Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Azubis: Personalchefs wollen keine Migranten

Von Britta Mersch

Schülerin mit Kopftuch: Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund bekommen keinen Ausbildungsplatz Zur Großansicht
DPA

Schülerin mit Kopftuch: Viele Jugendliche mit Migrationshintergrund bekommen keinen Ausbildungsplatz

Ausländische Eltern? Keine deutsche Staatsangehörigkeit? Ein ungewöhnlicher Name? Nein danke. Eine Umfrage bei deutschen Unternehmen zeigt: Nur 15 Prozent aller Ausbildungsbetriebe bilden Jugendliche mit Migrationshintergrund aus.

Unternehmer sind stolz auf das Modell der deutschen Berufsausbildung - immer wieder versuchen andere Länder, die duale Ausbildung in Betrieb und Berufsschule nachzuahmen. Doch längst nicht alle Jugendlichen hierzulande haben die gleichen Chancen auf einen Ausbildungsplatz, eine Gruppe hat es dabei besonders schwer: Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Eine Unternehmensumfrage der Bertelsmann Stiftung zeigt: 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben noch nie einen Jugendlichen mit Migrationshintergrund für eine Ausbildung angenommen - obwohl diese Gruppe ein Viertel aller Jugendlichen ausmacht. Aktuell bilden nur 15 Prozent aller Ausbildungsbetriebe in Deutschland Jugendliche mit ausländischen Wurzeln aus, das sind knapp 70.000 Unternehmen.

Die Erklärungen der Unternehmen seien wenig plausibel, sagt Claudia Burkard von der Bertelsmann Stiftung. Drei von vier Unternehmen gaben an, keine Bewerbungen von dieser Gruppe Jugendlicher zu erhalten. "Diese Begründung deckt sich nicht mit Erfahrungen aus anderen Untersuchungen", sagt Burkard. Demnach bewerben sich Jugendliche mit Migrationshintergrund genauso häufig und bei genauso vielen Unternehmen wie ihre Altersgenossen.

Ein gewisses Unbehagen ist da

Tatsächlich haben viele Unternehmen offenbar ein Unbehagen gegenüber Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln: 38 Prozent der Firmen machen laut der Umfrage Sprachbarrieren dafür verantwortlich, dass keine Jugendlichen mit Migrationshintergrund eingestellt werden. 14,7 Prozent machen sich Sorgen darüber, dass kulturelle Unterschiede das Betriebsklima belasten könnten. Und 9,1 Prozent befürchten sogar schlechtere Leistungen. Das führt dazu, dass ein Drittel der Schulabgänger mit ausländischen Wurzeln keine Lehrstelle findet - auch wenn sie den erforderlichen Abschluss haben.

Das Ergebnis der repräsentativen Befragung deckt sich mit Erfahrungen aus anderen Erhebungen. Schon lange ist bekannt, dass Bewerber mit ausländischen Namen in Bewerbungsverfahren häufig ignoriert werden.

Für die Untersuchung der Bertelsmann Stiftung wurden im Frühjahr 2014 insgesamt 1011 Betriebe in Deutschland befragt, die ausbilden dürfen. Von diesen bieten rund 700 zurzeit eine Berufsausbildung an oder haben das in den letzten fünf Jahren getan. Nur 106 Unternehmen beschäftigen Auszubildende mit Migrationshintergrund.

Mit der Bezeichnung "mit Migrationshintergrund" sind Jugendliche gemeint, die zugewandert sind oder in Deutschland als Ausländer geboren wurden. Ebenfalls sind Jugendliche gemeint, die in Deutschland geboren wurden und mindestens ein Elternteil mit einer nicht-deutschen Staatsangehörigkeit oder Zuwanderungsgeschichte haben.

Diskriminierende Auswahlverfahren

Diese Definition wurde den befragten Unternehmen auch vorgelegt. Eine Schwäche der Untersuchung ist allerdings, dass nicht klar ist, worauf sich die Unternehmen beziehen, wenn sie von "Jugendlichen mit Migrationshintergrund" sprechen. "Sie denken vermutlich an Jugendliche mit ausländisch klingenden Namen oder ausländischen äußerlichen Merkmalen", sagt Josef Rützel, einer der Autoren der Studie, "was sie genau für ein Verständnis haben, haben wir im Detail nicht abgefragt."

Das heißt: Vielleicht beschäftigen Unternehmen sehr wohl Auszubildende mit Migrationshintergrund - wissen es aber gar nicht. Denn die Staatsangehörigkeit der Eltern muss schließlich kaum einer mitteilen. Doch selbst wenn die Umfrageergebnisse nicht mit der empirischen Realität übereinstimmen, legen sie die Vorurteile und diskriminierenden Auswahlverfahren von Personalern offen.

Fotostrecke

6  Bilder
Diskriminierung: Vorname entscheidet mit über Lehrstelle

Und es macht offenbar keinen Unterschied, ob in der Führungsriege Menschen mit Migrationshintergrund sitzen oder nicht: "Ein Migrationshintergrund bei den Verantwortlichen hat nicht dazu geführt, dass mehr Jugendliche eingestellt werden", sagt Claudia Burkard. Die Bereitschaft, Jugendliche mit Migrationshintergrund einzustellen, steigt demnach nur mit der Größe der Unternehmen.

Jene Unternehmen, die Jugendliche mit Migrationshintergrund einstellen, nennen dafür keinen besonderen Grund. Vielmehr achten diese Unternehmen offenbar darauf, dass die Bewerber vor allem zuverlässig und leistungsbereit sind.

Die Macher der Umfrage hoffen, dass sich die Firmen zukünftig Gedanken darüber machen, wie sie Jugendlichen mit Migrationshintergrund verstärkt eine Berufsausbildung anbieten können: "Ohne Erfahrungen mit den Jugendlichen bleiben Berührungsängste", sagt Claudia Burkard. Es sei deshalb wichtig, dass Unternehmen ohne Vorbehalte ihre Erfahrungen weitergeben. So könne auch dem Fachkräftemangel entgegengewirkt werden.

Berufsberatung für Schüler: Wer bin ich, was kann ich?

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 80 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. alles wie immer
mensch0817 22.01.2015
Es gibt schon lange Studien, die belegen, dass z.B. die Quote der Gesprächseinladungen höher liegt, wenn unter einer sonst wortgleichen Bewerbung ein deutscher anstelle eines ausländisch klingenden Namens steht. Genau das ist Teil der alltäglichen Vorbehalte gegenüber vermeintlich Fremden, letztlich also Teil des heimlichen Nationalismus, der in vielen Menschen steckt. Unter anderem daraus speist sich die PEGIDA-Bewegung. Immerhin ruft der Artikel wieder einmal ins Gedächtnis, dass auch Leute in Entscheidungspositionen endlich einmal ihre Verantwortung wahrnehmen müssen, und zwar nicht nur durch Sonntagsreden, sondern durch tägliches Tun.
2. Ist bei uns eigentlich gang und gäbe
bodo_hombach 22.01.2015
Ich arbeite in einem Großunternehmen und "Leute mit komischen Namen" sind bei uns mittlerweile relativ oft anzutreffen. Vor Allem unter den Auszubildenden. Da die Qualität des Rohmaterials wohl über die Jahre abgenommen hat kann die Personalabteilung jetzt wohl keine Rücksicht mehr auf das eigene Bauchgefühl nehmen. Ich finde das gut. Die Demos in Dresden finde ich allerdings auch gut. Auch die Tatsache, dass Personalchefs generell eher keine Migranten als Auszubildende wollen zeigt nämlich, das wir sehr wohl ein Integrationsproblem haben. Mir wäre ja eine Debatte unter den Parteien lieber. Statt dessen überläßt man Leuten wie Lutz Bachmann die Bühne. Kann ich irgendwie nicht verstehen.
3. It's true
derfalscheprophet 22.01.2015
Ich kann ein Lied davon singen. Als italienischer Staatsbürger habe ich die eine oder andere negative Erfahrung erleben dürfen.
4. Öhhhhhm ....
ch@rybdis 22.01.2015
.... was sind denn Jugendliche, die "... in Deutschland als Ausländer geboren wurden ..."? Klar ist mir bewusst, dass man in Deutschland nicht - wie beispielsweise in den USA - automatisch die Staatsangehörogkeit erhält, wenn man hier geboren wird. Aber "als Ausländer in Deutschland geboren" klingt ein wenig nach "Niederkunft während des Urlaubs" ....
5. Trau keiner Statistik...
ZeRonin 22.01.2015
Wir haben 7 Millionen "echte Ausländer" und 8,6 Millionen Deutsche die zur zweiten Generation zählen, was auch alle Menschen mit nur einem nicht deutschen Elternteil einschließt. In jedem Fall sind das grobe 18% der Gesamtbevölkerung. Um auf mehr als 18% "ausländerausbildenden Unternehmen" zu kommen müssten sich diese schon absprechen das jeder nur all 3 oder 4 Jahre (bei einer 3,5 Jährigen Ausbildung) einen nimmt, das jedes Unternehmen eine Chance hat auch einen ab zu bekommen. Das wirkliche Problem, unabhängig von Nationalität, liegt meiner Meinung nach (ich arbeite in der Verwaltung eines Mittelständlers) darin das den potentiellen Azubis Grundfähigkeiten fehlen, sowohl schulische wie z.B. Kopfrechnen als auch soziale Umgangsformen, z.B. Begrüßung des Personalers im Vorstellungsgespräch nicht mit "Jo Alde schbin hier..." dabei das Cappie auf und die Hose unten.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Leerstellen im Lehrlingsmarkt: Tops und Flops der Ausbildungsberufe

Fotostrecke
Azubi-Import: Junge Südeuropäer gesucht