Vor knapp einem Monat hatte Wirtschaftsminister Wolfgang Clement versprochen, jeder Ausbildungsbewerber werde bis Jahresende ein Angebot bekommen. Die Bundesregierung stehe zu diesem Versprechen, bekräftigte Rezzo Schlauch, Parlamentarischer Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, am Montag. Ende Juli waren noch 147.000 Jugendliche ohne Lehrstelle, neue Zahlen sollen am Donnerstag vorliegen. Clement will im Oktober Bilanz ziehen und über weitere Schritte entscheiden.
Klar ist, dass Zehntausende von Jugendliche immer noch ohne Lehrstelle dastehen. Rezzo Schlauch sagte, die Lücke zwischen Suchenden und Angeboten habe sich gegen Ende des Jahres stets drastisch verkleinert. Das Ministerium setzt vor allem darauf, dass viele Auszubildende zunächst bei mehreren Stellen zusagen und sich dann für eine entscheiden. Bis Ende des Jahres wird die Zahl zwar voraussichtlich auf 30.000 sinken - vergangenes Jahr waren es Ende Dezember aber nur 5000. Zudem werden voraussichtlich zehntausende Jugendliche mit Praktikumsplätzen oder berufsvorbereitenden Kursen abgespeist.
Über den Hauptschuldigen für die Flaute auf dem Lehrstellenmarkt sind sich alle Beteiligten einig: die lahmende Konjunktur. Wenn Betriebe nicht wüssten, wie und ob sie die nächsten Jahre überstehen sollen, stellen sie keine Azubis ein, sagte Schlauch und appellierte an die Jugendlichen, sich bei ihrem Berufsziel nicht starr festzulegen. Doch das ist ebenso leicht dahingesagt wie der Rat, nicht am Wohnort zu kleben - sind doch viele der bislang erfolglosen Bewerber nicht einmal 16 Jahre alt.
Hoffnung setzt das Ministerium auch in die Verkürzung von Ausbildungsgängen, die einer Studie zufolge potenziell in 30 Ausbildungsfeldern möglich wäre. Dies böte besonders Jugendlichen mit theoretischen Defiziten eine Chance.
Weiter Streit über Ausbildungsumlage
Die Gewerkschaften sehen nach wie vor in einer Ausbildungsabgabe, die nicht-ausbildende Betriebe an diejenigen mit Lehrlingen zahlen müssten, den Ausweg aus der Misere. Denn viele Unternehmen würden ihrer Meinung nach ausbilden, wenn sie das nötige Geld hätten. Und so erinnerte der Deutsche Gewerkschaftsbund Bundeskanzler Gerhard Schröder am Montag an sein Versprechen, im Herbst gesetzliche Maßnahmen zu erlassen, sollte es nicht genug Ausbildungsplätze geben.
Laut Wirtschaftsministerium gibt es aber keinerlei Vorbereitungen für eine solche Abgabe. Die Arbeitgeberseite lehnt eine "Zwangsabgabe" ohnehin ab, weil sie ihrer Meinung nach die Lage nur noch verschlimmern würde. Mit einer gesetzlich festgelegten Quote würden beispielsweise viele Betriebe nicht mehr über Bedarf ausbilden, sagte Tanja Nackmayer von der Abteilung Berufliche Bildung bei der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA).
Ihr Verband fordert dagegen eine bessere schulische Ausbildung der Jugendlichen. Viele hätten große Defizite beim Lesen, Rechnen oder Schreiben, sagte Nackmayr. Zudem spricht sich der Dachverband für Änderungen in der Tarifpolitik aus: So müsse der Grundsatz "Ausbildung geht vor Übernahme" wieder im Vordergrund stehen und die stetige Erhöhung der Ausbildungsvergütungen gestoppt werden.
Dass es erfolgreiche freiwillige Regelungen geben kann, macht ausgerechnet die krisengeschüttelte Baubranche vor: Seit fast 30 Jahren gibt es am Bau eine Ausbildungsumlage, bei der alle Unternehmen derzeit 1,2 Prozent ihrer Bruttolohnsumme in eine Kasse einzahlen, aus der ein Teil der Ausbildung finanziert wird. Entstanden ist diese in Deutschland einzigartige Tarifvereinbarung 1975 aus Mangel an Lehrlingen. Beide Seiten, Arbeitgeber wie Gewerkschaft, sind nach wie vor zufrieden mit der Regelung und wollen sie nächstes Jahr verlängern.
Von Isabell Scheuplein, AP
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