Von Peter Ilg
Augerechnet das Hassfach vieler Schüler boomt an deutschen Unis: Innerhalb von zehn Jahren hat sich die Zahl der Mathe-Studenten verdoppelt. Im Jahr 1996 waren rund 6000 Erstsemester eingeschrieben, 2006 waren es bereits doppelt so viele, die Zahl der Studenten lag insgesamt bei knapp 57.000.
Von einer Mathematiker-Schwemme kann trotzdem nicht die Rede sein. Im Gegenteil: "Schon heute sind Mathematiker Mangelware, Tendenz weiter steigend", sagt Günter M. Ziegler, Professor für Mathematik an der TU Berlin und Präsident der Deutschen Mathematiker-Vereinigung. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erzählt er, warum er das "Wissenschaftsjahr der Mathematik" 2008 wichtig findet.
Arbeitslos gemeldet waren Ende 2007 lediglich 584 Mathematiker. Entscheidend für die Uni Absolventen sei, "dass sie ihre theoretische Kunst in der Praxis umsetzen können", sagt Beate Raabe von der zentralen Auslands- und Fachvermittlung in Bonn. "Mathematiker sind eine durchaus gefragte Berufsgruppe."
Die Schulen suchen Mathelehrer
Von der Datenverschlüsselung beim Einsatz einer EC-Karte über die Kompression von Musik und Bildern auf dem Handy bis zum Einsatz von Großrechnern, die der Wettervorhersage dienen - Mathe begegne uns überall im Alltag, sagt Timo Weidl, der an der Universität Stuttgart Mathematik lehrt und die Arbeitsgruppe "Mathematik –Schule – Öffentlichkeit" leitet.
Höhere Mathematik: Gute Aussichten für Absolventen
Nach einer Umfrage des Philologenverbands, veröffentlicht im Herbst 2007, fehlen rund 16.000 Lehrer. Besonders groß ist die Not an beruflichen Schulen, an Gymnasien und Realschulen in Süddeutschland sowie in den Mangelfächern Mathematik, Physik, Latein und Religion. Die Folge: hohe Überstundenzahlen von Lehrern, die diese Fächer unterrichten. An vielen Schulen fallen Stunden aus.
Timo Weidl bemängelt die mathematischen Qualitäten der Studienanfänger. Nicht selten würden unzureichende Vorkenntnisse zu einem Wechsel oder Abbruch des Studiums führen. Von den rund 250 Studienanfängern, die sich pro Jahr an der Uni Stuttgart einschreiben, schafft etwa die Hälfte den Abschluss. Das Durchkämpfen aber lohnt sich - wegen der exzellenten Berufsaussichten.
Computer-As Sven Gonsberg: Gut geformt fürs Leben
Die Computerbranche ist ein wichtiger Arbeitgeber für Mathematiker. "In meinem Spezialgebiet, der Computeralgebra, werden Ideen der Mathematik in Technik umgesetzt", sagt Swen Gonsberg. Ein typisches Beispiel dafür ist die Kryptografie. Um den Transport von Daten im Internet sicher zu machen, werden die Bits und Bytes verschlüsselt auf die Reise durch das World Wide Web geschickt. "Datenverschlüsselung ist reine Mathematik", sagt Gonsberg.
Sven Gonsberg: "Mathematik hat meine Kreativität und Kommunikation stark gefördert"
Gonsberg begann als Softwareentwickler - was mit seiner Fächerkombination naheliegend ist - und arbeitet nun seit fünf Jahren als Business Analyst und Projektleiter bei der Firma United Internet in Karlsruhe. Die Firma bietet Mehrwertdienste im Internet an, E-Mail, Homepages und Werbung gehören dazu. Gonsberg ist zuständig für Abrechnungssysteme von virtuellen Werbeflächen.
Um die Werbung auf Portalen plazieren, anzeigen und abrechnen zu können, sind technische Systeme notwendig. Gonsberg ist für die Abrechnungssoftware zuständig. Mathematiker müsse man für seinen Job nicht sein, aber die Ausbildung sei dabei sehr hilfreich, meint er: "Gerade die Fähigkeit, Anforderungen zu abstrahieren, kreativ umzusetzen, exakt und belastbar zu sein, das zeichnet uns Mathematiker aus."
Das Studium habe aus ihm genau das Gegenteil von dem gemacht, was man landläufig von einem Mathematiker erwartet: "Mathematik hat meine Kreativität und Kommunikation stark gefördert." Denn komplexe mathematische Probleme ließen sich nicht allein im stillen Kämmerlein lösen. Das funktioniere nur in der Gruppe.
Unternehmensberaterin Miriam Schütte: Rund um den Globus
"Obwohl ich Volkswirtschaftslehre im Nebenfach studiert habe, war ich nicht wirklich auf einen Job in der Wirtschaft vorbereitet", sagt Miriam Schütte. Die 26-Jährige hat in Bonn Mathe mit dem Schwerpunkt komplexe Geometrie studiert. "Mit diesem Spezialwissen kann man eine Uni-Karriere anstreben – oder Unternehmensberaterin werden", sagt Schütte. Sie hat sich für die Beratung entschieden, seit April 2007 arbeitet sie für die Boston Consulting Group.
Würde wieder Mathe studieren: Miriam Schütte
Inhaltlich hat ihr Job sicherlich nichts mit komplexer Geometrie zu tun. Aber es gibt auch in dem Projekt Fragestellungen, die ihr als Mathematikerin besser liegen als etwa einem Wirtschaftswissenschaftler. "Mir fällt es leichter, die in der Energiewirtschaft sehr wichtigen Risikobewertungsmodelle zu verstehen", hat sie festgestellt. So bringt jeder aus dem Team seine individuelle Stärke ein, um die beste Lösung zu finden.
Schütte würde ganz sicher wieder Mathematik studieren, aber mit ihrem heutigen Wissen eine angewandtere Vertiefungsrichtung wählen, etwa die Wahrscheinlichkeitstheorie, die in der Risikokalkulation von Versicherungen eine wichtige Rolle spielt. "Das kann man im Job besser gebrauchen", sagt sie.
Gerhard Ebert: Mathe-Lehrer aus Überzeugung
Gerhard Ebert hat mit 15 angefangen, Nachhilfe in Mathematik zu geben. In der Oberstufe waren das zeitweise zehn Stunden wöchentlich. "In der Zeit habe ich gemerkt, dass ich das gern mache, und die Erfolge haben gezeigt, dass ich es auch ganz gut kann", sagt er. Nach dem Abitur kam für Ebert nichts anderes in Frage, als Mathe-Lehrer zu werden. Der heute 55-Jährige studierte an der Uni Stuttgart Mathematik und Physik für das Lehramt an Gymnasien.
Gerhard Ebert weiß: An Mathe kommt kein Abiturient vorbei
Obwohl Ebert in der Industrie als Mathematiker deutlich mehr verdienen könnte, würde er sich wieder für ein Lehramtsstudium entscheiden – und das nach mehr als 30 Jahren Berufserfahrung. Neben der reinen Wissensvermittlung ist es vor allem die Erziehung, die im Freude an seinem Beruf macht.
An Mathe kommt kein Abiturient vorbei, weiß Ebert. Das Fach ist eines der vier Kernfächer, die schriftlich geprüft werden. Im Unterricht werden den Schülern zunächst mathematischen Grundkenntnisse vermittelt. "Damit werden die Grundlagen geschaffen, damit die jungen Leute ein naturwissenschaftliches Studium bewältigen können, welches ohne gründliche Mathematik-Kenntnisse nicht zu schaffen ist", sagt der Lehrer, der am Hariolf-Gymnasium in Ellwangen arbeitet.
Seiner Meinung nach entscheiden sich so wenig Studenten für ein Lehramtsstudium, weil bis vor einigen Jahren kaum Lehrer übernommen wurden. Das habe zu Unsicherheit unter den Studienanfängern geführt.
Thomas Lake: Experte für Naturkatastrophen
Die Auswirkungen von Naturkatastrophen sind teuer, immens teuer sogar. Sie können ein Versicherungsunternehmen in den Ruin treiben. Deshalb sorgen die Unternehmen vor, betreiben Risikominimierung - indem sie Teile ihres Risikos auf andere Institute wie Rückversicherungen übertragen. Bei der Allianz beschäftigt sich der Mathematiker Thomas Lake mit den Naturgefahren.
Thomas Lake: "Mein Berufseinstieg war sehr einfach"
"Unsere Aufgabe ist es, die Risikostruktur der Allianz anhand bestimmter Parameter rechnerisch zu optimieren", so Lake. Einzelne Ereignisse werden in gewaltigen Simulationsszenarien abgebildet, die Rechnerei mithilfe von Computerprogrammen zigtausendmal wiederholt, bis klar ist, welches Risiko in welcher Region der Erde abgegeben werden sollte. Zum Schutz des Unternehmens selbst.
Mathematik hat Lake schon in der Schule interessiert. Richtig spannend für ihn wurde es dann im Studium: "Mathematiker bauen ein Gerüst von Aussagen auf. Die Zusammenhänge in der Theorie nachzuvollziehen und daraus angewandte Mathematik abzuleiten, das ist das Faszinierende an dem Fach", sagt der 26-Jährige.
Lake studierte in Oldenburg, er beschäftigte sich besonders mit angewandter Finanz- und Versicherungsmathematik. Sein Zweitfach war Wirtschaftswissenschaften. Während seines Studiums hat Lake in der Versicherungsbranche gearbeitet. Ein Praktikum führte ihn nach London zu einem Rückversicherungsmakler. Diese Leute handeln mit den Risiken von Naturkatastrophen.
"Mein Berufseinstieg war sehr einfach", sagt Lake. Er hatte mehrere Angebote, konnte frei auswählen. Vielleicht lag es daran, dass er sein Studium mit der Note eins abgeschlossen hat.
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH