Archäologen: "Ich kann keine Skelette mehr sehen"

Von Ingo Butters

Unter Baustellen schlummern oft uralte Tonscherben und ganze antike Siedlungen. Stefan Biermeier rettet mit seiner Grabungsfirma archäologische Schätze, bevor sie Baumärkten und Möbelhäusern weichen müssen. Im Gepäck hat er Spaten, Millimeterpapier und viel Geduld.

Existenzgründer Biermeier: Mit dem Tachymeter bestimmt er die Koordinaten
Singularch

Existenzgründer Biermeier: Mit dem Tachymeter bestimmt er die Koordinaten

Auf den ersten Blick wirkt das Grundstück Dieselstraße 3 im Münchner Gewerbegebiet Eching wie eine ganz normale Baustelle. 25.000 Quadratmeter Schotterebene, begrenzt von einem Palettenlager, der S-Bahn-Strecke zum Münchner Flughafen, einem Supermarkt und einem riesigen Teppichhaus. Weil hier Mitte 2006 ein Baumarkt und ein Möbelhaus eröffnen sollen, stehen ein Bagger und ein Tieflader bereit. Und dann gibt es noch Hunderte von dunklen, kreisrunden Verfärbungen im Boden - Abdrücke von Holzpfählen, die hier vor 3500 Jahren bronzezeitliche und vor 1200 Jahren bajuwarische Bauern in den Boden rammten, um Hütten, Häuser und Dörfer zu errichten.

Siedlungsbefunde nennt man das. Nach der Rechtslage in Bayern - die meisten anderen Länder halten es genauso - darf der Bauherr die Fläche nicht einfach durchgraben und zubetonieren. Zuvor müssen die Überreste dokumentiert, Funde geborgen und archiviert werden. Früher schaltete sich oft das Landesamt für Denkmalpflege ein, hat aber kaum noch Mittel für eigene Grabungen. Deshalb müssen die Bauherren private Grabungsfirmen beauftragen - und bezahlen. Im Fall Dieselstraße 3 ging der Auftrag der Bayerischen Immobilien GmbH & Co. KG an "Singularch" und Stefan Biermeier.

Der 37-jährige Münchner hat Anfang des Jahres gemeinsam mit seinem Freund Axel Kowalski die Firma gegründet, spezialisiert auf Einsätze wie den an der Dieselstraße. Biermeier hat Vor- und Frühgeschichte studiert, mit 1,0 abgeschlossen und die Promotion danach abgebrochen. "Damit manövriert man sich heute doch ins berufliche Abseits", sagt er. Feste Stellen für Archäologen an Universitäten und Forschungseinrichtungen sind rar geworden. So hat die Bundesagentur für Arbeit derzeit lediglich zwei offene Stellen für Archäologen - eine davon ist ein Ein-Euro-Job.

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Archäologen: Karriere mit dem Spaten

Ohnedies ist Biermeier lieber sein eigener Chef. Sein Geschäft ist gut angelaufen. Außerdem hat er sich ein zweites Standbein geschaffen und eine Spezialsoftware zur Dokumentation von Grabungen entwickelt, die er über seine Website vertreibt und auch selbst einsetzt. Deshalb wandert er auf der Dieselstraßen-Grabung auch mit einem kleinen PDA herum. Er gibt Beschreibungen der Befunde ein und überspielt anschließend alles auf einen größeren Rechner. Einige hundert Seiten sogenannter Befundlisten kommen zusammen, die dann an den Bauherren und an das Landesamt für Denkmalpflege gehen.

"Pfostenschlachten" auf der Baustelle

Aller Technik zum Trotz müssen von allen Funden stets auch Zeichnungen auf Millimeterpapier angefertigt werden - die Aufgabe von Nils Determeyer, 34. Er hat ebenfalls Vor- und Frühgeschichte studiert, arbeitet regelmäßig bei Singularch-Grabungen mit und hockt gerade im Schneidersitz, den Papierblock im Schoß, vor einer jener Verfärbungen, die vor über 1000 Jahren einmal Holzpfosten waren. Genau in der Kreismitte hat er mit Hacke und Schaufel eine kleine Grube senkrecht nach unten gegraben, um die Schichten der Verfärbung zu sehen und maßstabsgetreu auf das Millimeterpapier zu übertragen.

Danach gräbt er mit einem kleinen Spaten den Rest der vom Holz braun gefärbten Erde aus - es könnte sich ja noch ein Fund darin verbergen. "Pfostenschlachten" nennt man das in Archäologenkreisen, erklärt Nils. "Das Schwarzbrot unseres Jobs." Sieben bis neun Minuten braucht er pro Pfostenüberbleibsel. Insgesamt will Nils heute 30 Stück abarbeiten. Höchstwahrscheinlich wird er dabei 30 Mal das Gleiche sehen: bräunlich verfärbten Schotter, umgeben von hellem Schotter.

Mitarbeiter Determeyer: Auf zum "Pfostenschlachten"
Ingo Butters

Mitarbeiter Determeyer: Auf zum "Pfostenschlachten"

Spektakulär ist das nicht gerade. "Das gehört einfach zum Beruf", sagt Nils. "Außerdem kann alles langweilig werden. Ich habe zum Beispiel mal mehrere Wochen an der Ausgrabung eines spätrömischen Gräberfelds mitgearbeitet - danach konnte ich keine Skelette mehr sehen."

Menschliche Überreste hat das Archäologen-Team an der Diestelstraße bislang nicht gefunden. Aber immerhin die Reste einiger gut 3000 Jahre alter Holzverschalungen, die sie in mühevoller Kleinarbeit - 100 Mannstunden insgesamt - exakt vermessen und dann geborgen haben. Zudem förderten sie Bruchstücke einer Jahrtausende alten Keramik zu Tage. Alles Funde, die ins Archiv des Landesdenkmalamts wandern. Und später vielleicht von Studenten für eine Magister-Arbeit verwertet werden oder in einem Heimatmuseum landen.

Dass die Grabungen aber nicht allein um der alten Tonscherben willen stattfinden, merkt man daran, dass neben Stefan Biermeiers Team die Bagger weiter arbeiten. Allerdings unter Aufsicht der Archäologen. Die Baggerfahrer dürfen nur bis zu einer bestimmten Tiefe graben, danach ist zentimetergenaues Schürfen mit der Baggerschaufel gefragt, damit keine Funde zerstört werden.

"Brutal interessanter" Job

Deshalb steht neben einem Bagger der vierte Singularch-Mann, Adolf Dransfeld. Der 64-Jährige ist pensionierter Grabungstechniker, hat Jahrzehnte beim Landesdenkmalamt den Bezirk Schwaben verantwortet und kann von dem Job nicht lassen. Regelmäßig hilft er deshalb bei Grabungen aus. Jetzt beaufsichtigt er mit einer Schaufel in der Hand und kritischem Blick die Baggerarbeiten. "Der macht seinen Job prima", lobt er Baggerführer Karl-Heinz Maier, weil der so behutsam baggern kann. Und Maier freut sich, weil er mal was anderes zu tun hat als nur Schotterzentner von A nach B zu heben. Die ganze Sache findet er "brutal interessant".

So sieht auch Stefan Biermeier seine Existenz als selbstständiger Archäologe. "Es ist ein schönes Gefühl, ein Projekt in eigener Verantwortung durchziehen zu können", sagt er. "Ich mag auch das ganze geschäftliche Drumherum: Meetings, Ausschreibungen, Kalkulationen und Verhandlungen. Das liegt mir wesentlich näher als eine Uni-Karriere, bei der man ja doch die meiste Zeit vor den Büchern sitzt."

Für die Grabung an der Dieselstraße hat das Singularch-Team insgesamt fünf Monate Zeit. Danach müssen die Baggerfahrer nicht mehr vorsichtig schürfen, bis dann Baumarkt und Möbelhaus Eröffnung feiern. Den Anschlussauftrag hat Stefan Biermeier aber schon in der Tasche. Und hofft, dass bald wieder ein neues Bauprojekt gestartet wird. An einem Platz, den sich vor Jahrhunderten oder Jahrtausenden schon einmal ein Bauherr ausgeguckt hatte.

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