21. November 2008, 08:42 Uhr

Professoren

Titelschmuck im Nebenjob

Von Hermann Horstkotte

Nebenberufliche Professoren fahren doppelgleisig: Sie lehren wenige Stunden in einer Spezialdisziplin und haben viel Zeit für ihren Hauptjob. Oft lockt sie nicht das Salär, sondern der schöne Titel. Und die Hochschulen angeln sich so gestandene Praktiker oder Promis.

An der Musikhochschule Hamburg ist zum 1. April 2009 eine "nebenberufliche Professur" mit zwei Stunden Unterricht pro Semesterwoche zu besetzen. Den Bewerbern für das Fach "Gruppenmusiktherapie" kann es nicht aufs Gehalt ankommen - es sind im Monat 418 Euro brutto. Mehr Reiz liegt offenbar im Professorentitel. Der kann allerdings das Ansehen im Hauptberuf als Heiler (oft mit eigener Praxis) steigern und somit Gold wert sein.

Dieses Privileg nur für Künstler gibt es beispielsweise auch in Sachsen-Anhalt. Hingegen sind Nebenbei-Professuren etwa in Bayern oder Baden-Württemberg ausgeschlossen, wie Sprecher der zuständigen Ministerien versichern. Dort werden Professoren überhaupt nur hauptberuflich beschäftigt. Dahinter steht die alte Vorstellung vom Berufsbeamten, der sich voll und ganz seinen hoheitlichen Aufgaben widmet.

Freilich kann er oder sie Teilzeit bis zu einer halben Stelle beantragen. Demnach müssen die Professoren an Musik-, Kunst- und Fachhochschulen mindestens neun Stunden wöchentlich geben, an der Uni zwischen vier und fünf. Für weniger (Zeit-) Aufwand gibt's in den Südstaaten nur einen schmucklosen "Lehrauftrag" ohne akademischen Titel.

"Wir zeigen den Studenten, worauf es ankommt"

Dagegen haben andere Länder wie Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen oder Thüringen den nebenberuflichen Professor "mit weniger als der Hälfte der regelmäßigen Dienstaufgaben" neuerdings sogar für alle Fächer eingeführt. So wollen die Hochschulen den Sachverstand aus der Berufswelt in den akademischen Lehr- und Prüfungsbetrieb hineinholen.

Einer der Neuen ist der selbständige Unternehmensberater Lars Harden, seit 2007 auch Professor an der FH Osnabrück mit einer Lehrverpflichtung von acht Stunden pro Woche. "Unsereiner ist in der aktuellen Berufspraxis drin und gleichzeitig in ihrer akademischen Durchdringung. Wir zeigen den Studenten, worauf es in Wirklichkeit ankommt", so Harden. Hingegen hätten Vollzeit-Hochschullehrer schon aus schierer Terminnot oft nur noch losen Kontakt mit der Berufswelt.

Der Prof. im Nebenjob will vorsorglich eine Verwechslung ausschließen: Sein Amt ist keine schillernde Honorar-, also Ehren-Professur, die ein Fachbereich etwa einem langjährigen Lehrbeauftragten, Sponsor oder auch einem Politiker als Anerkennung verleiht. "Demgegenüber werden Stellen wie die meine ausgeschrieben", betont Harden. "Ich habe sie in einem Bewerberfeld errungen."

Kein Gunsterweis an ältere Herren

Mit anderen Worten: Wenn schon Professor in der Wettbewerbsgesellschaft, dann richtig - und nicht als später Gunsterweis an meist ältere Damen und Herren. "Ich selber bin erst 35", stellt Harden klar.

Sein Osnabrücker Amtsbruder Frank Ziegele ergänzt: "Jenseits meiner Lehre beteilige ich mich natürlich auch an der Selbstverwaltung, leite zum Beispiel eine Berufungskommission." Im Hauptberuf ist Ziegele Geschäftführer des Centrums für Hochschulentwicklung, an der FH unterrichtet er nebenher Wissenschaftsmanagement. Die Gleichberechtigung mit den hauptamtlichen Professoren funktioniert allerdings nicht so ganz, jedenfalls nicht in Osnabrück: Die Nebenberuflichen haben bei der Wahl zum Fakultätsrat, dem Leitungsgremium des Fachbereichs, keine Stimme.

Erfolgreiche Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder auch Trompeter zahlen im akademischen Nebenjob schnell drauf. Denn draußen liegt ihr Stundenhonorar meist höher als in der Hochschule. Doch der Professorentitel lockt. Seit 2002 zeigt sich der Bundesgesetzgeber einsichtig: "Um Professoren außerhalb der Hochschule zu gewinnen", kann ihr Gehalt durch "Leistungsbezüge" erhöht, sogar verdoppelt werden.

Volles Gehalt bei Kurzarbeit

Mit Promis einzelner Berufsfelder suchen Hochschulen nicht zuletzt ihr Image bei Studierwilligen zu verbessern. Holm Keller, Vizepräsident der Universität Lüneburg, kennzeichnet den nebenberuflichen Professor durch "die Wirksamkeit und Sichtbarkeit im Hauptberuf, die das akademische Profil ergänzen".

Daniel Libeskind (Mitte) an der Uni Lüneburg: Prominenter und teurer Professor
DPA

Daniel Libeskind (Mitte) an der Uni Lüneburg: Prominenter und teurer Professor

Mit Sondermitteln aus der Landeskasse konnte seine Uni den amerikanischen Stararchitekten Daniel Libeskind, Designer des Jüdischen Museums Berlin und des neuen World Trade Center in New York, in die Heide verpflichten. Der nebenberufliche Kollege wurde auch mit Mitarbeitern ausgestattet. Hingegen hat der traditionelle nebenamtliche Hochschullehrer, der Honorarprofessor, kein Hilfspersonal und lehrt üblicherweise gratis.

Die Studienangebote der Nebenberufler wie Architekturentwurf, Hochschulmanagement oder Chorleitung, Schwerpunkt Kinderchorleitung (an der Folkwang-Hochschule Essen) klingen nach Schmalspurdisziplinen, wie zugeschnitten auf den Dozenten und sein Exklusivwissen.

Fächerzuschnitt Small statt XXL

Berufsverbände warnen zwar immer wieder vor einer zu engen akademischen Erstausbildung. Trotzdem ist die Spezialisierung der Lehrgebiete bei so gut wie allen Hochschullehrern unverkennbar, auch bei den hauptberuflichen. Selbst im traditionsbewussten Bayern ist eine "fachliche Breite" gesetzlich nur für Universitätsprofessoren der höchsten Kategorie (W 3) gefordert.

Gleichwohl liegen einer nebenberuflichen Unikarriere von noch so glänzenden Berufspraktikern dicke Steine im Wege. Das sind die zusätzlichen wissenschaftlichen Qualifikationsnachweise nach der Doktorarbeit, zum Beispiel als Habilitand, Juniorprofessor oder Industrieforscher.

An der Technischen Universität Aachen beispielsweise ist nur einer von 400 Hochschullehrern Professor im Nebenjob. Die größeren Chancen liegen im Fach- und Kunsthochschulbereich - wie an der Hamburger Musikhochschule: 100 Prozent Titelschmuck für zwei Stunden oder elf Prozent Lehre.


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