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Als Lehrer in China Moonwalk macht müde Schüler munter

China: Jacko gegen Fließbandteaching
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Jan-Christoph Kammann

2. Teil: Michael Jackson löst eine Art Massenhysterie aus

In den ersten Tagen habe ich meinen Job als unheimlich anstrengend empfunden. Aber das ist relativ, verglichen mit dem Alltag der Schüler. Jeden Tag, auch samstags, zwölf Stunden Unterricht und danach Hausaufgaben - das geht nicht spurlos an ihnen vorüber. Man sieht, dass sie total übermüdet sind. Dafür spricht auch ihre liebste Freizeitaktivität. Die meisten sagen: Schlafen.

Die Schule lässt sie einfach nie in Ruhe. Selbst die Pausen sind mit reichlich Programm angefüllt: Fahnenappell, Marschieren üben, Klassenräume aufräumen, Augenentspannungsübungen. Dafür schallt sofort nach der dritten und sechsten Stunde "Entspannungsmusik" durch die Lautsprecher. Entspannung? Die Musik wird begleitet von einer schrillen und lauten Stimme, die immer wieder von 10 abwärts zählt. Fünf Minuten dauern diese Übungen, alle müssen sich die Augenpartien massieren. In jeder Klasse wird zur Überwachung ein Schüler abgestellt, damit auch ja alle mitmachen.

Offenbar werden die Schüler auch dazu angehalten aufzustehen, sobald die Müdigkeit sie zu übermannen droht. Auch in meinem Unterricht - und ich bemühe mich schon, ihn so spannend wie möglich zu gestalten. In der ersten Woche steht plötzlich ein Junge auf und guckt mich an. Alles in Ordnung?, frage ich. Er sagt nichts, verdreht seine Augen. Eine Mitschülerin erklärt, er sei nur müde. Stehen bringt den Kreislauf wieder in Gang. Am liebsten hätte ich den Jungen sofort ins Bett geschickt - aber nichts da, sind ja nur acht Stunden bis Schulschluss.

Der Druck auf die Schüler ist enorm. Spruchbänder in den Klassenräumen fordern sie auf, noch mehr zu lernen. Ergebnisse von Klassenarbeiten werden öffentlich gemacht, am Schultor hängen endlose Listen der Absolventen, die es auf Unis geschafft haben. Die anderen können sich getrost als Versager betrachten. Darum schicken manche Eltern ihre Kinder auch noch sonntags zu Sprach- und Nachhilfelehrern - schließlich sollen die Kleinen später mal die gesamte Familie ernähren. Dass sie allesamt Einzelkinder sind, macht es für sie wohl nicht einfacher.

Unterricht mit Untergang der "Titanic"

Im Unterricht leben die Schüler aber schnell auf. In der zweiten Woche erkläre ich die USA, natürlich geht es auch um die Unterhaltungsindustrie. Jeder mag Hollywood-Filme, amerikanische Musik und besonders die NBA: Kobe Bryant, weil der unheimlich cool ist, und Yao Ming, der es aus Shanghai in die beste Basketballliga der Welt geschafft hat. Ihm eifern alle Jungs nach, alle Mädchen bewundern ihn.

Auch kennen alle "E.T." und die Ozean-Schmonzette "Titanic", die ich abwechselnd an die Tafel bringe. Alle freuen sich über meine Unfähigkeit als Zeichner und sind traurig, wenn ich die Titanic untergehen lassen. Wahre Begeisterungsstürme löst allerdings ein anderer aus: Michael Jackson. Die Stunden lasse ich immer mit einem Song ausklingen - die USA werden von "Smooth Criminal", "Black or White" oder "Dirty Diana" repräsentiert. Die Wirkung ist hypnotisch. Schon bei den ersten Akkorden bricht eine Art Massenhysterie aus, Schüler beginnen zu tanzen und Michael Jacksons Glucksen zu imitieren, einer wagt sich sogar an den Moonwalk.

So ist, wenigstens für eine Stunde, die bleierne Müdigkeit im Klassenzimmer passé. Aber was soll nach Michael Jackson noch kommen - vielleicht Elvis? Oder Pink Floyd mit "Another Brick in the Wall"? Das ginge wohl zu weit. Ein anderer Fremdsprachenlehrer wurde nach diesem Songs eindringlich ermahnt, dies doch bitte zu unterlassen.

Mein Eindruck nach diesen zwei Wochen: In China funktioniert Schule ganz anders als in Deutschland. Der Stoff wird so lange wiederholt, bis jeder Schüler ihn auswendig kann. Verurteilen möchte ich das nicht, hier hat das Bildungssystem eine ganz andere Geschichte, Humboldtsche Bildungsideale sind so fremd wie Labskaus oder Sauerkraut. Schade finde ich allerdings, dass es Musiker, Zeichengenies oder Schauspieler schwer haben, ihr Talent zu entdecken. Die Schüler bekommen kaum Möglichkeiten, sich auszuprobieren. Vielleicht gelingen mir ein paar Anreize - und vielleicht gibt es den Fahnenappell dann bald im Moonwalk.

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insgesamt 240 Beiträge
TommIT 05.05.2009
in Indien typisch deutsch direkt aufs Thema zuzusteuern oder gar als Kontaktaufnahme zuerst ne E-Mail loszuschiessen (No go). Dann sollte man sich besser mit Geduld wappnen...mit sehr sehr sehr viel Geduld. Und Kopfnicken ist [...]
in Indien typisch deutsch direkt aufs Thema zuzusteuern oder gar als Kontaktaufnahme zuerst ne E-Mail loszuschiessen (No go). Dann sollte man sich besser mit Geduld wappnen...mit sehr sehr sehr viel Geduld. Und Kopfnicken ist keine Zustimmung und seinen deutschen Zeitbegriff sollte man schnell ablegen.
LouisWu 05.05.2009
Als ich das erste Mal nach Düsseldorf kam und sah, dass mich meine Kölner Freunde und Verwandten belogen hatten. Die hatten in Düsseldorf doch richtige Straßen und sogar elektrischen Strom, auch die Nachttöpfe wurden nicht [...]
Als ich das erste Mal nach Düsseldorf kam und sah, dass mich meine Kölner Freunde und Verwandten belogen hatten. Die hatten in Düsseldorf doch richtige Straßen und sogar elektrischen Strom, auch die Nachttöpfe wurden nicht einfach aus dem Fenster auf die Straße entleert. Gut, die Menschen dort sind eher einfach gestrickt. Aber das macht nichts, da muß man eben etwas langsamer sprechen... ;-o))
mooksberlin 05.05.2009
Ich finde es interessant, dass in dem Beitrag zu Japan wieder einmal die ganz ollen Kamellen aufgewärmt werden. Eigentlich sollte man im Zeitalter von €399 Flügen nach Tokyo meinen, dass auch der Normalbürger sich selbst ein [...]
Zitat von sysopWer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt?
Ich finde es interessant, dass in dem Beitrag zu Japan wieder einmal die ganz ollen Kamellen aufgewärmt werden. Eigentlich sollte man im Zeitalter von €399 Flügen nach Tokyo meinen, dass auch der Normalbürger sich selbst ein Bild des Landes der aufgehenden Sonne machen kann, doch scheinbar wird das von den Japanern selbst geschürte Bild vom "wir sind so anders" auch gerne von deutschen Redakteuren übernommen. Zum einen gibt es schon seit einigen Jahren im Sommer keinen "Krawattenzwang" mehr, dieser wurde während der "Cool Japan" Kampagne des Ex-Premiers Koizumi aufgehoben, dieser hatte wohl selbst keine Lust auf nen Strick um den Hals und verkaufte den Verzicht als eine Massnahme gegen die Klimerwärmung, da man ohne Krawatte die Klimaanlage im Büro nicht so kalt einstellen müsse. Exotische Lebensmittel gibt es genug, jedoch von Krabbeneis habe weder ich noch all meine japanischen Freunde je gehört, wenn es dies gibt, dann ist es garantiert nicht Mainstream. Auch wird das dezente Naseputzen in ein Taschentuch, insbesondere bei Ausländern, schon seit Jahren toleriert, das konstante Nasehochziehen hingegen wird auch von vielen jungen Leuten (insbesondere von Frauen) mit Argwohn betrachtet. Auch hatte ich noch nie Probleme mit dem Taxi dort anzukommen wo ich eigentlich hin wollte. Ich frage den Taxifahrer immer ob er weiss wo das Ziel liegt und hatte schon häufig ein direktes "Nein" zur Antwort. Man sollte allerdings in etwa wissen wo das Ziel liegt vor der Abfahrt, sonst kann es schon mal problematisch werden. So hatte ich vor 2 Jahren die Schwierigkeit ein Taxi für einen Kollegen zu bekommen welches ihn ins neu erbaute Hotel "Peninsula" bringen konnte. Mehrere Taxifahrer lehnten die Fuhre ab, da sie noch nie von diesem Luxushotel gehört hatten und dann nicht einen "Gaijin" im Auto sitzen haben wollten, der sich beschwert.
HariboHunter 05.05.2009
Grosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus [...]
Grosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
TommIT 05.05.2009
Was genau hat sie da denn geschockt, wenn ich fragen darf, waren die eckig wie die japanischen Melonen?
Zitat von HariboHunterGrosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
Was genau hat sie da denn geschockt, wenn ich fragen darf, waren die eckig wie die japanischen Melonen?
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Zum Autor
Jan-Christoph Kammann

Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.


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