Von Christoph Titz
Wer hingehalten wird, hat derzeit noch Glück gehabt. Selbst große deutsche Unternehmen, die in der ersten Hälfte des vergangenen Jahres noch Rekordumsätze feierten, haben in der aktuellen Wirtschaftskrise auf die Einstellungsbremse getreten. Schlechte Zeiten also für frischgebackene Absolventen und Bewerber. Oft ist für sie ein "Eisschreiben" - ein hinhaltender Brief, der um eine längere Aufbewahrung der Bewerbungsunterlagen bittet - schon das höchste der Gefühle.
Viel häufiger sind direkte Absagen. Sie werden zu Tausenden verschickt und sind oft wenig charmant verfasst: Da werden Bewerberprofile wahlweise als ungenügend oder überqualifiziert etikettiert, oder der Absolvent, der sich jeden Werktag wieder um die Mittagszeit mit zittrigen Händen zum Briefkasten schleppt, hört wochen- und monatelang gar nichts.
Bei Absagen ist die Enttäuschung groß, erst recht, wenn die Bewerber einen Brief in fiesem Verwaltungsdeutsch erhalten. Doch die Unternehmen können auch anders, manche jedenfalls - freundlich statt frostig.
Wie das klappt, zeigt eine Auswahl von mustergültigen Texten, die jetzt von der Beratungsfirma Kienbaum Communications prämiert wurden. Kienbaum kürte die besten Absagen in zwei Kategorien: Anstellungen und Ausbildungsplätze. Die Briefe zeigen, dass selbst eine Absage Mut machen kann - auch wenn die Botschaft in dem dicken Brief sicher nicht die erhoffte ist. Es sind sechs positive Beispiele für Absagen, die den Bewerber nicht ins Tal der Verzweiflung stürzen lassen sollen.
Enttäuschung light: Warten auf bessere Zeiten
Wie viele Absagen tagtäglich per Post oder E-Mail versandt werden, zeigt eine kleine Umfrage bei großen Firmen in Deutschland: Der absolute Liebling der Absolventen ist der Internet-Konzern Google. Dort gehen jeden Tag rund 3000 Bewerbungen aus aller Welt ein, sagte ein Firmensprecher SPIEGEL ONLINE. Dabei hatte der Internet-Riese schon im November angekündigt, weniger Stellen schaffen zu wollen und auf einen Großteil der freien Mitarbeiter zu verzichten.
Gerade die bekanntesten Firmen werden mit Bewerberschreiben überhäuft. In der Wirtschaftskrise hat etwa der Walldorfer Software-Entwickler SAP seine Stellenanzeigen stark reduziert und stellt aktuell gar nicht ein - trotzdem erreichen die SAP-Personaler noch immer rund 1400 Bewerbungen im Monat. Auch beim Anlagenbauer Linde sind die Bewerberzahlen krisenbedingt leicht gesunken, dennoch bearbeiten die Personaler 5000 bis 6000 Bewerbungen im Jahr.
Die Flut ist zwar nicht mehr so gewaltig wie noch vor einem Jahr, weil viele Firmen kaum mehr Stellen ausschreiben. Auch Initiativbewerber, die sich nicht gezielt melden, sondern sich ganz allgemein einem Betrieb empfehlen wollen, sind eingeschüchtert und versuchen es weniger häufig.
Trotzdem sind es noch immer Zehntausende Bewerbungspakete, die Monat für Monat auf Papier oder online in den Human-Ressources-Abteilungen eingehen. Und oft wissen die Mitarbeiter kaum mehr ein noch aus vor lauter oft guten Einsendungen, für die aber gerade kein Platz ist.
Vor diesem Hintergrund ist eine freundliche Absage viel wert, denn vielleicht gelingt es ja, denjenigen später, wenn die Zeiten wieder besser und die Einstellungssperren aufgehoben sind, für das Unternehmen zu gewinnen. Denn auch eine Absage muss den hoffnungsfrohen Empfänger nicht schon im Treppenhaus in Tränen ausbrechen lassen.
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