Als Lehrer in China: Moonwalk macht müde Schüler munter

Täglich zwölf Stunden Unterricht plus Hausaufgaben - enormer Leistungsdruck macht chinesische Schüler oft schläfrig. Als Englischlehrer in Chanchun experimentiert Jan-Christoph Kammann alias Yang Laoshi mit Kulturhappen. Und entdeckt die hypnotische Wirkung von Michael-Jackson-Songs.

China: Jacko gegen Fließbandteaching Fotos
Jan-Christoph Kammann

Die ersten beiden richtigen Unterrichtswochen an der Schule in Chanchun habe ich geschafft und versuche, Schülern im Alter zwischen 12 und 15 die englische Sprache näher bringen. 21 Stunden in 21 Klassen - das hat so seine Vor- und Nachteile. Natürlich kann ich den Stoff recyceln, aber es ist auch stumpf, so oft das gleiche zu erzählen, donnerstags sogar sieben Mal hintereinander. Zwischendurch habe ich mich gefühlt, als könnte ich mir selbst bei der Arbeit zusehen. In diesen Stunden kann ich dann entspannt am Rand Platz nehmen und beobachten, wie ein anderer, der so aussieht wie ich, meine Arbeit macht.

In der ersten Stunde habe ich noch versucht, mir die Namen der Schüler zu merken. Unmöglich. So sehr ich auch dagegen kämpfe - nach ein paar Stunden nehme ich die Schüler nur noch als gleichförmige Masse in blauen Trainingsanzügen wahr. Und die englischen Namen, die sie sich ausgesucht haben, wiederholen sich ständig: Kevin, Peter, Jack und Linda, Nicole, Tracy. Namen sind aber auch nicht so wichtig. Die Schüler sind dazu übergegangen, mich schlicht "Teacher" statt "Yang Laoshi" zu rufen.

Zum Stundenbeginn werde ich stets begrüßt mit euphorischem Jubel: "Hello Teacher! How are you?" Ich stelle mich vor und erzähle, wo ich herkomme. Jeder kennt Volkswagen, Deutschland auf der Karte zeigen kann keiner. Ja nun, wir sind im Englischunterricht. England findet aber auch niemand, die USA und Kanada dagegen schon, weil es so große Länder sind. Und Neuseeland auch - weil es so bemitleidenswert klein ist.

21 Mal "Yesterday"

Als ich Deutschland auf der Karte zeige, wundern sich alle über die mickrige Größe. Von einer so großen Autonation kann man ja wohl etwas mehr Fläche erwarten! Einige wirken enttäuscht, andere belustigt. "Zhong Guo hen da" (China ist sehr groß), sage ich und habe die Sympathien auf meiner Seite.

Mein Plan: In meiner Zeit als Yang Laoshi gehe ich die wichtigsten englischsprachigen Länder durch. Länderkunde gibt so einiges her, von bedeutenden Städten über Königinnen und Präsidenten bis zu Essen, Sport, Freizeit, Tieren, Musik.

Erste Woche, England. Eines wissen alle: dass der "Big Ben" existiert. Er taucht im Lehrbuch auf. Und zum Glück gibt es die Olympischen Spiele - 2008 Peking, 2012 London. Das wissen ebenfalls alle. Nur nicht, dass London in England liegt. "Auch der Big Ben steht in London", erwähne ich beiläufig. Verdutzte Blicke. Weiter geht's mit Essen. Das läuft hervorragend, man kann es gut mit Tieren und Pflanzen verbinden. Ich erfahre sogar von der Existenz eines "Meat-Trees".

Den Schlussakkord in meinen Stunden setzt diese Woche John Lennon. Am Ende habe ich in fünf Tagen 21-mal "Yesterday" vor insgesamt 630 Schülern gesungen, unzählige Witze über Queen Elizabeth gerissen und eine Inventur der englischen und chinesischen Esskultur unternommen. Zum Abschied hieß es dann immer im Chor und in einer Wahnsinnslautstärke: "Bye bye teacher!"

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Forum - Ihr größter Kulturschock?
insgesamt 235 Beiträge
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1. Was soll man sagen
TommIT 05.05.2009
in Indien typisch deutsch direkt aufs Thema zuzusteuern oder gar als Kontaktaufnahme zuerst ne E-Mail loszuschiessen (No go). Dann sollte man sich besser mit Geduld wappnen...mit sehr sehr sehr viel Geduld. Und Kopfnicken ist keine Zustimmung und seinen deutschen Zeitbegriff sollte man schnell ablegen.
2.
LouisWu 05.05.2009
Als ich das erste Mal nach Düsseldorf kam und sah, dass mich meine Kölner Freunde und Verwandten belogen hatten. Die hatten in Düsseldorf doch richtige Straßen und sogar elektrischen Strom, auch die Nachttöpfe wurden nicht einfach aus dem Fenster auf die Straße entleert. Gut, die Menschen dort sind eher einfach gestrickt. Aber das macht nichts, da muß man eben etwas langsamer sprechen... ;-o))
3.
mooksberlin 05.05.2009
Zitat von sysopWer im Ausland arbeitet, erst recht in exotischen Ländern, erlebt oft einen Kulturschock - und erwischt spielend die Fettnäpfe, im Berufsleben wie in der Freizeit. Was haben Sie in fernen Ländern erlebt?
Ich finde es interessant, dass in dem Beitrag zu Japan wieder einmal die ganz ollen Kamellen aufgewärmt werden. Eigentlich sollte man im Zeitalter von €399 Flügen nach Tokyo meinen, dass auch der Normalbürger sich selbst ein Bild des Landes der aufgehenden Sonne machen kann, doch scheinbar wird das von den Japanern selbst geschürte Bild vom "wir sind so anders" auch gerne von deutschen Redakteuren übernommen. Zum einen gibt es schon seit einigen Jahren im Sommer keinen "Krawattenzwang" mehr, dieser wurde während der "Cool Japan" Kampagne des Ex-Premiers Koizumi aufgehoben, dieser hatte wohl selbst keine Lust auf nen Strick um den Hals und verkaufte den Verzicht als eine Massnahme gegen die Klimerwärmung, da man ohne Krawatte die Klimaanlage im Büro nicht so kalt einstellen müsse. Exotische Lebensmittel gibt es genug, jedoch von Krabbeneis habe weder ich noch all meine japanischen Freunde je gehört, wenn es dies gibt, dann ist es garantiert nicht Mainstream. Auch wird das dezente Naseputzen in ein Taschentuch, insbesondere bei Ausländern, schon seit Jahren toleriert, das konstante Nasehochziehen hingegen wird auch von vielen jungen Leuten (insbesondere von Frauen) mit Argwohn betrachtet. Auch hatte ich noch nie Probleme mit dem Taxi dort anzukommen wo ich eigentlich hin wollte. Ich frage den Taxifahrer immer ob er weiss wo das Ziel liegt und hatte schon häufig ein direktes "Nein" zur Antwort. Man sollte allerdings in etwa wissen wo das Ziel liegt vor der Abfahrt, sonst kann es schon mal problematisch werden. So hatte ich vor 2 Jahren die Schwierigkeit ein Taxi für einen Kollegen zu bekommen welches ihn ins neu erbaute Hotel "Peninsula" bringen konnte. Mehrere Taxifahrer lehnten die Fuhre ab, da sie noch nie von diesem Luxushotel gehört hatten und dann nicht einen "Gaijin" im Auto sitzen haben wollten, der sich beschwert.
4.
HariboHunter 05.05.2009
Grosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
5.
TommIT 05.05.2009
Zitat von HariboHunterGrosse Kulturschocks: -In China Nanjing, wo ich Huehnerembyos mit den Staebchen aus dem Ei rauspulen und essen sollte. (Hund dagegen war lecker.) - In Mexiko Saltillo, als mir ein 8 Jaehriger Junge in einem grossen Kaufhaus die Einkaufstuete zusammengepackt hat und ich echte Cowboys zu sehen bekam. - Letzten Samstag beim Kentuckyderby, wo neben mir plotzlich eine Frau fuer eine Plastikhalskette Ihre Brueste auspackte. Dieses Verhalten scheint im prueden Amerika sehr ueblich zu sein. Hatte mich schon gewundert warum so viele Maenner bei Veranstaltungen mit den Ketten rumlaufen.
Was genau hat sie da denn geschockt, wenn ich fragen darf, waren die eckig wie die japanischen Melonen?
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Zum Autor

Jan-Christoph Kammann, Jahrgang 1979, studierte in Hamburg Englisch und Geographie auf Lehramt, bevor er als Fremdsprachen-Assistent nach China ging. An der Changchun Foreign Language School will er bis Juni 2010 unterrichten.


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