SPIEGEL ONLINE: In einem Ratgeberbüchlein haben Sie Benimmregeln speziell für Ingenieure gesammelt. In welchen Bereichen braucht gerade diese Berufsgruppe Nachhilfe?
Birgit Wolf: Man muss die ganze Bandbreite der Etikette anwenden, weil Ingenieure sehr bodenständig sind. Zugleich müssen sie recht unterschiedliche Arbeitsfelder abdecken, mal mit Kundenkontakt und mal ohne.
SPIEGEL ONLINE: Müssen Ingenieure nicht selber wissen, was sich gehört? Das sind doch kluge Leute.
Wolf: Fachlich ja, aber mit Auftreten, äußerer Erscheinung und Umgangsformen beschäftigt sich kaum einer näher. Gerade bei der Bekleidung ist da viel Bedarf.
SPIEGEL ONLINE: Ingenieure ziehen sich nicht richtig an?
Wolf: Oft gehen sie ja direkt von der Baustelle in ein Geschäftsgespräch oder umgekehrt. Weil sie sich viel mit technischen Dingen auseinandersetzen, wird weniger aufs Auftreten geachtet. Banker dagegen stecken in einer Art Uniform, da ist klar, was man anzieht.
SPIEGEL ONLINE: Wie kommt denn der Ingenieur daher?
Wolf: Ich hatte schon Menschen in Sandalen vor mir, die einen Rucksack dabei hatten. Oft sind sie einfach unsicher, was richtig ist.
SPIEGEL ONLINE: Was gibt es noch für Modesünden?
Wolf: Im Sommer werden tatsächlich die kurzen Hosen aus dem Schrank geholt, und das Wetter muss als Entschuldigung für den Freizeitlook herhalten. Das sieht nachlässig aus und vermittelt, dass man sich nicht ernsthaft für die Arbeit interessiert.
SPIEGEL ONLINE: Zählt denn Bequemlichkeit gar nicht?
Wolf: Im Sommer gilt: Schwitzen gehört zum Geschäft. Sicher kann es in technischen Berufen etwas legerer zugehen, vor allem wenn ich sehen, dass die Chefs auch locker gekleidet sind und ich keinen Kundentermin habe.
SPIEGEL ONLINE: Der Ingenieur soll mit Ihrer Hilfe Business-kompatibel werden. Was, wenn ein Ingenieur gern schick auftritt, so aber auf dem Bau oder in der Werkshalle nicht klarkommt - kann der Ratschlag dann auch "Dress Down" heißen?
Wolf: Sicher, man will ja auf der Baustelle nicht als der Business-Kasper daherkommen.
SPIEGEL ONLINE: Moderne Firmen etwa im IT-Bereich oder der Kreativbranche betonen extra das Legere. Ist es nicht altbacken, zu sehr auf Etikette und Stil zu pochen?
Wolf: Ich warne davor, Kleidung zu locker zu nehmen. Der erste Eindruck ist entscheidend, den Ausspruch kennen wir alle. Die Energie, die man in Ausbildung und Studium gesteckt hat, muss man von Anfang an nach außen transportieren.
SPIEGEL ONLINE: "Frech gewinnt" ist auch eine Redensart. Wer überzeugt eher: ein legerer Selbstbewusster oder einer in Schlips und Kragen, der unsicher ist?
Wolf: Das Gesamtpaket sollte stimmen. Es muss authentisch wirken. Man sollte schon selbstbewusst auftreten, aber auch durch die Kleidung zeigen, dass man sich der Situation bewusst ist.
SPIEGEL ONLINE: Bringt denn Coaching was, wenn vor allem der authentische Auftritt zählt?
Wolf: Schon, denn es kommt vor, dass ich den Menschen Sachen sage, die sie noch nie zuvor gehört haben. Oder die Leute werden durch Coaching in Dingen bestärkt, die sie ansatzweise schon wissen.
SPIEGEL ONLINE: Können Ingenieure im Small Talk punkten?
Wolf: Auch ein Problem: Erst mal schauen sie auf den Boden, dann folgt Einsilbigkeit. Wenn jemand wortkarg ist, ziehen sich Gespräche wie Kaugummi. Es gibt natürlich auch ein Zuviel. Wenn einer loslegt und nicht mehr aufhört zu quasseln, ist das auch ganz schlimm.
SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Ingenieure im Bekanntenkreis?
Wolf: Ja, habe ich. Die sind auch eher locker und leger, was ja auch in Ordnung ist.
Das Interview führte Christoph Titz
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