentlich immer aus den gleichen Zutaten: Reis, Huhn, Fisch und Gemüse, vor allem Kangkung, der Wasserspinat, ist sehr beliebt - ebenso wie Chilli, hier wird scharf gegessen. Eine Spezialität sind Sate-Spieße: Hühner-, Ziegen- oder Rindfleisch wird in kleine Stücke geschnitten, aufgespießt und gegrillt.

Es wird kein Unterschied zwischen den Mahlzeiten gemacht. Auch zum Frühstück gibt es warmes Essen. Früher konnte man hier noch Hefeweizen kaufen, doch 2005 lief die Einfuhrlizenz aus und wurde nicht verlängert. Nun muss ich schon nach Singapur fliegen, dort gibt es ein Brauhaus von Paulaner.

Auf Lombok leben einige Ausländer, die deutschsprachigen sind angeblich die größte Gruppe. Ein Österreicher betreibt hier eine Kneipe, da treffen wir uns oft und sprechen Deutsch. Viele Ausländer kommen nach Lombok, um hier ihren Ruhestand zu verbringen. Das Leben hier ist schließlich billig, die Wohnungen sind sehr kostengünstig zu haben.

Pak Jens soll helfen

Im Betrieb musste ich mich erst an das Konzept des Gesichtwahrens gewöhnen: Wenn jemand einen groben Fehler gemacht hat, ist es nicht erwünscht, dass er angeschnauzt wird, schon gar nicht vor anderen Leuten. Man muss dem Mitarbeiter zur Seite nehmen und freundlich, aber bestimmt sagen: Das musst du besser machen. Sicher, das ist in Deutschland ähnlich, aber die persönliche Ehre spielt hier schon eine viel größere Rolle.

Meine Mitarbeiter nennen mich Pak, das ist die Kurzform von Bapak und bedeutet Vater. Es ist durchaus wörtlich zu verstehen, da erwartet wird, dass man auch bei persönlichen Problemen wie Ehekrach oder Geldnot hilft. Pak Jens - damit habe ich mich nie wirklich anfreunden können.

Allgemein haben die Menschen hier ein anderes Verhältnis zu Arbeit und Freizeit: Es gibt kaum einen Unterschied. Wenn ich Samstagabend irgendwo gemütlich sitze, kann es passieren, dass ein Mitarbeiter kommt und lange über die Arbeit reden und Dinge besprechen will, die man auch unter der Woche klären könnte.

Eine sehr wichtige Rolle spielt bei der Arbeit auch die Religion: Auf Lombok sind fast alle Muslime. Im Ramadan versuchen wir soweit möglich, schwere Arbeit nicht-fastenden Christen oder Hindus zu geben.

Spuckende Vulkane und steile Hänge

Die Menschen hier sind eher unpolitisch. Oft wurde mir von Arbeitern gesagt, Wählen sei nur etwas für Städter. Unter uns Managern sprechen wir sehr offen über Politik. Sonst passe ich auf, wem ich meine Meinung sage, man kann hier nie wissen, wie es weitergegeben wird und wer es zu Ohren bekommt.

Für meine Hobbys ist die Gegend hier perfekt: Tauchen und Wandern. Es gibt hier sehr viele wunderbare Riffe. Und es gibt sehr viele aktive Vulkane. Die besteige ich und verbringe die Nacht manchmal im Zelt. Zurzeit sind der Krakatau sowie der Rinjani hier auf Lombok besonders interessant. Beide Vulkane spucken seit Monaten Lava. Allgemein ist es aber so, dass man hier sehr wenig allein sein kann. In Deutschland kann man in den Wald gehen, auf Lombok gibt es kaum naturbelassene Flächen - und die sind meist Steilhänge.

Vor allem auf den Straßen wimmelt es nur so von Menschen. Der Verkehr ist lebensgefährlich. Die Leute fahren sehr schnell und sehr unvorsichtig und sind mit allen möglichen Gefährten unterwegs: Mopeds, Autos, Fahrräder, Kutschen. Bei einem Unfall habe ich mir mal einen Fuß aufgeschlitzt. Wenn ich mit meinem Moped zur Farm fahre, ist es normal, an mindestens einem Unfall vorbei zu kommen.

Obwohl ich mich gerade auf Lombok pudelwohl fühle, werde ich im November zurück nach Australien gehen. Nach zehn Jahren in Indonesien brauche ich einfach mal wieder einen Tapetenwechsel. Allerdings bleibe ich der Perlenzucht treu und werde für eine Firma in Broome, dem australischen Perlenzuchtzentrum, arbeiten."

Aufgezeichnet von Birger Menke

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