Das Praktikanten-Prekariat gibt es tatsächlich - diese Erkenntnis hat sich jetzt auch das Bundesarbeitsministerium durch eine Studie bescheinigen lassen. Und Bundesarbeitsminister Olaf Scholz (SPD) will die angemessene Vergütung für Praktikanten im Bürgerlichen Gesetzbuch klarer fassen. Außerdem soll für Vereinbarungen zwischen Arbeitgeber und Praktikant die Schriftform vorgeschrieben werden. Durch diese gesetzlichen Klarstellungen will Scholz erreichen, dass Praktikanten nach der Berufsausbildung nicht als billige Arbeitskräfte missbraucht werden.
Billig und willig: Viele Praktikanten müssen sich durchhangeln
Auch der Blick ins Portemonnaie sorgt bei der "Generation Praktikum" für Unmut: Bei über der Hälfte wurden ihre freiwilligen Praktika gar nicht bezahlt, zwölf Prozent beurteilten die Vergütung als unangemessen und nur 37 Prozent als fair. 49 Prozent der Praktikanten gaben an, dass sie von anderen Personen finanzielle Unterstützung erhalten mussten. Und viele Praktikanten sitzen Mama und Papa ziemlich lange auf der Tasche: Bei 52 Prozent dauerte der Schnupper-Aufenthalt in der Arbeitswelt sechs Monate oder länger.
Bei der Nahaufnahme der Praktikantensituation kommen die Inifes-Forscher zu einem drastischen Ergebnis: "Vor dem Hintergrund, dass es sich bei den befragten Praktikantinnen und Praktikanten ausnahmslos um Personen handelt, die bereits eine abgeschlossene Berufsausbildung haben, liegt die Vermutung nahe, dass die entsprechenden Unternehmen auch Interesse an einer unbezahlten Arbeitskraft hatten." Mehr als 80 Prozent der freiwilligen Praktikanten wurden nach eigener Einschätzung mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit als normale Arbeitskraft eingesetzt.
Offenbar bildet das Praktikum also nicht, wie immer wieder von Personalverantwortlichen behauptet, eine Brückenfunktion in stabile Beschäftigung. "Die Bilanz der vorliegenden Befragung ist in diesem Punkt ausgesprochen ernüchternd", heißt es in der Studie.
"Aus dem Winterschlaf geweckt"
Von allen jungen, qualifizierten Beschäftigten, die im Verlauf ihres beruflichen Einstiegs ein Praktikum absolviert haben, sind lediglich 22 Prozent vom selben Arbeitgeber übernommen worden; 13 Prozent fanden ebenfalls nahtlos eine Anschlusstätigkeit bei einem anderen Arbeitgeber. Und der Rest schuftete weiter irgendwo zwischen Praktikum, Zeitvertrag oder Leiharbeit.
Etwa zwei Jahre nach der Geburt des Schlagwortes "Generation Praktikum" dürfen die Betroffenen nun auf eine politische Reaktion hoffen. "Die Praktika-Studie weckt die Bundesregierung aus dem Winterschlaf", polterte heute Kai Gehring, der hochschulpolitische Sprecher der grünen Bundestagsfraktion: "Die heute vorgestellte zweite Praktika-Studie gibt einen klaren Handlungsauftrag - und erneut keine Entwarnung. Diese Warteschleife hätte sich die Bundesregierung sparen können."
Auch Studentenvertreter fordern die Politik zum Handeln auf. Florian Hillebrand, Vorstand des "Freien Zusammenschlusses von StudentInnenschaften" (fzs), sagte: "Es ist höchste Zeit für ein Bundesgesetz zur Regelung fairer Bedingungen in Praktika", sagt Hillebrand. Ein solches Gesetz müsse eine Mindestvergütung und eine Maximaldauer eines Praktikums regeln. "Praktika mit über einem Monat Länge müssen vergütet werden. Der Gesetzgeber darf bei der Ersetzung regulärer Stellen durch Praktikumsplätze nicht weiter untätig zusehen!", forderte Doris Aschenbrenner vom Bundesvorstand der Juso-Hochschulgruppen.
Einen baldigen Gesetzentwurf gegen die Ausbeutung von Praktikanten hatte im Februar SPD-Vize Andrea Nahles bereits angekündigt. Arbeitsminister Scholz will es allerdings bei geringfügigen Änderungen belassen: Gefragt seien "smarte Eingriffe", kein Umbau des gesamten Arbeitsrechts und ebensowenig eine Begrenzung der Praktikumsdauer etwa auf drei Monate oder ein Mindestlohn für Praktikanten. "Der Staat sollte sich da raushalten", sagte Scholz. Er rechne mit breiter Unterstützung in der Regierungskoalition.
wie, dpa/AP/Reuters/ddp
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