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Arbeiten im Ausland: Deutsche Sozialarbeiter sind in England gefragt

Von David Frogier de Ponlevoy

In Deutschland kämpfen Sozialarbeiter derzeit mit der Jobmisere. In England dagegen gibt es reichlich Stellen im Sozialbereich. Da sind auch deutsche Gastarbeiter willkommen - wie Tabea Keske, Bianka Lang oder Susanne Knörr, denen der fliegende Wechsel gelang.

Bianka Lang: Glücklich in England
David Frogier de Ponlevoy

Bianka Lang: Glücklich in England

Tabea Keske weiß nicht mehr genau, wie viele Bewerbungen sie geschrieben hatte. "Dabei habe ich mich nur dort beworben, wo ich mir Chancen ausgerechnet habe", sagt die 31-jährige Sozialarbeiterin aus Hannover. Ihr Arbeitsamt listete damals 700 Bewerber auf zwei offene Stellen.

"Frustrierend" nennt Keske diese Erfahrung, vor allem, "wenn man vier bis fünf Jahre studiert hat und mit so viel Idealismus in den Beruf starten möchte." Heute arbeitet Keske für die Stadt London im Kinderschutz. Unbefristet. Herausfordernd sei der Job, aber er mache Spaß. Der Arbeitgeber schickt sie zu zahlreichen Fortbildungen, es gibt Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb des Teams, und der Sozialarbeiterin wurde sogar ein Umzug innerhalb von London finanziert.

"Ein Reformwind weht derzeit durch England", sagt Ingolf Block von der kleinen Arbeitsagentur Jacaranda, die sich darauf spezialisiert hat, deutsche Sozialarbeiter nach England zu vermitteln. Die Agentur wird von den Arbeitgebern bezahlt, für Arbeitsuchende fallen keine Kosten an.

Zehn Prozent aller Stellen sind frei

Landesweit sind derzeit etwa zehn Prozent aller Stellen im Sozialbereich frei, in London seien es sogar 20 Prozent. Zum einen hat die Labour-Regierung in den letzten Jahren viel Geld in die sozialen Systeme investiert. Andererseits konnte mit der Einführung des "General Social Care Council" ein fester Standard in der Sozialarbeit festgelegt werden. Seit April 2004 muss sich fest registrieren lassen, wer angestellt werden will.

Susanne Knörr: Helfende Hand aus Deutschland
David Frogier de Ponlevoy

Susanne Knörr: Helfende Hand aus Deutschland

"Nicht jeder deutsche Sozialarbeiter ist automatisch für den englischen Arbeitsmarkt geeignet", sagt Block, "aber vor allem diejenigen mit solider administrativer Ausbildung passen gut ins Schema." Wegen einiger Skandale in der Vergangenheit seien Transparenz und Kontrolle den Arbeitgebern wichtig, deshalb müssten Sozialarbeiter sich stets absichern. Das wiederum bedeute Bürokratie.

"Man muss jedes Telefongespräch dokumentieren", erzählt Keske. 70 Prozent ihres Jobs seien Schreibarbeit. Die andere Zeit verbringt sie damit, Familien zu besuchen und nach exakten Vorgaben bedürftigen Kindern zu helfen. Wie auf dem Jugendamt - nur aktiver, sagt Keske. Vor allem die Vernetzung zwischen Eltern, Schule, Ärzten und ihrer Behörde gefällt der Sozialarbeiterin. "Hier ist viel mehr im Fluss", beschreibt sie Lebensgefühl und Arbeitsmethoden.

"In Deutschland habe ich nichts Vergleichbares mitbekommen", pflichtet auch Bianka Lang bei. Die 33-Jährige schloss bereits 1999 ihr Studium ab. Nach zahlreichen erfolglosen Bewerbungen in Deutschland landete sie in einem 400-Euro-Job. Aus "Spaß und Dollerei" habe sie sich in England beworben.

Hauptarbeit am Schreibtisch

"Schon drei Tage später wurde ich angerufen", erzählt Lang. Ende Dezember fand das Vorstellungsgespräch statt, nach wiederum drei Tagen wollte man sie einstellen. "Da musste ich erst mal überlegen", berichtet sie.

Schließlich zog die gebürtige Kölnerin mit ihren zwei Kindern im Mai 2005 nach England. Der Umzug wurde ihr komplett bezahlt: Flugtickets, Kühlschrank, Maklerkosten. Lang arbeitet in einem ähnlichen Bereich wie Keske und ist ebenfalls beeindruckt von der "Multi-Agentur-Arbeit": "Ein Problem gemeinsam mit allen Stellen zu lösen - tolle Sache."

Arbeitslose Akademiker: Miese Aussichten für Sozialarbeiter
Institut der deutschen Wirtschaft Köln

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"Die Arbeit in Großbritannien ist stärker formalisiert", beschreibt es Flemming Hansen, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Sozialwesen der Universität Kassel. Zudem liege dort der Schwerpunkt des Wohlfahrtsstaates stärker auf personeller Hilfe - weniger auf finanziellen Zuwendungen wie in Deutschland. Noch empfindet der 33-Jährige die Arbeit in England eher als Geheimtipp: "Wir empfehlen das unseren Studenten, aber eben nicht ohne entsprechende Vorbereitungen."

Vermittler Ingolf Block sieht seine Arbeit deshalb auch als Hilfestellung, zum Beispiel bei Richtlinien, Gesetzeshinweisen und Sprachtests. Deutsche seien durchaus gefragt, betont Block. "Aber es gibt beispielsweise große Unterschiede zwischen einem Lebenslauf für deutsche und britische Firmen."

Hohe Gehälter in London

Briten könnten beispielsweise mit einem Hinweis wie "Arbeit für Asylsuchende beim katholischen Stiftungsverband" nichts anfangen. "Die wollen ganz genau wissen, was jemand dort gemacht hat", erklärt Block. Der Bewerbungsaufwand ist hoch, und er sei nichts für Unentschlossene, sagt der Deutsche. Man müsse es schon wollen.

Begeistert zeigt sich Susanne Knörr, die in Dortmund Diplompädagogik studiert hat. Nach dem formlosen Vorstellungsgespräch im August 2004 hätte die Londoner Behörde für Pflegeplanung behinderter Menschen sie am liebsten gleich behalten. Im November zog sie nach England. Für einen Monat wurde ihr eine Unterkunft zur Verfügung gestellt, Flug und Kaution für die jetzige Wohnung wurden komplett übernommen. Nach sechs Monaten folgte die erste Gehaltserhöhung; auf etwa 27.000 Pfund im Jahr kommt Knörr derzeit.

"Allerdings sind die Lebenshaltungskosten hier sehr hoch", schränkt die 28-Jährige ein. Andere Deutsche berichten ähnliches. Tabea Keske in London ist vor allem vom Gesundheitssystem und den Arztpraxen schockiert. "Da wissen wir in Deutschland gar nicht, wie gut es uns geht."

Julia Sommermann hat das alles noch vor sich. Im Juli fängt sie an. Sieben Bewerber aus Deutschland seien es gewesen, erzählt sie. Am Ende wurden alle sieben eingestellt. "Wir werden eine richtige Kolonie dort gründen", freut sich die junge Sozialarbeiterin.

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