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03.02.2010
 

Studenten im Optimierungswahn

Karriere, Karriere, Knick

Von Klaus Werle

2. Teil: Warum die Anna-Lenas auf die Nase fallen können

Was Bologna nachweisbar geschmälert hat, ist die Zeit (und Lust) fürs außeruniversitäre Engagement oder auch fürs Auslandsjahr. Der Jetzt-Student betrachtet Studieren als Job, verzichtet auf intellektuelles Sich-Ausprobieren und Weltverbessern. Doch gerade der Hang, das zu tun, was (scheinbar) gerade nachgefragt ist (und was deshalb alle tun), hindert ihn, ein eigenes Profil zu entwickeln. Der Optimierungsmodus wird zur Barriere vor dem eigentlichen Ziel: herauszuragen aus der Masse.

Welchen Job Anna-Lena anstrebt? Sie zuckt mit den Schultern, hat bei all den Praktika keinen Beruf gefunden, der ihr gefällt. Die Steuerkanzlei - zu trocken. Der Konsumartikler - "soll ich mein Leben lang Weichspüler verkaufen?" Die Wirklichkeit kann kaum mithalten mit dem perfekt ziselierten Lebensplan. Oder sie hat sich darüber tatsächlich noch keine Gedanken, sondern immer nur den nächsten Haken im Lebenslauf gemacht. Sich breit aufstellen, alles aufs große Ziel ausrichten - auch wenn es im dichten Nebel liegt.

Anna-Lenas Gegenüber im Bewerbungsgespräch heißt Stephan Jansen, Präsident der Zeppelin-Uni. Der Enddreißiger will ihr eine Brücke bauen: Könnte sie frei wählen, wie sähe dann ihr Leben aus? Anna-Lena guckt ratlos. Schule, Praktika, Bachelor - immer war sie top, hat Erwartungen übertroffen. Indes: Immer konnte sie sich an Erwartungen orientieren. Was sie selbst will, war selten Thema. "Frei wählen? Das ist doch ein Trick, oder?", fragt sie und lächelt verschwörerisch.

Wanted: Menschen mit Köpfchen und Neugier

In seinem Buch "The Rise of the Creative Class" zeigt der US-Ökonom Richard Florida, wie entscheidend Kreativität für wirtschaftlichen Erfolg ist. Was aber für Volkswirtschaften gilt, gilt in der wissensbasierten Ökonomie erst recht für den Einzelnen: Das Ausgefallene, das besondere Talent machen seinen Erfolg aus. Denn mangelt es etwa der Welt von morgen an Standards, an reproduzierbarem Wissen? An Leuten, die vorgegebene Muster rasch und präzise ausfüllen?


Eher nicht. Woran es fehlt, sind Menschen mit Köpfchen und Neugier. Die mit Kreuzungen, Sackgassen und Umleitungen umgehen können - nicht nur mit Einbahnstraßen. Die mit individuell Besonderem statt mit Mainstream-Wissen überzeugen. Das lernt man nicht, indem man einen normierten Ausbildungskanon im Rekordtempo absolviert.

Viele Studenten galoppieren mit voller Kraft in die Perfektionismusfalle: Wenn es stimmt, dass wir lebenslang lernen müssen, dass Denken in komplexen Zusammenhängen die Schlüsselqualifikation des 21. Jahrhunderts ist - dann ist eine Optimierung anhand vermeintlich verbindlicher Karriereideale ein Irrweg. Wer all sein Wissen und Talent dafür einsetzt, wird bei den wirklichen Herausforderungen versagen: Innovation, unorthodoxe Lösungen, vernetztes Denken sind exakt jene Felder, auf denen Berufseinsteiger sich beweisen und herausragen könnten.

"Sie verlernen, selbst zu denken"

Diese Fähigkeiten fehlen Anna-Lena. Und auch anderen Bewerbern an der Zeppelin-Uni. Morgens hatten sie zusammen eine Firma besucht, die Büroeinrichtungen verleast und zugleich eine große Kunstsammlung besitzt. Synergien sollten sie entwickeln und brüteten zweieinhalb Stunden über ihren Folien. Doch kein einziger von 70 Master-Kandidaten kam auf eine originellere Idee als "Imagepflege".

Uni-Präsident Jansen ringt um Fassung. "Wir haben Büro-Leasing", sagt er langsam, als spräche er zu Zweijährigen, und betont "Leasing", "wir haben Hunderte Gemälde, die im Keller verstauben. Was fällt Ihnen dazu ein?" Anna-Lena spielt an ihren Perlenohrringen, sieht jetzt aus wie ein waidwundes Reh. "Gemälde-Leasing" kommt ihr nicht in den Sinn. "Auf die Frage bin ich nicht vorbereitet", erwidert sie. "Was wollen Sie denn von mir hören?" Jansen sagt: "Es gibt kein Richtig oder Falsch. Ich will, dass Sie selbst überlegen."

Was ihn wurmt: Brav gingen alle Bewerber die Materialien durch. Aber niemand befragte die Firmenmitarbeiter und sammelte weitere Informationen. "Die lernen das, was man ihnen sagt: schematische Tools, stures Anwenden, Rezepte statt Reflektion", sagt Jansen. "Dabei verlernen sie, selbst zu denken."

Einzigartigkeit, seriell produziert, wird uniform. Statt sich wahllos Fähigkeiten anzueignen, die vielleicht wichtig sein könnten, wird eine Frage tatsächlich wichtig: Wer bin ich? Attraktivität auf dem Arbeitsmarkt hat weniger mit Qualifikation zu tun als mit Identität und Selbstbewusstsein. Eine schlechte Nachricht für Anna-Lena. Und für alle, die auf die Blaupause des perfekten Studiums vertrauen.

Der Beitrag ist ein Auszug aus Klaus Werles Buch "Die Perfektionierer" (siehe Kasten links). Zuletzt: Der stressige Alltag der Very Important Babys sowie Karriereturbo mit Fehlzündung

  • Lesen Sie demnächst: Kapitalismus der Gefühle - wie mit dem Drang, moralisch perfekt zu konsumieren, Geld verdient wird

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insgesamt 164 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
12.06.2010 von LaGitana: Ideal und Realität

Ich finde der Artikel enthält sehr viele richtige und wichtige Aussagen und Anprangerungen. Allerdings bleibt die Frage völlig außen vor, in wie weit ein Student, der dem Idealbild des früheren Akadeikers mit dem [...] mehr...

05.02.2010 von mr.gamer: Nicht schlecht.

Endlich spricht mal jemand das Alter in diesem Zusammenhang an, darauf habe ich gewartet. Von einer 21-jährigen würde ich nie soviel verlangen, wie manche der Foristen hier. Egal welche Noten und Abschlüsse sie hätte. Wenn der [...] mehr...

05.02.2010 von john mcclane: Ich gebe keinen Titel mehr an

Doch, ich habs bestanden, im dritten Anlauf nach einem Paukmarathon, wie ich ihn selten mitgemacht habe. War auch mit Note 3,7 Prof hat also kein Auge zugedrückt aus Mitleid. Von den enormen Durchfallquoten wußte ich vorher [...] mehr...

05.02.2010 von asimov1981: Was will ich werden

Als (gezwungener) Langzeit Student melde ich mich auch mal zu Wort. Nachdem ich letztes Jahr mein FH-Studium (Diplom) abgeschlossen habe, begann bei mir wie bei vielen anderen auch die Bewerbungsphase. Leider habe ich den Fehler [...] mehr...

05.02.2010 von hjm: tel für de

Letztlich drückt sich in dem beschriebenen Verhalten der Studenten die immer gleiche Trotzhaltung aus. Einst befreiten sich die Sudenten der späten 60er und 70er Jahren von den bieder-autoritären Eltern und Lehrern der 50er. [...] mehr...

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Zum Autor

Klaus Werle, Jahrgang 1973, studierte Geschichte, Anglistik und Germanistik in Heidelberg und Exeter. Er ist Absolvent der Henri-Nannen-Journalistenschule und heute Redakteur beim manager magazin. Sein Buch "Die Perfektionierer" zeigt, warum das permanente Optimieren in Ausbildung, Beruf und Alltag längst nicht immer die erhofften Vorteile bringt - und wer davon profitiert.

Buchtipp

Klaus Werle:
"Die Perfektionierer"
Warum der Optimierungswahn uns schadet - und wer wirklich davon profitiert.

Campus Verlag; 256 Seiten; 19,90 Euro.

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