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Sohn von AfD-Chef Lucke: Immer schön im Gegenwind

Von Johan Dehoust

Sohn von AFD-Chef Lucke: Angetrieben vom Gegenwind Fotos
Andree Kaiser

Friedrich Lucke, 19 und VWL-Student in Freiburg, ist der Sohn von AfD-Chef Bernd Lucke. Als sanfte Kopie seines Vaters buhlt er an der Uni um neue Mitglieder - für eine Partei, die ihre Wähler gern weit rechts der Mitte sucht und findet.

An einem schwülen Frühsommertag in Freiburg steuert Friedrich Lucke ein italienisches Eiscafé an, setzt sich an einen Tisch am Fenster und bestellt kein Eis, sondern eine heiße Schokolade mit Sahne. Dann beginnt er zu reden, und zwar so laut und klar artikuliert, dass zwei junge Männer am Nebentisch sich mehrmals umdrehen und ihn fast feindselig anschauen. Kann sein, dass sie ihn schon an der Uni gesehen haben. Vielleicht bemerken sie auch eine gewisse Ähnlichkeit zu seinem Vater, der es in den vergangenen Monaten zu großer Bekanntheit brachte.

Friedrich Lucke, 19 Jahre alt und Student in Freiburg, kommt optisch durchaus nach seinem Erzeuger: Die gleichen weichen Gesichtszüge, die gleiche schmächtige Statur, die gleiche Haarfarbe. Die Frage ist, ob er auch genauso tickt wie sein Vater. Der heißt Bernd Lucke, ist Chef der Alternative für Deutschland (AfD) und zog mit gut sieben Prozent der Stimmen ins Europaparlament ein. Lucke senior, ein Wirtschaftsprofessor in Hamburg, gilt bei vielen Kritikern als rechtspopulistisch, gar als gefährlich. Und der Junior? Wie ist der so drauf?

Friedrich Lucke ist immer ein guter Schüler gewesen. Aufgewachsen in Winsen an der Luhe bei Hamburg übersprang er eine Klasse, gehörte zum ersten G-8-Jahrgang und machte Abitur, als er gerade 16 war. Dann zog er nach Freiburg, nahm wie sein Vater ein Studium der Volkswirtschaftslehre auf und schreibt derzeit an seiner Bachelorarbeit. Er liebe das Übersichtliche und Gemütliche in Freiburg, sagt er. Er gehe viel aus, besuche Partys und vermeide es, bei solchen Gelegenheiten über den Vater und die AfD zu sprechen. Er habe allerdings nie das Bedürfnis gehabt, sich zu distanzieren.

Immer dem Vater hinterher

Friedrich war Mitglied der Jungen Union, als Bernd Lucke in der CDU war. Als sein Vater wegen der Steuerpolitik von Angela Merkel aus der Partei austrat, tat er es bald darauf auch. Als Bernd Lucke im Februar 2013 die AfD gründete, trat Friedrich eine Woche später bei. Kurz darauf begann er, die erste AfD-Hochschulgruppe aufzubauen, ausgerechnet in Freiburg, einer Stadt mit grünem Bürgermeister und starker linker Szene an der Uni. "Ich wollte meinem Vater helfen", sagt Friedrich Lucke. Über den Kreisverband fand er sechs Studenten, die mit ihm einen Gründungsantrag unterschrieben: Juristen, BWLer, VWLer.

Er sei mit sehr vielem einverstanden, was sein Vater fordere: dem Abschied vom Euro, einer stärkeren Basisdemokratie, einer neutraleren Position Deutschlands in der Weltpolitik. Doch es gebe auch Themen, bei denen er anderer Meinung sei als Bernd Lucke. Etwa, wenn es um Migration und den Wahlkampfslogan "Wir sind nicht das Weltsozialamt" gehe. Friedrich Lucke stört sich an dieser Rhetorik. "Ich denke, dass unsere Gesellschaft sehr von der Einwanderung profitiert hat und es auch immer noch tut. Das müssen wir stärker betonen." Die Aussage seines Vaters führe dazu, dass Medien schlussfolgerten, die AfD sei grundsätzlich gegen den Zuzug von Ausländern. Einen weiteren Dissens zum Vater gibt es beim Thema Schwulenrechte. Anders als sein Erzeuger würde er Homosexuellen zum Beispiel die Adoption von Kindern erlauben.

Vegetarismus und Internet: "Nicht gerade unsere Kernkompetenz"

Der Junior ist also etwas gemäßigter als sein Vater, aber in der Uni-Politik hilft ihm das auch nicht. "Im Moment wird im Stupa unter anderem über den Veggie-Day und einen besseren Internetzugang diskutiert, das ist nicht gerade unsere Kernkompetenz", sagt Friedrich Lucke. Daher macht sein AfD-Grüppchen auch keine aktive Campuspolitik, sondern zielt eher darauf ab, an der Hochschule junge Mitglieder für die AfD zu rekrutieren. Das funktioniert so mittelprächtig.

Über die Facebook-Seite der Partei hätten sich Studenten im "niedrigen zweistelligen Bereich" gemeldet, erzählt Lucke. Viele davon engagierten sich im Europawahlkampf für den Kreisverband, doch die Parteiarbeit könne durchaus noch intensiviert werden. Er selbst wird in diesem Sommer fürs Masterstudium nach Frankreich ziehen, an die Uni in Toulouse. Dann wird der AfD an der Uni Freiburg die treibende Kraft fehlen - unklar, wie es dann weitergeht. Zumal es von Anfang an erheblichen Widerstand gegen Luckes Trüppchen gab: Der AStA habe ihm und der AfD immer wieder vermittelt, dass sie auf dem Campus nicht willkommen seien mit ihren Botschaften. Lucke versucht das kleinzureden. "Na, von so was lassen wir uns doch nicht abhalten", sagt er.

Sein Bemühen, den politischen Gegnern nicht zu viel Platz zu geben, ist offensichtlich. Zwischendrin erwähnt er dann aber doch einige kleine Konfliktmomente. Da wäre etwa der Moment, als er mit AfD-Flyern in der Hand unfreiwillig in eine Attac-Demo geriet. "Verzieh dich, bevor etwas Schlimmeres passiert", habe einer der Aktivisten gesagt. Oder die Sache mit dem Prospekt, der in dem evangelischen Studentenheim, in dem er wohnt, rund fünfmal von der Pinnwand gerissen wurde. Lucke hängte den immer wieder neu auf. "Für mich fängt der Spaß da an, wo wir zeigen können, dass wir den längeren Atem haben", sagt er.

Immer alle gegen die Luckes

Wie wenig die AfD an der Uni willkommen ist, wurde im Februar dieses Jahres besonders deutlich. Friedrich Luckes Vater kam zu Besuch, um sich ein Konzert des Uni-Orchesters anzuhören, in dem sein Sohn Geige spielt. Diese Gelegenheit wollte der Parteichef nutzen, um in einem Bürgerhaus zu seinen Freiburger Anhängern zu sprechen. Etliche Studenten riefen dazu auf, die Veranstaltung zu stören, notfalls auch gewaltsam. Das Ergebnis: Die Polizei rückte an, um etwa 50 junge Menschen vor dem Gebäude aufzuhalten. Bernd Lucke musste durch den Hintereingang auf die Bühne.

Was macht es mit einem, wenn der eigene Vater so viel Widerstand produziert und im Fernsehen regelmäßig sogar mit NPD-Aktivisten verglichen wird? Er fühle sich dadurch nicht betroffen, sagt Friedrich Lucke. "Die politischen Gegner greifen einen doch immer an. Sie wären dumm, wenn sie es nicht tun würden." Lucke glaubt, dass das Selbstbewusstsein seines Vaters durch die Rollenzuteilung als der deutsche Rechtspopulist enorm gewachsen sei. "Er wird zwar von allen Seiten attackiert, geht aber deswegen auch immer stärker in die Offensive." Gilt das auch für ihn, den Sohn?

Ausnahmsweise antwortet er nicht unmittelbar auf eine Frage, er überlegt eine Weile. "Ein bisschen schon", antwortet er dann. Er sei es lange gewohnt, angefeindet zu werden. Seit seiner Schulzeit in Winsen, unweit von Hamburg. Außer ihm saßen dort 25 Schüler im Politikleistungskurs, die eine "grüne Lebenseinstellung" gehabt hätten und grundsätzlich anderer Meinung gewesen seien als er.

Der Gegenwind, sagt Friedrich Lucke, habe ihn aber nicht geschwächt. Auch die Kritik an der AfD und seinem Vater habe das nicht getan - im Gegenteil: "Ich stehe heute noch entschlossener zu ihnen." Zu erkennen ist das an seiner Facebook-Chronologie. Lange hat er sich bemüht, Politisches von dort fernzuhalten. Dann, vor ein paar Monaten, lud er ein Profilfoto hoch, auf dem er gemeinsam mit seiner Familie zu sehen ist. Im Vordergrund, in feinem Anzug, weißem Hemd und mit Krawatte: sein Vater und er.

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1.
cwernecke 02.09.2014
Die Rollenzuteilung für Bernd Lucke "als der deutsche Rechtspopulist" ist nicht objektiv, sondern kommt von links. Das zeichnet den ganzen Artikel aus. Was anderes war auch nicht zu erwarten.
2.
tyskie 02.09.2014
Da sieht man mal wieder, wie weit her es mit der Toleranz gegenüber Andersdenkenden ist. Rosa Luxemburg würde im Grab rotieren.
3. ...
Newspeak 02.09.2014
Die Familie Lucke ist wie die Familie von der Leyen...viel zu gut, um wahr zu sein. Immer schon privilegiert. Wie sollen sich solche Leute in die Lebenswirklichkeit eines Normalmenschens einfühlen können? Und genau solche Politik machen sie, die zeigt, daß sie es nicht können...Klientelpolitik.
4.
großwolke 02.09.2014
Tapferer Bursche. An den Unis geht es oft so krankhaft links zu, dass man schon ziemlich selbstbewusst sein muss, sich aktiv in anderen Strömungen zu bewegen. Das gilt übrigens nicht nur für die AfD, auch wer mit den Liberalen oder der CDU sympathisiert, hat da einen schweren Stand. Wenn er nur 12, 15 Leute an seiner Uni aktiv zum Mitmachen bekommen hat, kann er das für sich schon als ordentlichen Erfolg verbuchen. Bezeichnend übrigens, wie weltoffen und tolerant sich manch andere Gruppe dort so gibt...
5.
mischer1448 02.09.2014
"Lucke Senior, ein Wirtschaftsprofessor in Hamburg, gilt bei vielen Kritikern als rechtspopulistisch, gar als gefährlich." Lucke gilt als gefärlich? Für wen denn? Etwa für Profiteure des Euro und der Bankenrettungen?
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