Von Friederike Ott
Sie wollten ein Zeichen setzen und haben sich klar zu Bachelor-Absolventen bekannt: Im Jahre 2004 unterschrieben 15 deutsche Unternehmen eine Erklärung mit dem Titel "Bachelor Welcome". Große Dax-Konzerne wie BMW, Bertelsmann oder die Deutsche Bahn erklärten: "Bachelor-Absolventen bekommen attraktive Einstiegschancen." Inzwischen wurde die Erklärung von 200 weiteren Unternehmen unterschrieben.
Sechs Jahre nach dem Start von "Bachelor Welcome" haben nun Forscher der Universität des Saarlandes bei den 15 Erstunterzeichnern überprüft, wie es um das Versprechen von damals steht. Die Studie ist unter dem Titel "Chancen für Bachelor: Eine Momentaufnahme" am Institut für Managementkompetenz erschienenen.
Die Forscher untersuchten Stellenangebote, die sich an Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung richteten. Grundlage waren die Jobofferten, die die Firmen auf ihren Web-Seiten mit dem Hinweis Bachelor veröffentlicht hatten. Insgesamt fanden die Wissenschaftler 889 Stellenangebote, von denen sich 743 an Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung richteten. Von diesen waren 86 Prozent Praktikumsangebote und neun Prozent Trainee-Stellen. Nur fünf Prozent der Treffer boten Direkteinstiege für Bachelor-Absolventen ohne Berufserfahrung an. Ausschließlich für Bachelor-Absolventen sei kein einziges Angebot dabei gewesen (siehe Tabelle).
Kaum ein "gezielter Direkteinstieg als Willkommensgeschenk"
Die Wissenschaftler verzichteten darauf, die Unternehmen zu ihren Ergebnissen zu befragen. Sie fürchteten "sozial erwünschte Antworten", schreiben sie in ihrer Auswertung.
Aus ihren Ergebnissen schließen die Forscher, Bachelor-Absolventen müssten nicht nur mit Bewerbern, die ein Diplom, Master, MBA oder gar eine Promotion vorweisen, konkurrieren. Manche Unternehmen würden sie sogar kategorisch ausschließen. "Fertigen Bachelors wird offenbar die Berufsqualifikation abgesprochen", sagt Christian Scholz, einer der beiden Autoren. "Der unmittelbare Karrierestart als Bachelor bleibt ebenso ein Traum, wie das Versprechen der Unternehmen unerfüllt bleibt, einen gezielten Direkteinstieg als Willkommensgeschenk für Bachelor-Absolventen anzubieten", so das Resümee.
| Berufschancen für Bachelor | ||||||
| Unter- nehmen |
Mitarbeiter- zahl im Konzern |
Joban- gebote insge- samt |
Direkt-Einstieg allgemein (auch Bachelor) mit BE* | Direkt-Einstieg allgemein (auch Bachelor) ohne BE* | Trainee allgemein (auch Bachelor) ohne BE* | Praktikum allgemein (auch Bachelor) ohne BE* |
| Allgeier GmbH | 1.900 | 6 | 4 | 1 | 1 | 0 |
| Allianz AG | 32.000 | 43 | 12 | 3 | 9 | 19 |
| Altana AG | 4.800 | 6 | 2 | 0 | 0 | 4 |
| BASF SE | 32.800 | 23 | 7 | 0 | 0 | 16 |
| Bertels- mann AG |
103.000 | 22 | 1 | 0 | 0 | 18 |
| Bilfinger Berger AG | 67.200 | 4 | 0 | 1 | 0 | 3 |
| BMW Group | 96.200 | 268 | 10 | 5 | 0 | 253 |
| Continental AG | 147.500 | 10 | 4 | 1 | 2 | 2 |
| DB AG | 239.400 | 119 | 9 | 3 | 10 | 97 |
| Dr. August Oetker KG | 24.500 | 18 | 14 | 1 | 3 | 0 |
| Hypo Vereins- bank AG |
18.000 | 237 | 25 | 5 | 38 | 169 |
| MAN SE | 47.700 | 16 | 9 | 0 | 0 | 7 |
| Ruhrgas AG | 2.500 | 23 | 18 | 3 | 0 | 2 |
| Telekom AG | 260.000 | 24 | 10 | 0 | 0 | 14 |
| Voith AG | 39.300 | 70 | 17 | 16 | 0 | 37 |
| Gesamt | 1.116.800 | 889 | 142 | 39 | 63 | 641 |
| * Berufserfahrung Quelle: Christian Scholz / Stephan Buchheit; Universität Saarbrücken |
||||||
"Um Karriere zu machen, braucht man keinen Master"
Auch die HypoVereinsbank widerspricht. "Wir vergeben Praktikumsplätze nur an eingeschriebene Studenten und nicht an Absolventen - unabhängig vom Abschluss", sagt Personaler Max Lehmann SPIEGEL ONLINE. Fast alle Absolventen würden über ein Trainee-Programm einsteigen. Bachelor-Absolventen hätten gegenüber Diplom-Absolventen sogar Vorteile: Die HypoVereinsbank stelle fest, dass "Bachelors zum Beispiel im Vergleich mit Diplom-Absolventen häufig über bessere Qualifikationen verfügen, etwa im Bereich Soft Skills". Mit dem Bachelor könne man bei der HypoVereinsbank genauso Karriere machen wie mit einem Diplom- oder Master-Abschluss.
Auf einer Website der Bank heißt es allerdings unter einem Angebot "speziell für Bachelor-Studierende": "Wir wissen, dass in Ihrem kompakten Studium nicht viel Zeit für Praktika bleibt. Deshalb können Sie bei Bedarf auch nach dem letzten Semester noch sechs Monate Praktikum anschließen" - aus Sicht der Bank eine Möglichkeit, um etwa die Zeit bis zum Beginn eines Masterprogramms zu überbrücken.
Wissenschaftler Scholz sieht das Angebot kritisch: "Nach dem letzten Semester heißt doch nach dem Studium. Die Idee war, nach dem Bachelor-Abschluss für den Beruf qualifiziert zu sein", so der Co-Autor der Studie. "Die Unternehmen müssen dezidierte Angebote machen, die auf Bachelor-Absolventen zugeschnitten sind. Das dürfen aber keine Praktika sein. Wenn die Option nur ist, einen Master anschließen zu müssen, hätten wir das Diplom gar nicht abschaffen müssen."
Dass es mit einem Bachelor allerdings nicht völlig finster aussieht, zeigte im Herbst 2009 eine breit angelegte Studie des Kasseler Hochschulforschers Harald Schomburg und seines Kollegen Ulrich Teichler: Sie befragten 35.000 Absolventen von 48 Unis und Fachhochschulen und kamen zum dem Ergebnis, dass Bachelor-Absolventen im Schnitt drei Monate nach einer Stelle suchen - und damit genauso lange wie Magister- oder Diplom-Absolventen. Beim Gehalt aber hätten sie einen Nachteil: Es liege 20 Prozent unter dem von ihren Kollegen mit Magister, Diplom oder Master.
"Nur ein kleiner Denkanstoß"
Dass ihre Ergebnisse nicht repräsentativ sein können, räumen auch die Autoren der Studie ein. Die Zahlen sollten lediglich "als kleiner Denkanstoß" gewertet werden. Das Ergebnis sei aber "unbestreitbar weitreichend".
So stellten sie in ihrer Studie zudem fest, dass es zwar wenige Direkteinstiege, dafür aber eine Vielzahl an Angeboten für duale Studiengänge gibt, die sich unmittelbar an Abiturienten richten. So richteten sich 41 Prozent der Angebote an Personen, "die erst auf dem Weg zum Bachelor-Abschluss sind", und davon wiederum knapp jedes zweite für einen dualen Studiengang.
Ihr Fazit: Die Unternehmen wollen ihre eigenen Bachelor-Absolventen ausbilden und damit an sich binden. "Fertigen Bachelors wird offenbar die Berufsqualifikation abgesprochen", so Christian Scholz, einer der beiden Autoren der Studie.
Die Wissenschaftler urteilen, Bachelor- und Master-Studiengänge seien heute enger mit Unternehmen verzahnt als früher. Dadurch bekämen die Unternehmen diverse Steuerungsrechte an Hochschulen. Vor dem Hintergrund sei auch die Aussage "Bachelor Welcome" zu verstehen: Es bestehe das Missverständnis, dass manche Unternehmen eben keine fertig ausgebildeten Bachelor-Absolventen suchten, sondern Abiturienten, die sie durch ihr eigenes Bachelor-Programm unternehmensspezifisch ausbilden können.
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