Von Christine Prußky
Zum Jahresende waren sie in der Post: die Dankesschreiben des Präsidenten und dazu Geschenke. Ein Buch, vielleicht ein Bildband. Es sind kleine Zeichen der Wertschätzung, die der Deutsche Akademische Austauschdienst seinen rund 600 Gutachtern in Deutschland schickt. Mehr ist nicht drin für sie: "Wir zahlen unseren Gutachtern außer Reisekosten keinen müden Pfennig", sagt DAAD-Generalsekretär Dr. Christian Bode.
Was so knapp formuliert recht drastisch klingt, ist nicht etwa Folge der Wirtschafts- und Finanzkrise. Nein, das Vorgehen hat im Wissenschaftsland Deutschland Tradition und Methode: von der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (AvH) und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) über die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) bis hin zum Wissenschaftsrat (WR).
Wenn Deutschlands Wissenschaftsorganisationen professorale Expertisen benötigen, wenn also Forschungsanträge bewertet, Stipendien, Preise oder auch Stellen vergeben werden, dann brauchen sie anscheinend nur zu rufen - und später Danke zu sagen. In die Kasse muss da keiner greifen. Wie das geht? Ganz einfach: Keiner hält die Hand auf.
Eine Frage der Ehre
Ökonomisierung der Wissenschaft hin oder her: Für Deutschlands Professoren ist es offenbar immer noch "Ehrensache", als Peer aktiv zu sein. Nach Geld wird da nicht gefragt. Doch wäre es wirklich so unsittlich, sich für die Stunden und Tage honorieren zu lassen, die es kostet, um sich durch Forschungsanträge zu ackern, Auswahlgespräche mit potenziellen Stipendiaten zu führen und am Ende die Empfehlung zu verfassen?
Die Spreu vom Weizen trennen. Was bisweilen leicht und schnell erledigt ist, kann manchmal einfach nur lästig sein und abhalten von dem, was unbestritten zur Dienstpflicht des Professors gehört: Forschung und Lehre nämlich. Dass auch das Schreiben von Gutachten zum Professorenberuf gehört, ist dagegen juristisch längst nicht ausgemacht. Prof. Dr. Max Emanuel Geis, Staatsrechtler an der Universität Erlangen-Nürnberg, nennt derlei Behauptungen jedenfalls schlicht "Humbug". Für Geis gehören "Gutachten nur zur Dienstpflicht eines Professors, wenn sie vom Dienstherren, also dem Rektor beziehungsweise Präsidenten oder dem Ministerium, explizit bestellt werden. Als Peer für eine Forschungsförderorganisation tätig zu sein, gehört zwar auch zum wissenschaftlichen Leben in Deutschland. Die Teilnahme an diesem Leben beruht aber auf einer freien Entscheidung des Professors." Mit anderen Worten: Die Profs könnten geschlossen Nein sagen, Honorare fordern - und damit das gesamte Vergabesystem in Deutschland auf den Kopf stellen.
Realistisch ist das Szenario zwar nicht, doch macht es deutlich: Die Exzellenz des Wissenschaftsstandortes Deutschland steht und fällt mit dem guten Willen seiner Peers. Wollten Deutschlands Professoren Geld für ihre Gutachterdienste sehen, würden die Fördertöpfe schrumpfen.
"Jeder weiß, dass die Finanzen in der Wissenschaft begrenzt sind und Geld, das für Aufwandsentschädigungen gezahlt würde, nicht mehr für die Forschung in Laboren und Bibliotheken zur Verfügung stünde", erklärt Dr. Enno Aufderheide, Leiter der Abteilung Forschungspolitik der Max-Planck-Gesellschaft, den Mechanismus - und mit ihr die Methode, die Wissenschaftsmanager und -politiker im Ausland mit Neid erfüllen muss. Solange sie denn funktioniert.
"In anderen Ländern werden wir dafür bewundert"
"In anderen Ländern werden wir dafür bewundert", sagt Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und meint mit "dafür" das in Deutschlands Wissensszene geltende Prinzip der Unentgeltlichkeit. Tatsächlich müssen Wissenschaftsorganisationen in konkurrierenden Forschernationen wie den USA oder Großbritannien erhebliche Summen für Gutachter ausgeben. "Ich kenne Kollegen in Cambridge, die 2000 Pfund wollen, wenn ich sie bitten würde, ein Habilitationsgutachten zu schreiben", bestätigt der Präsident der Alexander-von-Humboldt-Stiftung, Prof. Dr. Helmut Schwarz.
Dass Honorare im Ausland gängig sind, wissen deutsche Profs natürlich. Und doch lassen sie sich davon offensichtlich nicht beeindrucken, wie eine Studie des Bonner Instituts für Forschungsinformation und Qualitätssicherung aus dem Jahr 2007 zeigt. Sie beruht auf einer Befragung von Mitgliedern der DFG-Fachkollegien, den Professoren also, die im Peer-Review-System der DFG auf die Qualität der Begutachtungen achten sollen. Ergebnis der Studie: Die absolute Mehrheit der Befragten steht einer finanziellen Entschädigung der Fachkollegiaten ablehnend gegenüber.
Altruisten sind Deutschlands Professoren deshalb jedoch noch lange nicht. Im Gegenteil. Auch wenn kein Geld fließt, basiert das Gutachterwesen doch auch in Deutschland auf geschäftsähnlichen Prinzipien. "Bei der Begutachtung von manchen Anträgen lerne ich selbst dazu", erklärt zum Beispiel der Vizepräsident der TU Braunschweig, Prof. Dr. Müfit Bahadir. Sein Hauptmotiv aber ist ein anderes: "Es ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen: Wenn ich selbst evaluiert werde und Forschungsanträge einreiche, erwarte ich auch ein ordentliches Gutachten."
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Das ist ja eine Entwicklung, die sich längst nicht nur auf Professoren beschränkt. Ich finde es nur immer wieder erstaunlich, dass gerade diejenigen Berufsgruppen, die auch nach neuen tariflichen Bedingungen noch zu den [...] mehr...
Ich weiß zwar nicht, wie es im Ausland nun tatsächlich ist, aber mich wundert es schon, was sich Professoren in Deutschland alles gefallen lassen (müssen). Die massive Gehaltskürzung im Zuge der Umstellung C- zu W-Besoldung wurde [...] mehr...
"In anderen Ländern werden wir dafür bewundert", sagt Dorothee Dzwonnek, Generalsekretärin der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und meint mit "dafür" das in Deutschlands Wissensszene geltende Prinzip der [...] mehr...
Dass Peer Reviews (der englische Begriff drueckt besser aus, um was es geht, weil das deutsche Wort "Gutachten" sowohl diese als auch Gutachten fuer nichtwissenscahftliche Auftraggeber beinhaltet. Letzere werden [...] mehr...
Also das mit dem Erstellen der Gutachten "während der Arbeitzeit der Professoren" ist so eine Sache: Für Professoren gibt es sowieso keine Arbeitszeitvorgaben (abgesehen von den Lehrverpflichtungsstunden) - und allein [...] mehr...
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