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31.05.2010
 

Ausbeutung an der Uni

Lehre für 21,40 Euro Stundenlohn

Von Susanne Kailitz

Frisch promoviert: Am Arbeitsplatz Uni wird man selten schnell reichZur Großansicht
Corbis

Frisch promoviert: Am Arbeitsplatz Uni wird man selten schnell reich

Zum Dumpingpreis suchte die TU Kaiserslautern eine Vertretung für eine Juniorprofessur - und findet karge Stundensätze von 20 bis 30 Euro ganz normal. Damit liegt sie nicht einmal schief: Bei der Dozenten-Bezahlung kennen Deutschlands Unis kaum Schamgrenzen.

Von Nachwuchswissenschaftlern wird Flexibilität verlangt. Juniorprofessoren, die grundsätzlich nur befristet eingestellt sind, sollen an anderen Universitäten reguläre Professuren vertreten und sich so für Stellen auf Lebenszeit qualifizieren - wie etwa der Politikwissenschaftler Christoph Hönnige. Er lehrt als Juniorprofessor an der Technischen Universität (TU) Kaiserslautern, ist derzeit aber beurlaubt, um in Göttingen eine reguläre Professur zu vertreten.

Für seine Vorlesung "Einführung in das politische System der BRD" und das Hauptseminar "Innenpolitik/Vergleichende Regierungslehre" suchte die Kaiserslauterer Unileitung deshalb kürzlich eine Vertretung. Am besten mit gleicher Qualifikation wie Hönnige - und selbstredend mit "hervorragenden fachbezogenen Leistungen in der Praxis", wie es die Verwaltungsvorschrift über Lehraufträge des Landes Rheinland-Pfalz dezidiert vorsieht.

Nur teuer sollte das alles nicht sein. Am besten sogar spottbillig. Statt also eine Lehrstuhlvertretung über das ganze Semester - inklusive vorlesungsfreie Prüfungszeit - auszuschreiben, wurden zwei Lehraufträge formuliert: einer für eine Vorlesung zum Stundensatz von 30 Euro, einer fürs Hauptseminar und 21,40 Euro pro Stunde. Jeweils drei Semesterwochenstunden sollten zu diesem kargen Stundensatz abgerechnet werden können, zwei für die Veranstaltung selbst, eine für den Prüfungsaufwand. Ein Honorar für die Vorbereitung der Lehre oder die Zeit für Nachfragen von Studenten war in der Stellenausschreibung, die über einen E-Mail-Verteiler des Faches ging, nicht vorgesehen.

"Situation arbeitsloser Akademiker ausgenutzt"

Fachkollegen finden diese Ausschreibung frech: "Unsittlich" sei das Angebot, so der Berliner Politikwissenschaftler Wolfgang Merkel. "Jeder weiß, dass zwei Stunden Vorlesung viele Stunden der Vorbereitung bedürfen." Anstelle dieser Zeit nur eine Stunde Prüfungsnachbereitung zu honorieren, verrate "entweder eine erstaunliche Form der Ignoranz gegenüber unserer Tätigkeit oder eine nicht weniger bemerkenswerte Indolenz gegenüber jenen, die auf diese Weise ausgebeutet werden sollen".

Sein Fachkollege Ferdinand Müller-Rommel aus Lüneburg sieht in Angeboten wie dem aus Kaiserslautern "die Situation arbeitsloser Akademiker ausgenutzt". Er regt an, die Deutsche Vereinigung für Politikwissenschaft möge sich in einem Rundbrief an die Präsidenten der deutschen Universitäten solche "Angebote" künftig verbitten.

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In Kaiserslautern versteht man die Aufregung nicht. Die Ausschreibung von Lehraufträgen sei "ein ganz normaler Vorgang", so Dekan Thomas Lachmann; sie richte sich primär an fest angestellte Fachkollegen, die so "etwas für ihre Reputation tun" könnten. Zudem halte man sich bei der Höhe der Honorare an die entsprechenden Landesverordnungen. Ein Blick in die entsprechende Verwaltungsvorschrift verrät allerdings: Es ist eine Einzelstundenvergütung von bis zu 51,98 Euro vorgesehen, wenn die Lehrveranstaltungen "eine besondere Bedeutung" haben - was bei Vorlesungen der Fall sein dürfte.

Das Angebot stieß auf Desinteresse. Mangels eines Vertreters wird Hönnige seine Veranstaltungen nun selbst halten, zusätzlich zu seinem Pensum in Göttingen. Denn die Beurlaubung für seine Gastprofessur wurde nur unter der Voraussetzung genehmigt, dass seine Veranstaltungen stattfinden. Hönnige selbst will zu dem Vorgang nichts sagen. Das verwundert nicht: Die Warnungen seiner Uni-Leitung an Journalisten, eine Berichterstattung könne der Karriere des jungen Kollegen erheblich schaden, werden vermutlich intern noch viel deutlicher formuliert.

Für Hochschulen sind die Arbeitssklaven ein Gewinn

Dabei hat Dekan Lachmann mit seiner Aussage, in Kaiserslautern geschehe nichts, was es nicht anderswo auch gebe, durchaus recht: Seit Jahren beklagt etwa die Bildungsgewerkschaft GEW, dass Hochschulen über Lehraufträge die prekäre Situation von qualifizierten Akademikern ausnutzen, die noch keinen Lehrstuhl haben. Mehr als die Hälfte der etwa 50.000 Lehrbeauftragten in Deutschland hat nach einer GEW-Studie ein monatliches Nettogehalt von etwa 1000 Euro.

Für das, was viele Hochschuldozenten pro Stunde bekommen, würden die meisten Handwerksmeister nicht einmal ihr Werkzeug auspacken. Die Lehrbeauftragten sind mitnichten fest angestellte Mitarbeiter oder gar Professoren, die ihren Horizont erweitern wollen, sondern in aller Regel promovierte Nachwuchswissenschaftler. Sie müssen sich von Befristung zu Befristung hangeln und immer wieder auf schlecht bezahlte Lehraufträge einlassen, weil sie auf eine Stelle hoffen. Noch schlechter sieht es für Privatdozenten aus: Sie sind die bienenfleißigen Wanderarbeiter, die Billigheimer der Wissenschaft. Um ihre Lehrbefugnis und damit die Chance auf eine Professur zu erhalten, sind sie verpflichtet, Seminare und Vorlesungen zu halten - unentgeltlich.

Für die Hochschulen sind diese Arbeitssklaven ein Gewinn. Und für manche habilitierte Wissenschaftler wäre Hartz IV ein finanzieller Aufstieg. Outsourcing und Lohndumping liegen ganz im Trend: Obwohl die Lehraufträge nach dem Hochschulrahmengesetz die Angebote "ergänzen" sollen, lagern Universitäten immer größere Teile ihres Kerncurriculums aus. Matthias Jaroch, Sprecher des Deutschen Hochschulverbands, erkennt darin "eine bedauerliche Tendenz". Das Stellenangebot der TU Kaiserslautern sei dennoch "außergewöhnlich": "Intern wird es sicher oft so gehandhabt, dass Professurvertretungen derart in Lehraufträge gestückelt werden - aber dass das auch halböffentlich ausgeschrieben wird, habe ich noch nie gesehen. Das ist schon eine neue Qualität."

Den Vorwurf, in eine bislang unübliche Dimension der Ausbeutung vorzustoßen, muss sich die TU Kaiserslautern nicht machen lassen. Nur den, dabei besonders dreist zu sein.

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