Als Lehrer in China: Keine Experimente, Yang Laoshi
Fahnenappell bestaunt, Gesundheitscheck bestanden, jetzt wird's ernst für Fremdsprachenassistent Jan-Christoph Kammann alias Yang Laoshi. Gespannte chinesische Schüler warten auf ihren angespannten deutschen Lehrer. Und für pädagogische Flausen wurde er nicht gebucht.
Nach Erledigung aller Formalitäten kann es nun also losgehen. Weil Deutschunterricht frühestens im Oktober wieder angeboten wird, habe ich darum gebeten, in Englischkursen eingesetzt zu werden. Sonst ist es einfach zu langweilig. Außerdem werde ich hier bezahlt, beziehe Kost und Logis, nutze die Sportgeräte regelmäßig - und habe das dringende Bedürfnis, eine Gegenleistung zu erbringen.
Also Englisch. Erstmal nur zur Ansicht bei Miss Karen, so ihr englisches Pseudonym. Schüler, Miss Karen und ich selbst sind allesamt aufgeregt, als ich vor die Klasse trete. 30 neugierige Augenpaare gucken mich erwartungsfroh an. In bestem Chinesisch nenne ich meinen Namen, meine Herkunft und meinen Titel. Vorher hieß ich noch "Tai Yang", "starke Sonne" - jetzt wurde ich promoviert zu "Yang Laoshi ", Lehrer Yang.
Das ist ganz wichtig, es klärt die Hierarchien. Man spricht Menschen hier mit ihrem Titel an, also Chef Zhang, Manager Shao, Vater Tian oder auch Mutter Wang. Meine Ansprache erheitert die Kids, sie jauchzen mir "Hello Mr. Yang" entgegen. Die Stimmung hat sich also gelockert - nur nicht die von Miss Karen.
In der letzten Reihe nehme ich meinen Beobachtungsposten ein. Miss Karen fordert die Klasse auf, sie wie gewohnt zu begrüßen. Die 14- und 15-Jährigen springen alle auf und brüllen "Good Morning". Los geht es mit dem Aufarbeiten der Hausaufgaben vom Vortag. Jeweils ein Schülerpärchen steht auf und spricht einen Dialog beim Arzt nach:
Schüler 1 (Doktor): "What's the matter?"
Schüler 2 (Patient): "I have a cold!"
Schüler 1: "You should take some medicine!"
Dialogende, die nächsten sind dran.
Schüler 3 (Doktor): "What's the matter?"
Schüler 4 (Patient): "I have a sore throat!"
Schüler 3: "You should drink hot tea!"
Dialogende. Nachdem alle einmal dran gewesen sind, das Ganze nochmal im Chor, ohrenbetäubend laut. Zeit verschwendet wird in dieser Klasse nicht. Und mit pädagogischer Exotik wie Gruppenübungen, Still- oder gar Freiarbeit gibt man sich hier auch nicht ab. Allerdings werde ich das Gefühl nicht los, dass Miss Karen meinetwegen so ein Höllentempo vorlegt. Aber die Schüler ziehen bereitwillig mit, als wollten sie mir zeigen, was sie schon alles können. Nach jedem Satz werfen sie mir fragende Blicke zu, um sich meiner Zustimmung zu vergewissern.
Miss Karen wirkt noch immer angespannt. Anspannen würde mich vielmehr die Kamera, die unübersehbar in ihrem Blickfeld an der Wand gegenüber angebracht ist. Kameras gehören hier zum Alltag - eine in jeder Klasse, im Hauptgebäude der Videoüberwachungsraum. Für mich ist das ein merkwürdiges Gefühl, für Lehrer und Schüler der Changchun Foreign International School ganz normal.
Weiter geht's mit einer Übung zum Thema "How can we stay healthy?" Miss Karen liest den Text aus dem Arbeitsbuch vor. Alle stehen auf und lesen erst im Chor, dann in Pärchen und üben die Aussprache einzelner Wörter. Und wenn ein Schüler dasselbe Wort 25 Mal sagen muss - er macht es so lange, bis Miss Karen zufrieden ist.
Und wie bleibt man nun gesund? So:
1. eat right
2. sleep right
3. do not smoke
4. exercise to keep right
Das ist laut Lehrbuch die Formel für ein langes Leben. Könnte was dran sein.
Ein kleiner Text zur Ernährung nach dem Yin-und-Yang-Prinzip interessiert mich, darüber würde ich gern mehr erfahren. Nur soviel: Neigt man zu Aggressivität und Anspannung, sollte man verstärkt Yin-Lebensmittel konsumieren, etwa Gemüse und Tofu. Ist jemand aber oft müde und schlapp, dann sollte er das Yang stärken - mit Fleisch und scharfen Gewürzen. Ich erwäge, in Zukunft nur noch scharf gewürztes Fleisch zu frühstücken. Der letzte Dialog wird vom Gong unterbrochen. Hausaufgabe: Dialoge wiederholen.
Demnächst werde ich selbst unterrichten. Wenn ich meine Glaubwürdigkeit nicht verlieren will, verzichte ich besser auf die modernen Pädagogikkonzepte, die ich in der Uni aufgeschnappt habe. Schon male ich mir die irritierten Blicke der Schüler aus, wenn es wieder heißt: Stationenlernen mit Yang Laoshi - und im Videoüberwachungsraum bricht jemand in lautes Gelächter aus.
- 1. Teil: Keine Experimente, Yang Laoshi
- 2. Teil: Yang Laoshi im Alleinflug: Also, was kleine Chinesen alles über Deutschland wissen…
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- Mittwoch, 14.10.2009 – 09:10 Uhr
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Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.
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