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19.03.2010
 

Als Lehrer in China

Mein schlimmstes Ferienerlebnis

Deutscher Lehrer in China: Lost in Translation
Fotos
Jan-Christoph Kammann

Nach den Neujahrsferien kehrt Sprachlehrer Jan-Christoph Kammann unter Applaus in seine Klasse zurück. Seinen Urlaub macht er gleich zum Thema: Die Kinder müssen ihn in der Rolle der garstigen Verkäuferin und des fiesen Taxifahrers ertragen. Seine chinesischen Schüler sind entsetzt.

Mit Applaus begrüßen mich die Schüler nach den Ferien; ich hatte zwei Monate frei, die Schüler lediglich drei Wochen - zum chinesischen Neujahrsfest. Und so wünsche ich zu Schulbeginn allseits "Xin Nian Kuai Le", ein frohes Neues. Es beginnen vier weitere Monate an der Changchun Foreign Language School.

Im Januar mussten die Schüler für die Abschlussklausuren büffeln, wobei ich ihnen nicht helfen konnte. Viele sind mit ihren Ergebnissen überhaupt nicht zufrieden: "Fei Chang bu hao, Teacher!", heißt es oft, wenn ich frage, also: "Ausgesprochen nicht gut!"

Älteren Schülern, den Überfliegern des Abschlussjahrgangs, wird vor dem Schultor eine besondere Ehre zuteil: Dort prangen ihre Namen und die derjenigen Elite-Universitäten, die sie dieses Jahr besuchen werden, auf Plakaten in riesigen Lettern. Ich beruhige meine Schüler: "Ihr habt ja noch vier Jahre Zeit, um das hier in den Griff zu kriegen und Schule, Eltern und der Stadt Changchun Ehre zu machen."

Allerdings liegt noch ein hartes Stück Arbeit vor ihnen. Die Ferien haben sie ganz so genutzt, wie üblich: "Sleeping, Learning, Reading". Ach ja: "Playing Computer games" darf natürlich auch nicht fehlen.

Wenn 700 Millionen Menschen gemeinsam fünf Stunden fernschauen

Aber ich kann mir kaum vorstellen, dass sie selbst am Neujahrstag nur gelernt, geschlafen und gezockt haben, und hake nach - schließlich ist am 14. Februar 2010 das Jahr des Ochsen zu Grabe getragen und das Jahr des Tigers begrüßt worden.

Und siehe da: Großeltern wurden besucht, Geldgeschenke eingesackt und Dumplings gegessen. Am Vorabend haben fast alle im Kreise der Familie ferngesehen. Das hat Tradition: In ganz China sitzen an diesem Tag angeblich mehr als 700 Millionen Menschen vor der Mattscheibe und genießen die alljährliche fünfstündige TV-Gala des Staatssenders CCTV.

Ein bisschen plagt mich mein schlechtes Gewissen ob meines langen Urlaubs, doch meine Reisen lassen sich wunderbar in den Unterricht einbauen. Ich war unterwegs im Land und habe festgestellt: Reisen mit limitierten Chinesischkenntnissen kann sehr anstrengend sein. Kartenstudium, Restaurantbesuche, Wegbeschreibungen, Fahrkartenkauf - all das kostet Nerven.

Im Unterricht nutze ich die Gelegenheit und drehe den Spieß um. Wir spielen eine Art Rollenspiel: China wird zu einem englischsprachigen Land und die Schüler damit zu "Laowais", also Ausländern. Sie sollen ihr Land mit meinen Augen sehen. Wir proben unter Realbedingungen, so wie ich es erlebt habe, nur dass der Sprachenvorteil diesmal bei mir liegt.

Es geht los mit einer fiktiven Taxifahrt. Ich als Taxifahrer weiß natürlich nicht, wo der "huochezhan", der Bahnhof, ist. Ich spreche schließlich kein Chinesisch. Ich höre mir das Gestammel der Schüler-Fahrgäste einige Minuten an und winke dann ab. "I don't know", sage ich und weise ungeduldig zur Tür. Schließlich muss ich mir keine Mühe geben, es gibt ja auch noch andere Fahrgäste.

Begriffsstutzig oder garstig? Manchmal schwer auseinanderzuhalten

Neuer Versuch. Ich bin ein anderer Taxifahrer, der sich freut über die exotischen Fahrgäste, und stelle Fragen in einer Tour: "Wo kommst du her, wo willst du hin? Wieviel verdienst du? Und wie teuer war dein Rucksack?" Irritiert schauen die Schüler mich an und versuchen, auf meine Fragen zu antworten.

Dann folgt eine Auseinandersetzung mit einer begriffsstutzigen oder garstigen - so genau ist das manchmal nicht zu unterscheiden - Ticketverkäuferin am Bahnhof der Stadt Changchun. Die Verkäuferin spiele ich.

In chinesischen Zügen kann man sich entscheiden, ob man stehen, sitzen, unkomfortabel oder komfortabel liegen möchte. Zur Auswahl stehen also no seat, hard seat, soft seat, hard sleeper oder soft sleeper. "Hello Lady", legt ein Schüler los. "What do you want?", fahre ich ihm patzig ins Wort. "Want soft sleeper", sagt er.

Ich schweige. "Uhhm soft sleeper?", fragt er vorsichtig. Ich schweige weiter und schüttele genervt den Kopf. Er schaut sich unsicher um, seine Klassenkameraden wissen aber auch nicht weiter. "Where do you want to go?", herrsche ich ihn an. "Ahhh. Uhhh. I don't know. Beijing?" Ich verkaufe ihm ein Ticket im hard-sleeper-Abteil nach Peking.

Lost in Translation

So ähnlich ist es mir selbst am Bahnhof ergangen. Als ich das erzähle, ist der Schüler entsetzt. Nach einigem Überlegen fügt er aber hinzu, dass die ganze Abwicklung mit einem schlichten "Ni fei chang piao liang", also "You're so beautiful", wahrscheinlich schneller gegangen wäre. Das werde ich am nächsten Ticketschalter mal ausprobieren.

Weiter geht es im Zug. "Nach reichlich Ellbogeneinsatz erreicht ihr den Waggon mit der Nummer auf eurem Ticket", sage ich. Der Zug ist bereits voll mit Reisenden, die hektisch versuchen, ihre Betten zu finden, sich streiten und den schmalen Gang blockieren. "Ihr müsst nun noch das richtige Bett finden. Am besten ihr fragt einen Mitreisenden."

"Excuse me?", beginnt eine Schülerin, "can you show me?" "Of course", sage ich freundlich und erkläre das Ticket. Dummerweise ist die Bettnummer schon belegt. Komisch, da hat sich wohl jemand vertan. Jetzt schlüpfe ich in die Rolle des Fahrgasts, der auf ihrem Bettplatz liegt. "Excuse me?", fragt sie. Ich mach es ihr nicht einfach und schalte auf stur. Nach einer kurzen Diskussion räume ich das Bett aber dann doch. Die Schüler haben Mitleid mit mir und versprechen, selbst mehr Geduld mit Ausländern zu haben.

Auf der Suche nach dem "friedlichen Hof"

Die meisten Menschen, die ich traf, waren aber nett, versichere ich. Manchmal zu freundlich - und das kann bei der Hotelsuche in einer Metropole wie Peking zum Problem werden. "Ihr wohnt im Gasthaus 'Der Friedliche Hof' und müsst nun den Weg dorthin erfragen.". Dafür habe ich einen englischen Stadtplan besorgt. Erstmal eine Standortbestimmung. Wo sind wir eigentlich? Als Faustregel gebe ich meinen Klassen mit auf den Weg, mindestens drei Leute zu fragen, um sicher zu gehen. Ohne sich auch nur vom Fleck bewegt zu haben, befinden sich die Schüler offenbar zur selben Zeit an drei verschiedenen Orten.

Ratlosigkeit.

In der Rolle der Passanten bin ich ausgesprochen freundlich und versuche zu helfen. Ein "Weiß ich nicht" verkneife ich mir, es wäre mir unangenehm und würde mit einem herben Gesichtsverlust einhergehen. Also müssen die Kinder so lange auf Englisch fragen, bis es mindestens zwei Übereinstimmungen gibt.

Genauso verfahre ich dann auch mit der Wegbeschreibung zum Gasthaus "Der friedliche Hof". Ein bis zweimal falsch abbiegen gehört aber auch dazu, das kann passieren, wenn man nicht richtig aufgepasst hat. Am Ende freuen sich die Schüler, als sie endlich einchecken können.

Aber nächste Woche geht die Reise weiter in abgelegene Provinzen und kleine Dörfer, in denen niemand auch nur ein Wort ihrer Sprache spricht. Dort gibt es keine Hotels, und Fast Food wächst auch nicht auf Bäumen. "Keine Sorge, irgendwann hat man den Bogen raus", sage ich noch und spiele zum Abschied Iggy Pops "The Passenger".

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Zum Autor

Jan-Christoph Kammann

Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.


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