Absolventen und Praktika: Biete qualifizierte Arbeit, brauche Stütze
Die "Generation Praktikum" machte im vergangenen Jahrzehnt Furore - als Begriff für die Ausbeutung junger Akademiker. Hat sich die Situation inzwischen gebessert? Nicht besonders, so eine Gewerkschaftsstudie: Rund ein Fünftel ist nebenbei sogar auf Stütze vom Staat angewiesen.
Gibt es sie oder gibt es sie nicht? Der Begriff "Generation Praktikum" ist seit seinem Auftauchen im Jahr 2005 umstritten. Umfangreiche Studien haben in der Zwischenzeit nahegelegt, dass das Klischee vom ausgebeuteten Jungakademiker, der nach dem Studium ein unbezahltes Praktikum nach dem anderen absolviert, höchstens für eine kleine Minderheit zutrifft. Die Diskussion lenkte allerdings die Aufmerksamkeit auf die schwarzen Schafe unter den Anbietern von Praktika - aber führte dies auch dazu, dass sich die Situation für betroffene Uni-Absolventen verbessert hat?
Eine neue Studie des DGB und der Hans-Böckler-Stiftung (HBS), betitelt mit "Generation Praktikum 2011" ( Hier als pdf,) kommt zu gemischten Ergebnissen: Offenbar nutzen immer noch viele Unternehmen Praktikanten als billige Arbeitskräfte. Zwar ging der Anteil der unbezahlten Praktika im Vergleich zum Jahr 2007 zurück, als die Studie erstmals durchgeführt wurde. Er liegt jedoch immer noch bei 40 Prozent. Gleichzeitig sank der durchschnittliche Stundenlohn bei den entlohnten Praktika jedoch auf 3,77 Euro.
Kein Wunder also, dass sich die wirtschaftliche Situation von Jungakademikern in einem Praktikum nach wie vor als überwiegend prekär darstellt: Mehr als drei Viertel der Betroffenen sind auf zusätzliche finanzielle Unterstützung angewiesen - 56 Prozent erhalten diese von den Eltern, 23 Prozent vom Partner. Mehr als ein Fünftel (22 Prozent) beziehen während ihres Praktikums gar Sozialleistungen. Jeweils nahezu die Hälfte (43 Prozent) greifen zu ihren Ersparnissen oder müssen Geld mit einem Nebenjob verdienen.
Unter denjenigen, die nach der Uni ohne Praktikum in den Job gelangten, gaben drei Viertel an, ihr Einkommen genüge nun, dreieinhalb Jahre nach dem Abschluss, für ihren Lebensunterhalt. Bei den Ex-Praktikanten waren es nur knapp 60 Prozent.
Jeder fünfte Praktikant erhielt ein Vertragsangebot
Bestätigen konnte die Befragung die bereits bekannten erheblichen Unterschiede zwischen den Studienrichtungen: Während bei Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaftlern 36 bis 43 Prozent der Absolventen nach ihrem Abschluss mindestens ein Praktikum absolvierten, traf dies nur auf fünf Prozent der frisch diplomierten Ingenieure zu. Bei Wirtschaftswissenschaftlern und Juristen sind es immerhin noch 23 beziehungsweise 34 Prozent, unter Naturwissenschaftlern 20 Prozent.
Insgesamt befragten DGB und Hans-Böckler-Stiftung für ihre nicht repräsentative Studie 674 Absolventen aus vier deutschen Universitäten. Die Befragten mussten hierfür einen Online-Fragebogen ausfüllen, in dem sie ihren beruflichen Werdegang in den dreieinhalb Jahren zwischen Studienabschluss und dem Befragungszeitpunkt beschreiben sollten.
Insgesamt gab jeder dritte Befragte an, ein oder mehrere Praktika nach seinem Abschluss absolviert zu haben. Die Forscher weisen allerdings daraufhin, dass davon auszugehen sei, dass dies in einer repräsentativen Umfrage nur auf rund 20 Prozent zutreffen würde. Aus methodischen Gründen sei unter anderem dieser Wert in der DGB-Studie erhöht.
Rund jeder fünfte Praktikant erhielt am Ende ein Angebot für einen befristeten oder unbefristeten Arbeitsvertrag. Drei Viertel der Praktikanten hatten den Eindruck, dass ihre Arbeit im Betriebsablauf des Unternehmens fest eingeplant war.
Der DGB fordert seit langem, dass Praktika grundsätzlich zu vergüten sein sollen. Auch die Grünen setzen sich dafür ein. Deren hochschulpolitischer Sprecher Kai Gehring sagte zum Ergebnis der Studie: "Jeder Praktikant soll Anspruch auf einen schriftlichen Vertrag, ein Zeugnis und eine Mindestaufwandsentschädigung von 300 Euro pro Monat innehaben." Die Bundesregierung zaudere seit Jahren, "überfällige klare Regelungen zum Schutz von Praktikanten vor Ausnutzung einzuführen".
Im Jahr 2008 hatte die damalige Bundesregierung gesetzliche Regelungen in Angriff genommen, die unter anderem ein Mindestgehalt für Praktikanten und eine Maximaldauer von Praktika festschreiben sollten. Doch die Verhandlungen zwischen dem Arbeits- und dem Bildungsministerium scheiterten am Unwillen von Bildungsministerin Annette Schavan.
fdi/dpa/dapd
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