Als Arzt in Tansania: Hühner und Heiratsanträge

Von Felix Ehring

Medizinstudent René Vollenbroich, 26, arbeitete als Arzt in Tansania. In einem Provinz-Krankenhaus durfte er sofort an den OP-Tisch. Bezahlen konnten ihn seine dankbaren Patienten nicht - außer mit Naturalien und ihrer Gastfreundschaft.

Sein zweites Staatsexamen hatte René Vollenbroich nach dem Studium an der privaten Universität Witten/Herdecke bereits absolviert und wollte weitere Einblicke in die Basismedizin bekommen. Im Mai flog er nach Arusha, um seine Stelle anzutreten. Vor drei Jahren hatte er bereits ein Projekt in Ghana unterstützt. Somit wusste er ungefähr, was ihn erwarten würde.

Helfer in der Not: Mediziner Vollenbroich
Felix Ehring

Helfer in der Not: Mediziner Vollenbroich

In afrikanischen Städten wie Arusha ist das erst einmal eine Dunstglocke von Abgasen. Die Stadt ist Ausgangspunkt für Safaris, von hier aus starten Touristen in die Serengeti und zum Ngorongoro-Krater. Vollenbroich hingegen kaufte sich am chaotischen Busbahnhof eine Fahrkarte und fuhr nicht weniger als 13 Stunden lang über Land.

Die Straßen wurden schlechter, je weiter er sich von der Stadt entfernte. Irgendwann kam Vollenbroich im Örtchen Haidom an, richtete sich in einem Zimmer auf dem Gelände des Krankenhauses ein und nahm seine Arbeit als Assistenzarzt in der Chirurgie auf.

Der einzige Weiße im Ort

Medizinstudenten müssen in Deutschland viel Geduld aufbringen, bis sie im Operationssaal arbeiten dürfen. In der afrikanischen Provinz hingegen ist man für jede helfende Hand dankbar. Vollenbroich, der einzige Weiße weit und breit, den viele Einheimische folgerichtig einfach "Mzungu" nannten, war seit dem ersten Tag voll eingebunden. "Man hat dort keine festen Arbeitszeiten", sagt Vollenbroich, "aber es gibt immer zu tun."

Der Student aus Witten-Herdecke assistierte bei Blinddarm-Operationen, wurde nachts geweckt, wenn eine dringende Geburt anstand. Die Leute kannten ihn schnell. "Manche Menschen in dieser Gegend wissen nicht, was sie am nächsten Tag essen sollen, trotzdem haben mich alle sehr herzlich aufgenommen", erzählt Vollenbroich. Bezahlen konnten ihn seine Patienten nicht. Aber nach mancher Operation gab es ein Huhn als Geschenk - oder es wurde gleich eine potentielle Braut zur Heirat vorgestellt.

Speiseplan: Brei und Reis

In Tansania gibt es Gegenden, die relativ gut erschlossen sind. Daressalam erinnert hier und dort an Südeuropa, in den Usambara-Bergen und an der Grenze zu Sambia sind die Ernten sicher. Im abgeschiedenen Mbulu-Distrikt, in dem auch Haidom liegt, ist das anders. Geht es den Einheimischen oder ihren Kindern schlecht, müssen sie weite Wege auf sich nehmen, um zum Krankenhaus zu gelangen. Sie fahren 150 Kilometer mit dem Bus oder gehen einen halben Tag zu Fuß.

"Mzungu" mit Dorfbewohnern: Herzlich aufgenommen

"Mzungu" mit Dorfbewohnern: Herzlich aufgenommen

Die letzte Ernte war schlecht. "Die Menschen haben zwar zu essen", so Vollenbroich, "aber gerade in der Peripherie machen viele den Eindruck, dass sie unter Mangelernährung leiden." Außerhalb des Stadtkerns sind die Hütten aus Lehm, die Dächer aus getrocknetem Gras. Geld für Steine und Wellblech hat hier niemand.

Das Krankenhaus bekommt Medikamente und Ausrüstung von norwegischen Geldgebern finanziert. Gerade einmal 250 Betten gibt es für die mehr als 500.000 Menschen im Einzugsgebiet. Vollenbroich trug große Verantwortung, er war oft der einzige Arzt, der zur Verfügung stand. Wenn kein Übersetzer in der Nähe war, griff er auf einige erlernte Brocken Kisuaheli zurück.

Tumbo heißt Bauch, Figo heißt Niere. Damit musste es gehen. Neben Malaria und HIV, den größten Todbringern in Afrika, sind Brandverletzungen eine ständige Herausforderung. Es gibt überall offene Feuerstellen zum Kochen, und die Kinder spielen unbeaufsichtigt. Dazu kommen die Gefahren der Region. Kinder werden von Hyänen und Leoparden angegriffen. Die beißen ihren Opfern vor allem ins Gesicht. Vollenbroich hat Dinge gesehen, die niemand gern sieht.

Für eine Zeitung in die Hauptstadt

Einen Lohn konnte das Krankenhaus nicht bezahlen, sorgte aber immerhin für die Verpflegung: Brei aus Mais, sogenanntes Ugali. Oder Reis. Diese Grundnahrungsmittel gab es jeden Tag, fünf Monate lang. Dazu Soße, ab und zu Huhn.

Verzichten musste der Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes hingegen auf aktuelle Medien und Süßigkeiten. Manchmal nahm er die lange Fahrt nach Arusha auf sich, um eine Zeitung oder ein Stück bröcklige Schokolade zu kaufen, die irgendwann aus England importiert wurden.

Trockenes Land: Die letzte Ernte war schlecht
Felix Ehring

Trockenes Land: Die letzte Ernte war schlecht

Vom Deutschen Famulantenaustausch bekam Vollenbroich einen Zuschuss zu den Reisekosten. "Viel Geld braucht man nicht in Haidom, es gibt ja fast nichts zu kaufen", bemerkt er lakonisch. Nur einmal investierte er in eine lange Busfahrt, um sich ein paar Tage an den weißen Stränden von Sansibar auszuruhen. Immer wieder überwältigte Vollenbroich die Herzlichkeit der Menschen. Als er zur Essenszeit jemanden im Ort suchte, kam er kaum vorwärts: "An jeder Hütte wurde ich zum Abendessen eingeladen. Die Leute teilen alles, obwohl sie selbst so wenig haben."

Ein Heiratsangebot hat Vollenbroich aber nicht angenommen. Er ist mittlerweile aus Afrika zurück und hat sein Praktisches Jahr begonnen. Erste Station: Cleveland, USA.

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