Von Kurt F. de Swaaf
Schwetzingen, Schlossplatz Nr. 8: Man könnte glauben, im alten Haus spukt es. Doch der Geist, den man hier ruft, ist ein sehr moderner. Ein bizarr anmutender, rollender Roboter bewegt sich langsam den Gang im ersten Stock entlang. Das summende Etwas braucht anscheinend keine fremde Steuerung, Türecken weicht es geschickt aus. Dank Ultraschall-Sensoren, erklärt Sabine Klinkner, Ingenieurin für Luft- und Raumfahrttechnik, und zeigt dabei auf zwei Metallröhrchen an den vorderen Ecken des Gefährts.
Solero heißt das Wägelchen. Seine sechs Räder werden einzeln angetrieben und sind flexibel aufgehängt. Samtweich rollt eines davon über einen in den Weg gestellten Fuß hinweg. "Er hat sehr gute Klettereigenschaften", sagt Klinkner stolz. Die wird vor allem sein Nachfolger brauchen, denn Solero ist ein Vorläufermodell des "ExoMars-Rover", der 2018 im Rahmen der europäischen Aurora-Mission auf dem Mars landen wird. Und auf dem roten Planeten ist das Gelände nicht gerade einfach.
Sabine Klinkner testet Solero und arbeitet mit an seiner Weiterentwicklung. Klinkner ist eine schlanke, hochgewachsene Frau, ihr Auftreten ist selbstbewusst und charmant zugleich. Die Technik-Expertin lacht viel und redet begeistert über ihren Beruf. Nach einer anstrengenden, langen Woche sehen nur ihre Augen etwas müde aus. Es ist Freitag, nach fünf, und Klinkner gehört offenbar nicht zu denjenigen, die früh nach Hause gehen, auch wenn sie erst vor wenigen Tagen ihre Doktorarbeit zum Drucken gegeben hat. Verteidigt hatte sie ihre fertige Arbeit bereits im Dezember. Ergebnis: magna cum laude.
Maschinenbau war ihr zu grobschlächtig
Die frischgebackene Promovierte hat einen bunten Lebenslauf. Geboren wurde sie 1975 in Greenwich im US-Bundesstaat Connecticut, dort arbeitete ihr Vater als Manager bei IBM. Drei Jahre später zog die Familie zurück nach Deutschland. Als Wohnorte folgten Bingen, dann Berlin und Paris und schließlich Stuttgart. Dort machte Klinkner 1995 ihr Abitur. Mathematik und Physik waren ihre Leistungskurse, "das hat mich immer interessiert und mir Spaß gemacht". Danach war ein technisches Studium der logische Schritt.
Maschinenbau war ihr zu grobschlächtig, und weil Luft- und Raumfahrttechnik "die Verfeinerung des Maschinenbaus ist", fiel ihre Wahl auf dieses Fach. Damit habe sie sich möglichst viele berufliche Optionen offen gehalten, sagt Klinkner. Der Weltraum faszinierte sie zwar schon früh, doch sie ging lange nicht davon aus, tatsächlich in der Branche zu arbeiten. "Als Schülerin dachte ich, das sei zu weit weg. " Und jetzt? Die Raumfahrt ist "das Optimum", sagt die Ingenieurin. "Besser hätte ich es nicht treffen können."
Fühlt sie sich wie eine Exotin, wird sie wie eine solche behandelt? "Nein", sagt sie. Natürlich gebe es ab und an Fragen zu ihrer Berufswahl, das Kollegenverhältnis sei aber ganz normal. "Schräg angeguckt" hat sie noch nie einer, aber sie begegnete jeder Menge Vorurteilen.
Was will die Frau auf so einem teuren Studienplatz?
Schon an ihrer Schule gab es einen Lehrer, der Mädchen eine generelle Matheschwäche unterstellte. Klinkner hatte ihn zwar nicht im Unterricht, doch entmutigen hätte der sie auch nicht können, ist sie sich sicher. "Die Stereotypen haben mich nicht abgeschreckt. Es hat mich eher motiviert, das Gegenteil zu beweisen. Nach dem Motto: 'Jetzt erst recht.'"
Während ihres Studiums an der Uni Stuttgart dann wurde die technikinteressierte junge Frau öfters mit vorgestrigem Denken konfrontiert. Ein Dozent und einige Kommilitonen, auch vollkommen fachfremde, schüttelten unverständig ihre Köpfe, manche fragten gar, ob sie der Meinung sei, dieses Fach studieren zu können. Sie war es, und bald gaben ihr ihre Erfolge Recht. Spätestens nach dem bestandenen Vordiplom sei die Selbsteinschätzung allerdings mit der Realität abgeglichen gewesen, erklärt Sabine Klinker und lächelt kämpferisch. Beweisen musste sie den Skeptikern nichts mehr.
Offensichtlich werden in männerdominierten Bereichen des akademischen Milieus noch immer unterschwellig Barrieren aufgebaut. Ein paar hämische Bemerkungen, eine herablassende Frage: Warum eine Frau einen so kostspieligen Studienplatz belegt, wenn sie später eh nur Kinder kriegt und zu Hause bleibt? Sowas wirkt schleichend verunsichernd.
"Die Mechanismen der schleichenden Demotivation erkennen"
Es sei vor allem wichtig, die Winkelzüge der schleichenden Demotivation zu durchschauen, sagt Klinkner. "Wenn man den Mechanismus erkannt hat, nimmt das nicht mehr so einen starken Einfluss auf einen." Sie arrangierte sich, doch viele Frauen könnten solche Widerstände durchaus zum Aufgeben bringen, meint die Ingenieurin.
Nach Abschluss ihres Studiums mit überdurchschnittlichen Noten 2002 fand Klinkner umgehend eine Stelle bei dem kleinen Raumfahrtunternehmen von Hoerner & Sulger. Die Firma tüftelt seit 1972 an Robotern und Messgeräten und wurde von einer Frau gegründet.
Als Sabine Klinkner eine Promotion ins Auge fasste, überzeugte die Chefin sie davon, ihre Doktorarbeit firmenintern aufzulegen. Thema: "Hochintegrierte Nutzlastsysteme für Raumfahrtmissionen am Beispiel des Microrover Nanokhod". Das ist ein rund 25 Zentimeter langes Mini-Raupenfahrzeug, konzipiert für den Einsatz unter härtesten Bedingungen. Ursprünglich sollte dieser Forschungsroboter die sonnenabgewandte Seite des Planeten Merkur untersuchen, doch die Mission wurde abgeblasen. Jetzt hofft Klinkner darauf, dass der Nanokhod in den kommenden Jahren zum Mond geschickt wird.
Klinkner würde gern ins All - und ihr Rover soll zum Mars
Viel wichtiger sind ihr momentan jedoch die Vorbereitungen der europäischen Marsmissionen. Zurzeit testen Klinkner und Kollegen verschiedene Technologien für sogenannte Elektronik-Boards, die bei extrem schwankenden Temperaturen funktionieren müssen. Am Mars-Äquator herrschen tagsüber milde 20°C, während es nachts auf minus 130 abkühlt. Teamarbeit, sagt Klinker, sei bei solchen Projekten besonders wichtig. Jeder Beitrag ist nur ein kleines Rädchen im Gesamtwerk. Da brauche man "ingenieurstechnische Bescheidenheit". Denn: "Bei einer Mission sind so viele Menschen beteiligt, das kann man sich gar nicht vorstellen. Alle werden gebraucht."
Ingenieurin Klinkner möchte auch zukünftig in der Weltraumindustrie arbeiten, viel lieber als in der akademischen Forschung. "Das ist sehr spannend. Man kommt eher mit den realen Missionen in Kontakt." Und würde sie selber ins All fliegen wollen? "Mit dem Herzen ja, mit dem Verstand nein." Zu gering sei die Chance, ausgewählt zu werden. Ein Flug zur ISS? Vielleicht. Auf eine mehrjährige Marsmission hätte sie jedenfalls keine Lust. "Nur unsere Rover, die sollen dort hin."
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Arschlöcher gibt´s halt überall. Warum merken Sie sich die? Wissen Sie, wie oft ich von Mädchen die Ausrede höre, dass sie das nicht können, weil sie alt Mädchen sind? Es ist ne hübsche Ausrede. Dabei haben auch viele Jungen [...] mehr...
dass es Lehrer gibt, die der Meinung sind, Frauen wären für Naturwissenschaften und Mathe ungeeignet. Mir hat man damals prophezeit, kein Abi zu kriegen mit meiner Fächerkombi, Mathe & Physik. Nur peinlich, dass ich mein [...] mehr...
Also folgt: Vor allem Mädchen träumen NICHT von Weltraumrobotern. Tja, lieber Spiegelreporter, so schnell ist man unter den bösen Sexismus-Männern, die einer Frau aber auch gar nix gönnen und versteckte Demotivierungsfallen [...] mehr...
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