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20.10.2009
 

Akademische Rituale

Tod den Tagungsbänden!

Uni-Bibliothek (in Konstanz): Da ist doch sicher noch Platz für ein paar TagungsbändeZur Großansicht
dapd

Uni-Bibliothek (in Konstanz): Da ist doch sicher noch Platz für ein paar Tagungsbände

2. Teil: Pinguin-Alarm, die Cellofreunde Ostbevern fiedeln auf: Schickt die Streicher in Rente!

Nun gut, wem dienen solche Tagungsbände dann überhaupt? Den Konferenzveranstaltern. Und genau darin liegt das Perfide. Es geht um die Befriedigung von Eitelkeiten. Der Veranstalter will aller Welt demonstrieren, dass er auch einmal einen Kongress organisiert hat, und zeigen, welch "tolle Hechte" damals da waren. Dabei zahlen Organisatoren gerade dabei oft einen hohen, bisweilen sogar zu hohen Preis. Langweilige Vorträge, genervte Zuhörer, gepeinigte Referenten - alles ad gloriam "dei".

Deshalb: Tod den Tagungsbänden! Weg mit den peinigenden Rufen nach Vortragsmanuskripten! Und wer auch immer von Tagungsbänden bedroht wird, kopiere diesen Text und lege ihn den Tagungsorganisatoren mit dem Hinweis vor: Es gilt das gesprochene Wort.

Wenn wir nun aber schon dabei sind, akademische Rituale zu hinterfragen: Haben nicht auch die Streicher ihre Rente längst verdient? Da sitzt man bei einem Festakt in der Aula. Der Tag war lang, die Sitze hart. Zwei Stunden lang hörte man Grußworte, Laudationes und natürlich den Festvortrag. Er neigt sich nun dem Ende zu. Die Beine freuen sich schon auf Bewegung, der Rest des Körpers auf Sekt. Da sammeln sich rechts an der Bühne drei große Pinguine, nein Menschen mit Fracks und Geigen - und allen ist klar: Nach diesem Vortrag beginnt der Grusel, das Trauma, der Wahn in Form des sogenannten musikalischen Ausklangs: Haydn, Andante cis-Moll aus der Sonate mis-Moll Opus 54. Gespielt von der Camerata Trajabata, dem Trio Lübbe-Schenking, den Cellofreunden Ostbevern.

Langsam nickt das Publikum ein

Am Ende wird natürlich höflich geklatscht. Denn keiner wagt es auszusprechen: Das Gefiedel war überflüssig. Wer hat sich, als er zum Festakt ging, auf diesen Klassik-Schnipsel gefreut? Wer klassische Musik liebt und hören will, möchte dies wohl eher in wohlproportionierten Musikhallen tun. Er erwartet jedenfalls nicht, bei Festakten in dafür nicht eingerichteten Hallen mit klassischer Musik "berieselt" zu werden.

Und auch für die beteiligten Musiker ist der Auftritt keine Freude. Denn vor ihm sitzt eine amorphe Masse von Musik-Zombies, die langsam vor sich hin dämmert und gelegentlich sogar vor sich hin schläft. Und so entsteht ein gefährlicher Circulus vitiosus: Je gelangweilter das Publikum, desto gelangweilter die Musiker. Und wer gewinnt? Wohl wieder (s.o.) der Veranstalter, der sich in dem Gefühl sonnen kann, einem bürgerlichen Bildungsideal gehuldigt zu haben, das wohl Produkt des späten 19. Jahrhunderts ist.

Es geht aber auch anders, zeitgemäßer. Warum nicht mal was Witziges, Modernes, Unterhaltsames als musikalisches Intermezzo? Eine Jazz-Kombo, Dixieland-Band, Blues-Truppe, HipHop-Gang. Selbst mancher Gospelgesang ist erquickender als die Kammer-Klampf-Krampfmusik.

Deshalb hier die fünf ultimativen Flops (die wir in Zukunft nicht mehr bei universitären Feiern hören wollen):

  • Antonín Dvorák: Allegro aus der Sonatine G-Dur op. 100 für Violine und Klavier
  • Franz Schubert: Allegretto B-Dur, DV 593, Nr. 1
  • W. A. Mozart: Allegro aus dem Divertimento F-Dur
  • W. A. Mozart: Rondo aus dem Divertimento F-Dur
  • W. A. Mozart: Andante C-Dur KV 314


Der Beitrag erschien im Universitätsmagazin "duz" sowie in kürzerer Fassung in der Fachzeitschrift "NJW - Neue Juristische Wochenschrift".

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Zur Person

DPA
Thomas Hoeren, geboren 1961 in Dinslaken, hat eigentlich recht viel für seine Nächsten übrig: Hoeren studierte zwischen 1980 und 1987 in Münster, Tübingen und London nicht nur Rechtswissenschaften, sondern auch Theologie. 1986 erwarb er sogar den Grad eines Kirchlichen Lizenziaten der Theologie. Sein Sendungsbewusstsein trieb Hoeren schließlich aber doch in den Hörsaal. Nach zwei Jahren als Professor für Bürgerliches Recht und Internationales Wirtschaftsrecht an der Universität Düsseldorf wechselte er im April 1997 an die Universität Münster, wo er sich mit einer unterhaltsamen Vortragsweise eine beachtliche Fangemeinde schuf.

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