In den ersten Tagen habe ich meinen Job als unheimlich anstrengend empfunden. Aber das ist relativ, verglichen mit dem Alltag der Schüler. Jeden Tag, auch samstags, zwölf Stunden Unterricht und danach Hausaufgaben - das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Man sieht, dass sie total übermüdet sind. Dafür spricht auch ihre liebste Freizeitaktivität. Die meisten sagen: Schlafen.
Die Schule lässt sie einfach nie in Ruhe. Selbst die Pausen sind mit reichlich Programm angefüllt: Fahnenappell, Marschieren üben, Klassenräume aufräumen, Augenentspannungsübungen. Dafür schallt sofort nach der dritten und sechsten Stunde "Entspannungsmusik" durch die Lautsprecher. Entspannung? Die Musik wird begleitet von einer schrillen und lauten Stimme, die immer wieder von 10 abwärts zählt. Fünf Minuten dauern diese Übungen, alle müssen sich die Augenpartien massieren. In jeder Klasse wird zur Überwachung ein Schüler abgestellt, damit auch ja alle mitmachen.
Offenbar werden die Schüler auch dazu angehalten aufzustehen, sobald die Müdigkeit sie zu übermannen droht. Auch in meinem Unterricht - und ich bemühe mich schon, ihn so spannend wie möglich zu gestalten. In der ersten Woche steht plötzlich ein Junge auf und guckt mich an. Alles in Ordnung?, frage ich. Er sagt nichts, verdreht seine Augen. Eine Mitschülerin erklärt, er sei nur müde. Stehen bringt den Kreislauf wieder in Gang. Am liebsten hätte ich den Jungen sofort ins Bett geschickt - aber nichts da, sind ja nur acht Stunden bis Schulschluss.
Der Druck auf die Schüler ist enorm. Spruchbänder in den Klassenräumen fordern sie auf, noch mehr zu lernen. Ergebnisse von Klassenarbeiten werden öffentlich gemacht, am Schultor hängen endlose Listen der Absolventen, die es auf Unis geschafft haben. Die anderen können sich getrost als Versager betrachten. Darum schicken manche Eltern ihre Kinder auch noch sonntags zu Sprach- und Nachhilfelehrern - schließlich sollen die Kleinen später mal die gesamte Familie ernähren. Dass sie allesamt Einzelkinder sind, macht es für sie wohl nicht einfacher.
Unterricht mit Untergang der "Titanic"
Im Unterricht leben die Schüler aber schnell auf. In der zweiten Woche erkläre ich die USA, natürlich geht es auch um die Unterhaltungsindustrie. Jeder mag Hollywood-Filme, amerikanische Musik und besonders die NBA: Kobe Bryant, weil der unheimlich cool ist, und Yao Ming, der es aus Shanghai in die beste Basketballliga der Welt geschafft hat. Ihm eifern alle Jungs nach, alle Mädchen bewundern ihn.
Auch kennen alle "E.T." und die Ozean-Schmonzette "Titanic", die ich abwechselnd an die Tafel bringe. Alle freuen sich über meine Unfähigkeit als Zeichner und sind traurig, wenn ich die Titanic untergehen lassen. Wahre Begeisterungsstürme löst allerdings ein anderer aus: Michael Jackson. Die Stunden lasse ich immer mit einem Song ausklingen - die USA werden von "Smooth Criminal", "Black or White" oder "Dirty Diana" repräsentiert. Die Wirkung ist hypnotisch. Schon bei den ersten Akkorden bricht eine Art Massenhysterie aus, Schüler beginnen zu tanzen und Michael Jacksons Glucksen zu imitieren, einer wagt sich sogar an den Moonwalk.
So ist, wenigstens für eine Stunde, die bleierne Müdigkeit im Klassenzimmer passé. Aber was soll nach Michael Jackson noch kommen - vielleicht Elvis? Oder Pink Floyd mit "Another Brick in the Wall"? Das ginge wohl zu weit. Ein anderer Fremdsprachenlehrer wurde nach diesem Songs eindringlich ermahnt, dies doch bitte zu unterlassen.
Mein Eindruck nach diesen zwei Wochen: In China funktioniert Schule ganz anders als in Deutschland. Der Stoff wird so lange wiederholt, bis jeder Schüler ihn auswendig kann. Verurteilen möchte ich das nicht, hier hat das Bildungssystem eine ganz andere Geschichte, Humboldtsche Bildungsideale sind so fremd wie Labskaus oder Sauerkraut. Schade finde ich allerdings, dass es Musiker, Zeichengenies oder Schauspieler schwer haben, ihr Talent zu entdecken. Die Schüler bekommen kaum Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Vielleicht gelingen mir ein paar Anreize - und vielleicht gibt es den Fahnenappell dann bald im Moonwalk.
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