Von Christine Prußky
Es gibt in der Wissenschaft nicht viele Grundgesetze. Die wenigen aber haben Gewicht. An sie hält man sich, und das über Rektoren- und Professorengenerationen hinweg. Umgeschrieben wird der Kanon akademischer Sitten und Traditionen jedenfalls so gut wie nie. Geschieht es dann doch, ist das eine Sensation. Wie jetzt.
Die Rede ist vom Berufungsverfahren. Genauer, von den dazu gehörenden Verhandlungen. Üblicherweise beginnen sie, nachdem die Berufungskommission die Topanwärter auf den Posten in der sogenannten Dreierliste benannt hat. Die Gespräche bestehen aus zwei Teilen: den Berufungsverhandlungen und den Bleibeverhandlungen.
Den Auftakt der Berufungsverhandlungen macht der Rektor oder Kanzler der Hochschule, die den jeweiligen Professor engagieren will. Am Ende dieser Verhandlungsrunde steht ein schriftliches Angebot. Es ist Schlüssel und Basis für die sogenannten Bleibeverhandlungen. Diese leitet der "gerufene" Professor ein. Er führt sie mit dem Rektor seiner Heimathochschule, um dieser die Chance zu geben, den Ruf abzuwehren und für sich ein besseres Angebot herauszuschlagen.
Ruf, Verhandlung, Rückverhandlung, Entscheidung: Diese Verfahrensschritte hatten im deutschsprachigen Raum über Jahrzehnte hinweg Bestand. Und so hatte sie natürlich auch der Münsteraner Marketingprofessor Dr. Manfred Krafft im Kopf, als er im vergangenen Herbst mit dem Rektor der Wirtschaftsuniversität Wien, Prof. Dr. Christoph Badelt, verhandelte. Und erkannte: Der Wiener Rektor geht anders vor. Er telefoniert, schickt Mails, nennt Summen und beschreibt Ausstattungsvolumina. Nur eines spart er sich im Programm: das schriftliche Angebot mit Unterschrift.
"Das ist die Zukunft, und sie hat schon angefangen"
Eine Irritation, eine Dreistigkeit oder ein Zeichen von Unseriosität? Alles falsch, sagt Manfred Krafft heute: "Das ist die Zukunft, und sie hat schon angefangen." Tatsächlich ist Badelt nicht der erste Rektor im deutschsprachigen Raum, der aus dem bisherigen Muster ausschert. Vielmehr zeigt das Verhalten des Wiener Rektors eine Entwicklung an, die nicht allen in der Hochschulszene schmeckt und die viele als Verfall der akademischen Sitten brandmarken. Die Sache ist nur: An dem Trend kommt keiner mehr vorbei. Als logische Folge der Hochschulautonomie ist er zudem unumkehrbar, denn natürlich können sich autonome Hochschulen nicht um Konventionen scheren, wenn diese ihren Lauf behindern.
Es ist so einfach wie im Fußball: Wer im nationalen und internationalen Wettbewerb punkten will, muss die bestmöglichen Spieler für sich gewinnen - egal wie. Da werden Unterhändler losgeschickt, Geheimverträge aufgesetzt und Ablösesummen in zweistelliger Millionenhöhe gezahlt. Fast 100 Millionen Euro überwies Real Madrid im vergangenen Sommer an Manchester United, um Cristiano Ronaldo zu sich nach Spanien zu holen. In der Öffentlichkeit führte der Millionentransfer zu heftigen Schlagzeilen, bei Insidern zu Seufzern der Ratlosigkeit. "Das ist nicht mehr meine Welt", sagte Fußball-Legende Günter Netzer.
Die Preisschraube dreht sich weiter
Natürlich lassen sich Hochschulen nicht wirklich mit Fußballclubs vergleichen. Auch mögen Professorengehälter in Deutschland im Vergleich zu den Millionenverdiensten eines Champions-League-Spielers ein Witz sein. Doch ob nun im Hochleistungsbetrieb Sport oder in der Wissenschaft - der Schlüssel zum Erfolg ist das Recruitment. In Wissenschaft und Forschung gelingt das nicht nur, aber zunehmend eben auch mit sehr viel Geld.
Das wissen Rektoren so gut wie Politiker und Wirtschaftsunternehmer. Nicht selten helfen heute alle zusammen, um einen Coup wie etwa den Wechsel des international umworbenen Batterieforschers Prof. Dr. Martin Winter von der Universität Graz nach Münster im Jahr 2008 zu landen. Damals legten gleich mehrere Firmen zusammen, um Winters Stiftungsprofessur für fünf Jahre mit 2,25 Millionen Euro zu finanzieren. Weitere 30 Millionen Euro nehmen dazu noch die Universität Münster und mehrere Landesministerien in die Hand. Ein Laborgebäude und ein daran angeschlossenes Technikum sollen Münster zum Mekka der Autobatterieforschung machen.
Das Beispiel zeigt: Wer in Forschung und Innovation den großen Wurf plant, nimmt in den Technik- und Naturwissenschaften heute durchaus Summen in die Hand, die im oberen Preissegment der Bundesliga verhandelt werden. Der FC Bayern München und der VfB Stuttgart einigten sich beim Transfer von Top-Stürmer Mario Gomez im vergangenen Jahr auf eine Ablösesumme von 30 Millionen Euro. Ein Rekord in der bundesdeutschen Vereinsgeschichte. Die Preisschraube dreht sich nach oben - im Sport wie in der Wissenschaft.
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