Von Birger Menke
Groß werden die Augen derjenigen, die den Saal betreten. Es ist ein Sonntagnachmittag, Firmenzentrale des Beratungsunternehmens Detecon in Bonn. Rund 40 neue Mitarbeiter sind zusammengekommen, um einander, vor allem aber ihren neuen Arbeitgeber kennenzulernen.
Sie werden an verschiedenen Standorten weltweit in unterschiedlichen Bereichen arbeiten, aber erst einmal werden sie eine ganze Woche auf ihren neuen Arbeitgeber eingestimmt. Sie hören Vorträge über Prozesse und Tools - nun sollen die Angestellten selbst aktiv werden.
Wie, das wird ihnen schnell klar: Im Saal stehen rund 30 Musikinstrumente, Gitarren, Schlagzeuge, Bässe, Keyboards. Die meisten Mitarbeiter bewegen sich eher unsicher Richtung Wand, wenige greifen sich gleich eine Gitarre - für Personaler würde die Szene so manches Assessment Center ersetzen.
Doch getestet wird hier keiner mehr: Detecon will, dass die neuen Mitarbeiter zusammenwachsen, dass sie ein Team werden - und das möglichst flott. Ingrid Blessing, Leiterin der Unternehmenskommunikation, hat dafür die Gruppe Musicworks aus Hamburg eingeladen.
Möglichst ein simpler Top-Hit mit wenigen Akkorden
Vor rund zwei Jahren trafen sich Reinhold, der Gitarrist Andreas Wohlfahrt und der Percussionist Steffen Merkel in Amsterdam und hatten die Idee zu Musicworks. Mittlerweile sind viele Musiker dazugekommen: Zu Detecon sind Reinhold und Wohlfahrt mit einem Bassisten, einer Sängerin, einem Schlagzeuger und einem Songwriter angereist.
Beides trifft auf "Fly away" von Lenny Kravitz zu, einen Hit aus dem Jahr 1999, den die Detecon-Mitarbeiter einüben sollen. Fünf Mitarbeiter haben sich E-Gitarren umgehängt, Reinhold weist sie ein. Er hat den Song in seine Einzelteile zerlegt, für jedes Instrument blieben ein paar Akkorde und Taktfolgen für die Melodie, ein paar andere für den Refrain übrig - leicht zu lernen, auch für unmusikalische Berater.
In Kleingruppen üben die Mitarbeiter mit je einem Musiker an ihren Instrumenten. Acht haben sich in einen anderen Raum zurückgezogen und singen unter Anleitung der stimmgewaltigen Sarah Jane McMinn. Ein akustisches Durcheinander aus Trommeln, Schrammeln, Orgeln. Die meisten legen ihre Scheu ab, die Lautstärke im Raum wirkt wie ein Vorhang, keiner hört, was der einzelne spielt.
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Veranstaltungen, die Mitarbeiter belustigen und vor allem zusammenschweißen sollen, sind das Öl der Dienstleistungsbranche: Die Industrie wartet ihre Maschinen und zieht Schrauben nach, die Dienstleister machen ihre Mitarbeiter froh und miteinander bekannt, Humankapital soll Rendite bringen.
Längst ist eine eigene Branche von Unternehmen entstanden, die "Aktiv-Events" oder "Outdoor-Touren" anbieten. Etwa einen Trip in die Alpen: Wer schon einmal vom Kollegen gesichert wurde, in der Felswand hängend und mit klappernden Knien, wird ihn künftig kennen und besser mit ihm zusammenarbeiten.
Derlei Abenteuer werden seit Jahrzehnten angeboten - doch sie haben einen Nachteil. "Wichtig ist, dass die Personaler bei solchen Projekten respektvoll mit den Mitarbeitern umgehen", sagt Markus-Oliver Schwaab, Professor für Teamoptimierung und Personalmanagement an der Fachhochschule Pforzheim. "Da hilft es nicht, jemanden in den Baum zu setzen, der Höhenangst hat."
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Deshalb setzten immer mehr Unternehmen auf nervenschonende Workshops, häufig wird dabei Musik eingesetzt. Schwaab besuchte etwa vor kurzem eine Teambuilding-Veranstaltung eines Unternehmens aus der Luftfahrtindustrie: 1500 Mitarbeiter hatten sich in einem großen Zelt versammelt und gemeinsam getrommelt. "Später habe ich einige auf dem Parkplatz beobachtet - die waren alle drei Zentimenter größer, die Augen haben geglänzt."
Manchmal lassen die Musiker von Musikworks auch mehrere Bands aufeinander los: Für die Boston Consulting Group etwa rückten sie mit 16 Leuten an. Rund hundert Mitarbeiter nahmen teil, formierten sich zu acht Bands und übten Lieder ein. Für den Band-Battle-Abend hatte das Unternehmen einen Club gemietet. Was da mit Bürohengsten passiert, beeindruckt Reinhold: "Die gehen dann so ab...", sagt er.
Auf diesen Effekt setzt auch Ingrid Blessing. "Menschen aus aller Welt, die sich vorher nicht gekannt haben, schaffen es, binnen weniger Minuten gemeinsam etwas auf die Beine zu stellen - Musik taugt hierfür ganz wunderbar", sagt die Detecon-Frau.
Nach einer Stunde ist die Übungsphase vorbei, der Chor wird aus dem Nebenzimmer geholt und betritt den Saal. Einige jubeln ihnen zu, erleichtert, nicht selbst singen zu müssen. Wie Dirigenten stellen sich die sechs Musiker von Musicworks vor ihre Gruppe, es geht los - und es gelingt: "Fly away" trällert der Chor, die Schlagzeuger trommeln im Takt, die Gitarristen schrummeln ihre Akkorde.
Auf der eigenen Hochzeit würde man sich die Kombo nicht wünschen, doch für eine Laientruppe klingt die Beraterband erstaunlich gut. "Das ist das Prinzip Fußballstadion: Es sind mehr richtige Noten im Raum als falsche, deshalb klingt es gut", sagt Musicworker Reinhold.
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Nun da haben sie wohl recht, wenn man dazu gewzungen wird dann kann man sich natürlich darüber aufregen. mehr...
Ich seh das nicht ideologisch. Wenn ich wirklich die Wahl habe, können die gerne machen, was sie wollen, dann würd ich das eine oder andere Mal vielleicht auch mitmachen. In der Realität siehts aber meist so aus, dass man [...] mehr...
ICh sehe die Sache zwiespältig. Auf der einen Seite kann ich die Kritiker verstehen die das ganze für Blödsinn halten und das Geld solcher aufgezungener Einmalaktionen lieber direkt in die Mitarbeiter stecken wollen. Natürlich [...] mehr...
Niemand zwingt sie an so etwas teilzunehmen? Man muss nicht in jeder trivialen Veranstaltung einen Großangriff der per se schonmal bösen, ausbeuterischen und kapitalistischen Führung, die eh immer nur das schlechteste will, auf [...] mehr...
Diese albernen Kreativitäts-Wörkschopps werden den Betriebsfrieden und die Motivation nicht verbessern, wenn' s dem Grunde nach nicht stimmt. Und der Gedanke, beim Karaoke rumzugrölen oder mich mit meinen Kollegen/innen in Exstase [...] mehr...
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