Frage: Herr Prof. Brück, Sie schreiben selbst jede Menge Gutachten. Kommen Sie daneben noch zu Ihrer eigentlichen Arbeit?
Brück: Zeit ist immer knapp. Aber wenn ich ein neues Forschungspapier begutachte, das zu meinem Kernthema gehört, dann ist das auch Forschung. Für mich ist es dann spannend, und ich mache es gerne. Wenn ich das Gefühl habe, ich kann mich nicht kompetent äußern, lehne ich auch Anfragen ab.
Frage: Viele Ihrer Kollegen klagen aber über die zunehmende Belastung durch Gutachtenschreiben.
Brück: Ja, die Evaluitis nimmt überhand. Und es ist tatsächlich die Frage, inwieweit viele Begutachtungsprozesse noch sinnvoll und effizient sind. Die Belastung nimmt tendenziell zu und der Nutzen ab. Viele Produkte oder Prozesse werden einer Begutachtung unterworfen, wo man sich fragt, ob sich der Aufwand lohnt bei den Summen, um die es geht - etwa bei Stipendien von ein paar hundert Euro - oder bei der hohen Frequenz, mit der Nachwuchswissenschaftler evaluiert werden. Begutachtungen könnten schlanker und sollten internationaler organisiert werden.
Frage: Sie meinen, die bestehenden Verfahren in Deutschland stoßen an Grenzen?
Brück: Auf jeden Fall! Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, dass, wenn wir ein, zwei oder drei Leute fragen, ein repräsentatives Bild über das zu begutachtende Objekt, die Person oder den Vorgang entsteht. Es bleibt immer ein extrem subjektiver Blick. Und wenn nur eine Person diese drei Gutachter auswählt, dann werden natürlich bestimmte Positionen und Gepflogenheiten repliziert. Das ist sehr kritisch zu sehen.
Frage: Was also muss getan werden, um die Qualität von Gutachten zu sichern?
Brück: Ich glaube, dass die traditionellen Begutachtungsverfahren im Zuge des Internets und der Internationalisierung zunehmend hinfällig werden. Wir müssen zu einem offenen Verfahren kommen, wo beide Seiten wissen, wer jeweils beteiligt ist. Es gibt ja zwei Extreme: einerseits das totale Anonymisieren und andererseits die komplette Offenlegung. In Deutschland haben wir derzeit genau eine Mischung von beiden. Das ist ein sehr altmodisches und aufwendiges Verfahren für vermeintlich objektive Entscheidungen. Wir brauchen einen Begutachtungsprozess im Sinne des Web 2.0, wo sich die Scientific Community gegenseitig einschätzt, Gutachter sich eine Reputation aufbauen, Entscheidungen und Kommentare nachvollziehbarer sind und jeder sich eine eigene Meinung bilden muss.
Frage: Klingt innovativ. Aber wie soll der Peer Review 2.0 konkret funktionieren?
Brück: So wie beim modernen Publizieren. Wissenschaftler würden ihre Forschungspapiere auf dem Server publizieren. Jeder Peer weltweit könnte dann Kommentare anfügen. Aber auch der Kommentator kann wiederum bewertet werden. Es werden Durchschnitte gebildet, etwa welcher Antrag oder welche Person von der Online-Community am wichtigsten angesehen wird. Ich könnte dann aber auch sagen, die fünf Bewertenden finde ich gut, deren Meinung schätze ich, und ich könnte fragen, welche Papiere oder Projekte bewerten sie für gut?
Frage: Sind Sie Ihrer Zeit zu weit voraus?
Brück: Jedes Verfahren der Qualitätskontrolle hat Vor- und Nachteile. Aber sich auf ein Verfahren zu kaprizieren, weil wir das schon immer so gemacht haben, ist ein bisschen schwach. Das offene Verfahren würde dazu führen, dass die Belastung der Gutachter sinkt, weil eben nicht ein anonym bestellter und subjektiv ausgewählter Gutachter eine vermeintlich wichtige Entscheidungsrolle hätte, die hochgradig nicht repräsentativ ist. Letztendlich geht es ja darum, gute Wissenschaft zu machen. Wir wollen neue und gute Ideen herausfiltern. Wenn unterschiedliche, namentlich bekannte Nutzer eine Bewertung abgeben, entsteht daraus ein transparentes und repräsentatives Bild. Natürlich ist das ein komplexes System, das aber durch die Technik handhabbar wird. Noch sehe ich keine Ansätze in diese Richtung. Aber diese Diskussion wird kommen, schon allein wegen des Drucks durch die Technik.
Frage: Würden Sie als Peer einer Online-Community mehr Gutachten produzieren?
Brück: Ich würde viel stärker aussuchen, wozu und wie ich mich äußere. Ich würde wohl weniger, aber besser schreiben.
Lesen Sie hier mehr über die Peers in der Wissenschaft
Das Interview führte Christine Xuân Müller, Redakteurin der "duz"
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@raiman #3 (das war ich selbst ;-) Sorry, liebe SPON-Leute: jetzt habe ich mich so auf die Quelle duz konzentriert, dass ich erst jetzt wahrgenommen habe, dass auch der von mir so gelobte Hintergrundartikel "Die netten [...] mehr...
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Da gibt es eine "Unabhängige deutsche Universitätszeitung (duz)" http://www.duz.de/index.html, die sich unter dem Titelthema "Arbeiten wie Aschenputtel" in ihrer Ausgabe Dezember/2009 mit der Gutachtenpraxis [...] mehr...
Nettes Interview, allerdings möchte ich eines doch anmerken: Das Problem bei Begutatchtungen in der Wissenschaft ist IMO weniger der damit verbundene Zeitaufwand, sondern vielmehr die Tatsache, dass es dabei nur in den [...] mehr...
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