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29.10.2009
 

Als Lehrer in China

Moonwalk macht müde Schüler munter

China: Jacko gegen Fließbandteaching
Fotos
Jan-Christoph Kammann

Täglich zwölf Stunden Unterricht plus Hausaufgaben - enormer Leistungsdruck macht chinesische Schüler oft schläfrig. Als Englischlehrer in Chanchun experimentiert Jan-Christoph Kammann alias Yang Laoshi mit Kulturhappen. Und entdeckt die hypnotische Wirkung von Michael-Jackson-Songs.

Die ersten beiden richtigen Unterrichtswochen an der Schule in Chanchun habe ich geschafft und versuche, Schülern im Alter zwischen 12 und 15 die englische Sprache näher bringen. 21 Stunden in 21 Klassen - das hat so seine Vor- und Nachteile. Natürlich kann ich den Stoff recyceln, aber es ist auch stumpf, so oft das gleiche zu erzählen, donnerstags sogar sieben Mal hintereinander. Zwischendurch habe ich mich gefühlt, als könnte ich mir selbst bei der Arbeit zusehen. In diesen Stunden kann ich dann entspannt am Rand Platz nehmen und beobachten, wie ein anderer, der so aussieht wie ich, meine Arbeit macht.

In der ersten Stunde habe ich noch versucht, mir die Namen der Schüler zu merken. Unmöglich. So sehr ich auch dagegen kämpfe - nach ein paar Stunden nehme ich die Schüler nur noch als gleichförmige Masse in blauen Trainingsanzügen wahr. Und die englischen Namen, die sie sich ausgesucht haben, wiederholen sich ständig: Kevin, Peter, Jack und Linda, Nicole, Tracy. Namen sind aber auch nicht so wichtig. Die Schüler sind dazu übergegangen, mich schlicht "Teacher" statt "Yang Laoshi" zu rufen.

Zum Stundenbeginn werde ich stets begrüßt mit euphorischem Jubel: "Hello Teacher! How are you?" Ich stelle mich vor und erzähle, wo ich herkomme. Jeder kennt Volkswagen, Deutschland auf der Karte zeigen kann keiner. Ja nun, wir sind im Englischunterricht. England findet aber auch niemand, die USA und Kanada dagegen schon, weil es so große Länder sind. Und Neuseeland auch - weil es so bemitleidenswert klein ist.

21 Mal "Yesterday"

Als ich Deutschland auf der Karte zeige, wundern sich alle über die mickrige Größe. Von einer so großen Autonation kann man ja wohl etwas mehr Fläche erwarten! Einige wirken enttäuscht, andere belustigt. "Zhong Guo hen da" (China ist sehr groß), sage ich und habe die Sympathien auf meiner Seite.

Mein Plan: In meiner Zeit als Yang Laoshi gehe ich die wichtigsten englischsprachigen Länder durch. Länderkunde gibt so einiges her, von bedeutenden Städten über Königinnen und Präsidenten bis zu Essen, Sport, Freizeit, Tieren, Musik.

Erste Woche, England. Eines wissen alle: dass der "Big Ben" existiert. Er taucht im Lehrbuch auf. Und zum Glück gibt es die Olympischen Spiele - 2008 Peking, 2012 London. Das wissen ebenfalls alle. Nur nicht, dass London in England liegt. "Auch der Big Ben steht in London", erwähne ich beiläufig. Verdutzte Blicke. Weiter geht's mit Essen. Das läuft hervorragend, man kann es gut mit Tieren und Pflanzen verbinden. Ich erfahre sogar von der Existenz eines "Meat-Trees".

Den Schlussakkord in meinen Stunden setzt diese Woche John Lennon. Am Ende habe ich in fünf Tagen 21-mal "Yesterday" vor insgesamt 630 Schülern gesungen, unzählige Witze über Queen Elizabeth gerissen und eine Inventur der englischen und chinesischen Esskultur unternommen. Zum Abschied hieß es dann immer im Chor und in einer Wahnsinnslautstärke: "Bye bye teacher!"

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Zum Autor

Jan-Christoph Kammann

Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.


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