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Studium in Nordkorea: Wie eine Sekte

Von Gabriela Seidel-Hollaender

Studium in Nordkorea: Und alle sollen den Führer lieben Fotos
Courtesy Of Suki Kim

Abgeschottet vom Rest der Welt: Die Amerikanerin Suki Kim weiß, wie sich das anfühlt. Sie war Dozentin an einer Uni in Nordkorea. Und traf dort auf Studenten, die weder Facebook noch Apple kannten.

Es gibt viele Unrechtsstaaten auf dieser Erde, Nordkorea ist vielleicht der merkwürdigste von allen.

Rar sind die Berichte, die aus der stalinistischen Diktatur an die Öffentlichkeit gelangen, und lachhaft wirken die offiziellen Darstellungen des Staates - etwa all die Bilder, die aussehen wie aus einem Paralleluniversum realsozialistischer Romantik, mit einem gütigen Diktator, der sich der Arbeiter annimmt, Babyköpfe streichelt und sich mit gigantischen Militärparaden feiern lässt.

Gibt es Hoffnung auf Reformen in diesem bitterarmen und wirtschaftlich isolierten Staat, der sich fast schon zynisch "Demokratische Volksrepublik Nordkorea" nennt, in Wahrheit aber so undemokratisch ist wie nur möglich?

Autorin Suki Kim: Einmal Nordkorea und zurück Zur Großansicht
Courtesy Of Suki Kim

Autorin Suki Kim: Einmal Nordkorea und zurück

Eher nicht, glaubt die amerikanische Autorin Suki Kim, die 2011 nach einer Bewerbung beim nordkoreanischen Bildungsministerium ein halbes Jahr lang als Englischlehrerin an der Pjöngjang University of Science and Technology arbeitete. Ihre Studenten waren Männer, die von der Welt außerhalb ihrer Staatsgrenzen so gut wie nichts wussten und absolut staatshörig erschienen, berichtet die 44-Jährige in ihrem Buch "Without You, There Is No Us", das nun in englischer Originalsprache erschienen ist.

Die Autorin erlebte die letzten Monate der Regentschaft von Diktator Kim Jong Il mit, der 2011 an Herzversagen starb und der Vater des jetzigen Regenten Kim Jong Un war. Jeden Tag marschierten die Studenten Richtung Seminarraum und sangen Lobeshymnen auf den Großen Führer. "Ohne dich gibt es kein Mutterland, ohne dich gibt es uns nicht", lautet der Refrain. Das alles sei "gespenstisch" gewesen, schreibt Kim.

Christliches Geld für die Sprache des Feindes

Die Universität, an der sie lehrte, wird nur von Männern besucht und von evangelikalen Missionaren aus dem Ausland geleitet. Auch so ein Widerspruch in diesem an Widersprüchen reichen Land.

Christen gelten in Nordkorea nämlich eigentlich als Volksverräter und werden nach allem, was man weiß, auch in Arbeitslagern festgehalten. Doch was die Uni angeht, gibt es einen finanziellen Deal: Die Führung in Pjöngjang akzeptiert die christlichen Lehrkräfte, lässt sich die Ausbildung aber mit Spenden aus den USA finanzieren. So lernen die Studenten unter anderem die Sprache des Feindes - und vielleicht auch ein paar Strategien, die helfen können, das vor dem wirtschaftlichen Zusammenbruch stehende Land zu stabilisieren.

Suki Kim ist in Seoul, der Hauptstadt Südkoreas, geboren und aufgewachsen, bevor sie mit ihren Eltern in den frühen Achtzigerjahren in die USA emigrierte. Erzählt sie von der Familie ihrer Mutter, die zwischen Nord- und Südkorea hin- und hergerissen wurde, rührt sie stellvertretend für viele Koreaner an einem Trauma dieser Gesellschaften, die 1948 in Folge des Zweiten Weltkrieges voneinander getrennt wurden.

"A Memoir" untertitelt Kim ihre Aufzeichnungen aus dem abgeschotteten Land. Die jungen Männer, die sie unterrichtet, sind höflich, diszipliniert, kontrolliert - und haben zumindest offiziell keine Ahnung von dem, was anderswo auf der Welt passiert. Die Studenten scheinen nicht zu wissen, was Facebook ist, haben den Namen Steve Jobs noch nie gehört und glauben, dass außerhalb ihres Landes Begeisterung für Nordkorea vorherrscht.

Was Kim besonders eindrucksvoll beschreibt, ist das Klima der Überwachung, das den Alltag beherrscht. Die jungen Männer bewegen sich niemals allein, jedem ist ein "bester Freund" zugeordnet, der die Rolle eines Spitzels und Revisors ausfüllt.

Studenten in Pjöngjang: Ständig überwacht Zur Großansicht
AP

Studenten in Pjöngjang: Ständig überwacht

Sogar nach dem Mittagessen in der Mensa werden Protokolle über die Gesprächsthemen angefertigt. Die Studenten dürften zwar in einem kirchenähnlichen Lesesaal ihre Zeit verbringen, allerdings wird dieser Saal von etlichen Kommilitonen bewacht, damit ja keine Gesprächs- oder gar Diskussionsatmosphäre aufkommen kann. Alle Ausflüge für den Lehrkörper aus dem Ausland, etwa zu einer blühenden Vorzeige-Apfelplantage, sind straff organisiert und dienen einem einzigen Zweck: das Land als große, glanzvolle Nation darzustellen.

Kim plagt natürlich die Angst, dass ihre Absichten, ein Buch zu schreiben, auffliegen könnten. Daher trägt sie ihre Aufzeichnungen auf einem versteckten USB-Stick an einer Kette ständig mit sich herum. Ein solcher Verrat könnte einen Menschen in Nordkorea teuer zu stehen kommen. Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass Tausende Menschen in den Straf-Gulags des Landes dahinvegetieren, viele sogar gefoltert und getötet wurden.

Lügen, damit alle fröhlich bleiben

Suki Kims präzise Beschreibungen entlarven das System, werden zu einer Studie der verordneten Verlogenheit. Was die jungen Studenten nicht wissen dürfen, geben sie vor, auch nicht zu wissen - oder sie retten sich gar in einen Mechanismus, den man kontrolliertes Lügen nennen könnte. So behaupteten sie Kim gegenüber beispielsweise stets, ihre Eltern regelmäßig zu besuchen, obwohl es ihnen in Wahrheit nicht erlaubt war, das Gelände zu verlassen, auch wenn die Eltern ganz in der Nähe wohnten. Die Szenen des oberflächlich-freundlichen Miteinanders gleichen dem Leben in einer Sekte, die von allen verlangt, die vermeintliche Gemeinschaft über das Empfinden des Einzelnen zu stellen.

Kim ist keine Missionarin. Ihre Motivation, nach Pjöngjang zu gehen, war biografisch geprägt und beflügelt vom journalistischen Ehrgeiz der Autorin. So beschreibt sie die bizarre Konstellation an der Universität auch mit kleinen Seitenhieben auf den Eifer ihrer evangelikalen Kollegen, deren Weltsicht in mancher Hinsicht ebenfalls von Engstirnigkeit und Gehorsam geprägt ist. Es wirkt hysterisch, wie empört eine Kollegin auf Kims Idee reagiert, den Studenten zum Jahresabschluss einen "Harry Potter"-Film zu zeigen. Die Welt dieses Zauberschülers aus Hogwarts, der gegen einen bösen Magier antritt, hält sie für "unverantwortlichen ketzerischen Irrglauben".

So aufschlussreich das Buch für Leser hierzulande ist, so gefährlich könnte es für die Studenten sein, die Kim in Nordkorea kennenlernte. Mit der Veröffentlichung riskiert sie die Existenz der Universität und nimmt mögliche Probleme für die Schüler in Kauf. Ihre christlichen Kollegen werden sich verraten fühlen. Kann sie das verantworten? Sie selbst sagt, sie wolle "die Wahrheit dieses schrecklichen Ortes" erzählen, an dem 25 Millionen Menschen als Geiseln gehalten werden.

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insgesamt 69 Beiträge
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1. Die Freiheit....
Zoroaster1981 01.04.2015
... von den Fesseln der sinnlosen Unterhaltungselektronik sehe ich nicht unbedingt als Manko. Wenn man schreibt, die Studenten seien unterernährt, hätten eine verlangsamte geistige und schulische Entwicklung, etc., dann ist es ein Grund für die Verachtung gegenüber dem Regime, aber Facebook und Apple nicht zu kennen ist kein Umstand, der Mitleid hervorrufen muss.
2.
Nania 01.04.2015
Zitat von Zoroaster1981... von den Fesseln der sinnlosen Unterhaltungselektronik sehe ich nicht unbedingt als Manko. Wenn man schreibt, die Studenten seien unterernährt, hätten eine verlangsamte geistige und schulische Entwicklung, etc., dann ist es ein Grund für die Verachtung gegenüber dem Regime, aber Facebook und Apple nicht zu kennen ist kein Umstand, der Mitleid hervorrufen muss.
Ich kann Ihren Beitrag nicht verstehen. Natürlich kann man prima leben ohne Facebook zu kennen und Apple zu lieben. Aber: Es ist ein Unterschied ob das aus eigenem Willen passiert oder weil man in einem Urwaldstamm im Amazonas groß wird, oder ob dies passiert, weil der Staat systematisch abschottet. Solche Vergleiche/Aussagen machen klar, dass es eben auch die gebildeten "Eliten" des Landes sind, die von der ganzen modernen Welt keine Ahnung haben. Und auch wenn man Smartphones, das Internet, Facebook und Apple verurteilen kann - so sollten wir uns glücklich schätzen, dass wir selbst entscheiden können, wie weit wir diese Dinge nutzen wollen oder eben auch nicht. In Nordkorea ist das nicht möglich. Außerdem zeigt es eindrucksvoll, wie weit der Staat von Weltstandards entfernt ist. Denn selbst in den letzten afrikanischen Staaten dürfte den meisten Menschen, die sich an Universitäten bewegen, die Begriffe Facebook und Apple bekannt sein. In Ihrem Beitrag lese ich hingegen eine latente Feindlichkeit gegenüber den sozialen Medien als auch Großkonzernen heraus. Kritisieren kann man diese schon - es aber als Segen zu betrachten, dass es Länder gibt, in denen die Menschen staatlich verordnet darauf keinen Zugriff haben und noch nicht einmal etwas darüber wissen dürfen, zeugt meines Erachtens von einem falschen Verständnis von "Freiheit von Dingen".
3. Im australischen Outback...
hardwax 01.04.2015
kennen viele Ureinwohner sicherlich auch kein Facebook oder Steve Jobs, trotzdem leben die Ureinwohner dort mit dieser Unkenntnis unwichtigen Wissens sicherlich freier als so mancher Europäer... Mit NK lässt sich beides nicht vergleichen. Aber NK ist für mich ein Beispiel dafür, dass man Menschen immer und überall zu allem bringen kann, wenn man sie nur richtig manipuliert. Etliche Diktatoren haben das in der Geschichte schon bewiesen, aber NK zeigt, dass das sogar in unserer Moderne immer noch möglich ist, auf einem kleinen Fleck Erde, abgeschottet von außen.
4.
uzsjgb 01.04.2015
Zitat von Zoroaster1981... von den Fesseln der sinnlosen Unterhaltungselektronik sehe ich nicht unbedingt als Manko. Wenn man schreibt, die Studenten seien unterernährt, hätten eine verlangsamte geistige und schulische Entwicklung, etc., dann ist es ein Grund für die Verachtung gegenüber dem Regime, aber Facebook und Apple nicht zu kennen ist kein Umstand, der Mitleid hervorrufen muss.
Denken Sie mal ein bisschen weiter. Wenn man Facebook und Apple nicht kennt, weil man keinerlei Zugang zur restlichen Welt hat, was kennt man dann wohl nicht an wichtigen Dingen?
5. Parieren
hubertrudnick1 01.04.2015
In Nordkorea, wie aber auch in anderen Staaten geht das Parieren vor dem Studieren, nur wer ein treuer Diener der Partei ist, der kann dann auch Karriere machen, die Wissenschaft steht hinten an. Aber das alles ist nichts Neues, es wurde schon oft angewendet und wie man sieht, so macht man es noch immer so.
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Titelbild
Heft 1/2015 Die bizarre Geschichte zweier Studenten, die ein wertvolles Bild gestohlen haben

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Fläche: 122.762 km²

Bevölkerung: 25,027 Mio.

Hauptstadt: Pjöngjang

Staatsoberhaupt:
Kim Il Sung (obwohl bereits 1994 verstorben);
Protokollarisches Staatsoberhaupt: Kim Yong Nam;
"Oberster Führer": Kim Jong Un

Regierungschef: Pak Pong Ju

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