Als Lehrer in China: Da ist sie, die Deutschschülerin

In Changchun soll Jan Kammann alias Yang Laoshi eigentlich Deutsch unterrichten, nur lernt das dort niemand. Also arbeitet er als Englischlehrer. Bis überraschend doch eine Schülerin auftaucht: Sie möchte in Deutschland studieren - und so richtig gedrillt werden. Na gut, kann sie haben.

Als Lehrer in China: Überraschung - endlich Deutschstunden Fotos

Nach fast acht Monaten an der Changchun Foreign Language School dachte ich schon, ich hätte alle Entscheidungsträger getroffen und das Wesen der Bürokratie in etwa verstanden. Ganz falsch. Gerade hatte ich mich so nett eingerichtet in meiner Rolle als Englischlehrer und selbst jede Menge Spaß am Unterricht. Da erfuhr ich mitten in einer Stunde, nun warte eine neue Aufgabe auf mich - unter den irritierten Blicken meiner Schüler musste ich das Feld räumen.

Hatte ich etwas falsch gemacht, wurden meine Unterrichtsmethoden gar als subversiv empfunden, war ich also in Ungnade gefallen bei der mächtigen Schulleitung? Nein - ich sollte jetzt meiner wahren Bestimmung folgen und Deutsch unterrichten.

Bisher wusste ich nicht einmal, dass es Deutschschüler an der Schule gibt. Bei Nachfragen bekam ich immer zu hören: "Mei You" (haben wir nicht). Also habe ich Englischstunden übernommen. Und nun taucht plötzlich doch eine Deutschklasse auf und macht alles neu, alles anders?

Eine Klasse, das wäre deutlich übertrieben: Im Sekretariat sagt man mir, es handele sich um genau EINE Deutschschülerin. Als Überbleibsel eines ganzen Kurses, der mit der Zeit immer weiter schrumpfte. Eva, so der deutsche Name der 19-Jährigen, befinde sich in arger Bedrängnis, meine Hilfe sei nun notwendig. Sie steht unmittelbar vor einer Uni-Zulassungsprüfung im Fach Deutsch - der zweite Versuch, den ersten hatte sie vermasselt.

Plaudern? Nicht mit Eva - sie steht unter Druck

Bis es losgeht, bleiben ein paar Tage Zeit. Ein wenig enttäuscht ob des abrupten Endes meiner Zeit als Englischlehrer überquere ich den Schulhof. Die Kids sind mir ans Herz gewachsen. Zu meiner Erleichterung sind auch sie nicht glücklich über meine Versetzung. "Teacher, what happened?", fragen die Schüler, "when you come back?" "Wahrscheinlich gar nicht", muss ich ihnen entgegnen, denn ich hatte bereits meine kanadische Nachfolgerin getroffen.

In Gedanken hatte ich schon meinen nahenden Abschied geplant und mir ein paar nette Sachen ausgedacht. Aber chinesische Abgänge sind häufig abrupt und unsentimental - nach gemeinsamen Abendessen plaudert und trinkt man nicht noch, nein, kaum legt der letzte seine Stäbchen zur Seite, springen alle auf und verlassen das Restaurant. Schon oft saß ich voller Vorfreude auf eine gemütliche Runde am Tisch und musste dann feststellen, dass der Abend bereits gelaufen war.

In der ersten Unterrichtstunde lerne ich Eva kennen und Herrn Liu, ihren chinesischen Deutschlehrer. Es sind nur sechs Stunden in der Woche. Dennoch - hier wird es anders zur Sache gehen: Eva steht unter Druck, sie möchte gedrillt werden und macht das unmissverständlich klar, nachdem ich für ihren Geschmack zu sehr ins Plaudern geraten war.

Also gut - soll sie haben. Aber erst muss ich mich noch mit dem Deutschbuch vertraut machen, das Herr Liu zur Verfügung stellt. Bis dahin üben wir auf Evas ausdrücklichen Wunsch Präpositionen: nach meiner Methode und mit Hilfe eines Grammatik-Buches, das ich besorgt habe. Aber auch da ist Eva skeptisch, sind doch ausschließlich die Texte ihres Lehrbuchs Grundlage der Prüfung. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit sieht sie ein, dass Präpositionen kontextunabhängig immer gleich funktionieren. Schnell taut Eva auf, wir manövrieren mehr oder weniger sicher zwischen Dativ- und Genitivpräpositionen hin und her.

Die Schülerin ist sympathisch ahnungslos

Das Lehrbuch stellt sich als ausgesprochen sperrig heraus. Eigentlich ist es ein Buch auf Uni-Niveau, mit dem sich chinesische Deutschschüler herumschlagen müssen. Keine Bilder, keine Farbe, nur blanker Text. Wir üben also Verben der Veränderung mit Sätzen wie "Der Preis des Baumaterials hat um 50 Prozent zugenommen" oder auch "Die Zuwachsrate der Stahlproduktion hat um 20 Prozent abgenommen'. Außerdem wiederholen wir das Futur I mit Beispielen wie "Autos werden für eine Lebensdauer von 11 Jahren gebaut werden", wenn nicht sogar "Der Widerstand gegen die Zerstörung der Umwelt wird zunehmen!"

So will es das Lehrbuch. Verzweiflung macht sich breit im neun Quadratmeter kleinen Klassenraum. Der externe Lehrer Herr Liu, dessen einzige Schülerin ebenfalls Eva ist, bemerkt meinen Widerwillen, vielleicht auch meine Unfähigkeit, anhand dieses Stoffs Grammatik zu vermitteln. Also schlägt er vor: In Zukunft wird er wieder den grammatikalischen Drill übernehmen, und ich spreche mit Eva über Studienvoraussetzungen und -möglichkeiten in Deutschland. Denn da möchte sie langfristig studieren. Vorschlag angenommen.

Es gilt zu klären, was es denn überhaupt für Angebote gibt. Meine Schülerin hat sich noch überhaupt keine Gedanken gemacht, was sie mit ihrem Leben anfangen möchte. Sehr sympathisch - sie ist genauso ahnungslos wie ich in dem Alter. Ich betrachte das als Chance, jemanden die Orientierungslosigkeit zu nehmen, mit der ich mich so lange rumschlagen musste.

Also habe ich eine Präsentation vorbereitet, die Studiengänge aufdröselt und aufzeigt, was man später damit so machen kann. Schnell wird klar: Mathe blöd, Physik zu schwierig, Medizin blöd, Biologie blöd. BWL und Ingenieurwissenschaften zwar gut zum Geld verdienen, aber trotzdem blöd. Eigentlich alles blöd - sogar Grafikdesign oder "Irgendwas mit Medien". Aber der Fall ist keineswegs hoffnungslos: Eva interessiert sich für Geschichte, hat das nur als minderwertig abgetan, weil man damit eben kein Geld verdienen könne.

Ein Prüfungsbogen steigert gleich die Motivation

Ich erzähle ihr von meinen Reiseabenteuern und dem Interesse vieler Deutscher am Reich der Mitte. Touristen sind angewiesen auf brauchbare Informationen von fachkundigen Reiseleitern. Und umgekehrt interessieren sich viele Chinesen für Europa oder sogar besonders für Deutschland. Eva ist Feuer und Flamme. Sie sagt, schon immer habe sie mehr lernen wollen über fremde Kulturen, aber auch über die lange Geschichte ihres Landes.

Sie wird ganz redselig, erklärt mir die chinesische Mauer und die Verbotene Stadt in Peking. Wäre doch gelacht, wenn sich bei so viel Enthusiasmus nicht was Passendes finden ließe. Auch Herr Liu ist begeistert - minutenlang hat unsere einzige Schülerin frei auf Deutsch über Geschichte referiert.

Dass es noch einige Hürden gibt, mag ich ihr kaum mehr sagen: Jemand muss für sie bürgen, oder Eva muss persönlich 100.000 Renmimbi (rund 11.000 Euro) bei der Botschaft hinterlegen. Hinzu kommen Studiengebühren, Semesterbeitrag, Lebenshaltungskosten in Deutschland. Aber in die Ausbildung der Kinder investieren zahlungskräftige chinesische Eltern gern. Ein größeres Problem sind wohl die hohen Ansprüche der deutschen Universitäten. So müssen ausländische Studenten den "TestDaf" absolvieren, eine Prüfung für Deutsch als Fremdsprache. Ganz schön happig: Lese- und Hörverstehen werden ebenso geprüft wie mündlicher und schriftlicher Ausdruck.

Ich habe Testexemplare ausgedruckt, wir üben gemeinsam. Chinesische Schüler wirken immer dann besonders motiviert, wenn sie einen Prüfungsbogen vor sich haben. Die Aufgaben sind zwar schwer, aber Eva ist mehr als zuversichtlich, ihr Enthusiasmus ungebrochen. So kann es bleiben - in den kommenden Stunden unterhalten wir uns dann über Bewerbungsformulare, Einreisebestimmungen, Wohnungsbeschaffung und sonstigen Papierkram. Ich hoffe, das verdirbt ihr nicht die Laune.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 7 Beiträge
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1. Voraussetzungen überall ähnlich
sina2504 28.04.2010
Diese Sprachtests muss jeder Student absolvieren, der ins Ausland möchte - egal ob für ein Semester oder für ein ganzes Studium. (Ausnahme: Auslandssemester bei Partnerunis) Auch Deutsche, die nach Australien, Frankreich oder sonstwohin möchten. Nur dann heißt es eben z.B. TOEFL. Und Geld kostet es ebenfalls reichlich. Ist also kein großer Unterschied, ob nun ein Chinese nach Deutschland oder ein Deutscher in die USA möchte oder was auch immer.
2. Unterrichtsmaterial für Deutsch als Fremdsprache (DaF)
pgienandt 28.04.2010
Hallo Herr Kammann, herzlichen Glückwunsch zur ersten Deutschschülerin in China ;-). Die von Ihnen geschilderten Rahmenbedingungen ("Das Lehrbuch stellt sich als ausgesprochen sperrig heraus."), haben mich inspiriert, Ihnen zu schreiben und zu helfen. Bitte schauen Sie sich auf der Webseite von LinguaTV (www.linguatv.com) die Unterichtsmaterialien für Deutsch als Fremdsprache an: unterhaltsame Videos mit authentischen, zeitgemäßen Dialogen aus Deutschland, die ein praxisrelevantes Deutsch vermitteln, welches sofort angewandt werden kann. Frei nach dem Motto "Ein Video sagt mehr als tausend Texte" kann der Zuschauer sich mit der (bereits mehrfach ausgezeichneten) DaF-Video-Lern-Soap "Neu in Berlin" auch auf kulturelle Eigenheiten in dem für ihn doch oft so fernen Deutschland einstellen ... idealerweise vor seiner Ankunft. Falls Ihnen etwas gefällt und Sie es nutzen wollen, kontaktieren Sie mich bitte (über Kontaktformular auf der Webseite von LinguaTV). Ich würde Ihnen und Ihrer Studentin gerne helfen. Weiterhin viel Erfolg und beste Grüße aus Berlin nach Changchun.
3. ...
Sheherazade, 28.04.2010
Zitat von sina2504Diese Sprachtests muss jeder Student absolvieren, der ins Ausland möchte - egal ob für ein Semester oder für ein ganzes Studium. (Ausnahme: Auslandssemester bei Partnerunis) Auch Deutsche, die nach Australien, Frankreich oder sonstwohin möchten. Nur dann heißt es eben z.B. TOEFL. Und Geld kostet es ebenfalls reichlich. Ist also kein großer Unterschied, ob nun ein Chinese nach Deutschland oder ein Deutscher in die USA möchte oder was auch immer.
Also, zumindest in Frankreich werden durchaus Äquivalenzen (Französisch-LK, zweisprachige Schule, etc. anerkannt). Davon abgesehen habe ich noch nie gehört, dass z.B. ein Franzose, der nach Amerika geht, dafür Geld bei der Botschaft hinterlegen muss, wobei ich zugeben muss, dass ich nicht viele Leute kenne, die das gemacht haben, die meisten gehen als Erasmusstudenten ins europäische Ausland.
4. beispiel
sina2504 28.04.2010
@ Sheherazade Ich meinte ja, dass es Ausnahmen gibt. Und das Erasmus-Programm ist letztlich ein Stipendienprogramm. Wenn das nicht wäre, müsste man eben doch eine Menge Geld bezahlen - natürlich auch abhängig davon, wie es im jeweiligen Land üblich ist. Ich gehe zum Beispiel bald nach Australien - meine Hochschule hat keine Partneruni und die Stipendienvergabe vom DAAD ist noch nicht abgeschlossen. Ich musste nicht nur den TOEFL absolvieren (der nicht nur in Australien, sondern auch in den USA und GB meistens notwendig ist - LK wird hier großteils nicht akzeptiert), sondern auch die 8.200 AUD Studiengebühren für ein! Semester zahlen. "Und Geld kostet es ebenfalls reichlich." - Damit meinte ich also nicht, dass jeder was bei einer Botschaft hinterlegen muss, der ins Ausland will. Nur, dass es in den meisten Fällen eben einfach sehr teuer ist. Und wenn die Chinesin aus dem Artikel schon an einer chinesischen Uni studieren würde und zu einer Partneruni nach Deutschland wollen würde, wären die Bedingungen einfach. Haben mir jedenfalls Kommilitonen erzählt, die es andersrum gemacht haben. Aber naja... In jedem Fall ist es aufwendig, kompliziert und teuer - egal wie mans macht :)
5. @Sheherazade
Blaue Fee 28.04.2010
Nun vielleicht ist das so bei Europäern, in LatAm muss der DELF bstanden werden, um später in Frankreich studieren zu dürfen.
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Zum Autor
Jan-Christoph Kammann

Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.


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