Von Oliver Trenkamp
Einen "Ort für postfamiliäre Terrorzusammenhänge" hat Joschka Fischer einmal seine Wohngemeinschaft zu Frankfurter Sponti-Zeiten genannt. Denn in den WGs der siebziger Jahre wurde die Weltrevolution vorbereitet; jede Diskussion drehte sich schnell um das große Ganze, um Wahrheit, Gerechtigkeit, Zukunft. Nur scheiterte dann alles an der Frage: Wer wäscht ab?
Um das große Ganze, um Zukunft, Gerechtigkeit, Wahrheit geht es auch in einer WG in Berlin-Tempelhof, aber eher nebenbei. Es geht vor allem um die Fragen: Wie wollen wir arbeiten? Und wie lassen sich unsere Ideen vermarkten? 28 Designer, Firmengründer, Musikmanager, Künstler, Techniker, Banker leben hier zusammen in einer alten Brauerei, der Malzfabrik, wenn auch nur auf Zeit.
Für sechs Wochen sind sie angereist, aus Indien, Mexiko und Russland; insgesamt 13 Nationen sind hier vertreten. Die Teilnehmer wohnen dicht an dicht in Schlafkojen aus Spanplatten im ersten Stock, drei Quadratmeter Privatsphäre für jeden. Was sie eint: Alle sind unter 30, verstehen sich als Angehörige einer "digitalen Generation" und können sich nicht vorstellen, morgens ins Büro zu trotten, acht Stunden zu arbeiten und dann wieder nach Hause zu gehen.
Sie verstehen sich als "Do-Tank" - nicht als "Think-Tank"
Seit dem 9. Oktober entwerfen sie Pläne, wie sie die Arbeitswelt verändern können, entwickeln Programme und Geräte, um Entwicklungshilfe effizienter und Bürojobs angenehmer zu machen. Etwa eine Handy-Software zum Datensammeln oder einen digitalen Notizblock, der Geschriebenes per Kamera erfasst und in Daten umwandelt, egal ob man es an eine Wand gesprüht oder per Tastatur auf einen Bildschirm getippt hat. Manchmal kommt auch einfach eine Spielerei heraus. Leuchtstoffröhren, Holzlatten und einen Mini-Computer haben sie zu einer Art Riesendisplay verschraubt, auf dem Twitter-Nachrichten und SMS in metergroßen Buchstaben erscheinen.
Die Kernarbeitszeit geht von 12 Uhr mittags bis nachts um drei, sagt Jonathan Imme, 25, genannt Johny, gestreifte Kapuzenjacke, 751 ungelesene Mails im Googlemail-Postfach. Er und fünf seiner Freunde haben das alles organisiert, sie sind das Kernteam von "Palomar 5": Die Veranstaltung ist eine Mischung aus Klassenfahrt, Konferenz, Bastelstunde, Motivationstraining und Management-Seminar geworden. Sie verstehen sich als "Do-Tank", nicht als "Think-Tank", sagt Johny. Mehr machen, ohne weniger zu denken, das ist die Idee.
Im Internet suchten sie nach Bewerbern, über 600 meldeten sich an, 70 kamen in die engere Auswahl. Und nach Skype-Interviews wählten Johny und sein Team aus, wer einziehen darf.
"Der Konsens hat meine Idee getötet"
Die "Residents", wie sich die Teilnehmer nennen, sitzen auf dem Boden, einige barfuß. Akkuschrauber liegen herum, Laptops, Kabel, Adapter. Es sieht aus wie ein Werkraum, der dringend mal aufgeräumt werden müsste. Generalprobe für die Abschlussveranstaltung, den "Summit", zu dem sich für diesen Montag Manager großer Firmen angekündigt haben: von IBM, Google, Siemens, SAP, der Post und natürlich der Telekom, die als Hauptsponsor das meiste hier bezahlt.
Für den Konzern ist es ein Experiment, von dem man nicht sagen will, wie viel es kostet. "Wir haben den jungen Leuten ein Budget gegeben, das sie selbstverantwortlich verwalten können", sagt ein Sprecher. Es dürfte einiges sein. Jedenfalls hat es gereicht, die Teilnehmer einfliegen zu lassen, die Räume zu mieten, Werkzeug, Computer, Catering zu bezahlen. Und wenn jemand im Camp etwas braucht, bekommt er es innerhalb von 48 Stunden, sagt Johny Imme, "solange es finanziell darstellbar ist".
Da werden Grafiker rantelefoniert, Experten für E-Paper, Programmierer und Modellbauer. Hauptsache, eine Idee erwacht schnell zum Leben und wird zu einem konkreten Prototyp. Andere Ideen werden rituell beerdigt, als farbige Klebezettel auf einem weißen Pappkreuz mit der Aufschrift: "Consensus killed my idea" - "der Konsens hat meine Idee getötet".
"Wann hattet ihr euren letzten Zen-Moment?"
Die Sponsoren können hier beobachten, wie die Zielgruppe tickt. Und bekommen ein paar Produktideen, die sich vielleicht verwirklichen lassen. Ein Problem hat Johny Imme damit nicht: "Wir sind keine Kunstwerkstatt. Das alles macht nur Sinn, wenn wir die Wirtschaft mit unseren Ideen infizieren." Dazu sagt er schnell, dass einige seiner Kollegen "sozialgetriebener" seien als er, der Wirtschaftsnahe. Häufig diskutieren sie über Social Business und ob sich Geldverdienen und Gutes tun vereinbaren lassen.
Auf der Bühne preist Brad Morris, 25, aus Kanada, gerade seine Idee an: ein zwei Meter hohes ovales Etwas, das er einfach "the egg" nennt, das Ei. "Wann hattet ihr euren letzten Zen-Moment", fragt Brad, "einen Moment absoluter Ruhe?" Schon mit Anfang 20 hatte Brad sich selbstständig gemacht, mit einer Firma, die T-Shirts mit Aufdrucken zu Bier, Autos und Frauen vertrieb. "Ich wurde zu jemand, der ich nicht sein wollte", sagt er. Also änderte er sein Leben, entdeckte Yoga und Meditation und verdient heute Geld, indem er Managern beibringt, zur Ruhe zu kommen. Eine Art Entspannungscoach.
Das Ei, das Brad zusammen mit anderen Residents gebaut hat, ist der Prototyp für eine kleine, schalldichte Kammer, die man sich ins Büro oder ins Wohnzimmer stellen soll und in die man sich zum Meditieren und Ausruhen zurückziehen kann. Es gibt einen selbstgedrehten Werbe-Spot dazu, das kommt auch bei den "Realitycheckern" gut an. So heißen hier Manager und Trainer, die sich alle paar Wochen die Ideen präsentieren lassen. Jetzt, in der Schlussphase, geht es nicht mehr um grundlegende Kritik, sondern ums Feilen an der Darstellung.
Die Wahrheit kostet mündlich fünf Dollar, schriftlich sieben Dollar
Für die Wahrheit unter den Residents ist Zeesy Powers zuständig, auch sie aus Kanada. Ihr Projekt heißt "Total Honesty" und funktioniert ziemlich einfach: "Für fünf Dollar sage ich Dir ehrlich, was ich über Dich denke, für zwei Dollar mehr schreibe ich es auf." Man kann ihr ein Foto per Mail schicken oder sie via Skype erreichen. Jetzt erklärt sie Brad auf der Bühne, was sie von seinen langen Haaren hält (wenig) und dass sie glaubt, er sei noch ziemlich unentschieden, was sein Outfit angehe.
So sehr sie alle schwärmen, wie viel Spaß es ihnen macht, wie produktiv sie sind - so anstrengend ist es auch, das enge Zusammenleben und die viele Arbeit, vor allem für das Kernteam. Johny Imme ist schon schwer angeschlagen, eine Hand hat er sich gebrochen, kurz vor Schluss hat ihn noch eine Grippe erwischt. "Bis auf drei Tage zu surfen, habe ich in diesem Jahr noch keinen Urlaub gemacht", sagt er.
Doch die größte Hürde hat die WG der digitalen Weltverbesserer schon während der ersten Tage gemeistert. Weil überall schmutzige Teller und Gläser herumstanden, und sich immer dieselben Leute um den Abwasch kümmerten, wurden Tischdienste eingeteilt. Jetzt muss nur noch der Rest klappen.
© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH