Berufsbild Hilfslehrer: Die Klassenmama

Von Teresa Wieland, Marc Röhlig und Sabrina Kurth

Baden-Württembergs Hauptschulen dürfen jetzt Pädagogische Assistenten als Zweitlehrer anheuern. Das Land sieht das als echte Chance. Lehrerverbände dagegen schimpfen über unsoziale Dumpinglöhne. Den Kindern ist der Streit herzlich egal - ein Klassenbesuch.

Dieser Klassenraum sieht gar nicht aus wie ein Klassenraum. Bei der 5b der Gebhardschule in Konstanz gibt es eine Leseecke, die Tische sind zu Arbeitsstationen zusammengerückt, an den Wänden hängen gemalte Plakate, selbstverfasste Gedichte und bunte Bilder an Schnüren. Vorn steht zwar eine grüne Tafel, aber die ist heute unwichtig. Die Musik spielt hier zwischen den Reihen. Die Noten dazu schreibt Stephanie Wiesehöfer, die Klassenlehrerin.

Und dann ist da noch Ulrike Schilling-Beck, die Pädagogische Assistentin.

Ulrike Schilling-Beck, 51, hat vier Kinder und ein Lehramtsstudium, das sie dem ersten Kind zuliebe aufgab. Nun hat sie plötzlich 18 Kinder mehr. Sie heißen Ahmet und Kujtim, Maurizio und Miriam. Seit Februar arbeitet sie an der Grundschule und "hält den Lehrern den Rücken frei", wie sie es nennt. Über die Lokalzeitung wurde sie auf das neue Berufsbild aufmerksam und bewarb sich online beim Kultusministerium in Stuttgart. 550 Pädagogische Assistenten (PAs) wurden landesweit gesucht, 1780 Bewerber bemühten sich um eine Stelle.

Die Idee des Lehrerassistenten hat sich das Kultusministerium unter anderem in Finnland und Großbritannien abgeschaut. In Baden-Württemberg sollen sie nun an Haupt- und Realschulen von der fünften bis siebten Klasse eingesetzt werden. PAs unterstützen im Unterricht oder verschwinden auch mal im Nebenzimmer, wenn einzelne Schüler individuelle Förderung brauchen.

Die Gelegenheit für frustrierte Hausmütter und arbeitslose Lehrer und Erzieher, wieder einen Job zu bekommen? Auf keinen Fall, "ein Job ist es nicht", sagt Ulrike Schilling-Beck - für sie weit mehr als das. Neben Mathe und Rechtschreibung hat die Assistentin auch ein Ohr für die großen und kleinen Probleme der Kinder: "Es ist tatsächlich so, dass es einen noch nachts beschäftigt."

Das neue Berufsbild ist in Baden-Württemberg jedoch stark umstritten. Lehrerverbände kritisieren die Pädagogischen Assistenten als "unmündige Pädagogen" - Hilfslehrer, die stemmen sollen, was eigentlich voll ausgebildete Lehrer leisten müssten. Das Kultusministerium hält mit seinem "Maßnahmenpaket Hauptschule" dagegen, einer Großoffensive zum Umbau der Hauptschule bis Mitte 2010.

"Das sind keine Hilfslehrer zu Dumpinggehältern"

Der Streit um den PA ist nicht nur ein Streit um Sinn und Nutzen des neuen Halblehrertypus - es geht auch um die Zukunft der Hauptschulen insgesamt. Sie gilt Kritikern als ständiger Problemfall, als Sammelbecken schwieriger und gewaltbereiter Jugendlicher, die später kaum Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben. In mehreren Bundesländern laufen derzeit Initiativen zur Abschaffung der Hauptschulen. Auch in Baden-Württemberg probten Leiter von Grund- und Hauptschulen vor einem Jahr den Aufstand und forderten das Ende des dreigliedrigen Schulsystems - doch die Landesregierung hält eisern an den Hauptschulen fest.

Michael Gomolzig vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württemberg will marode Hauptschulen möglichst komplett umkrempeln: kleinere Klassen bei gleichzeitiger Einstellung von mehr qualifizierten Lehrern. "Klar ist der PA eine gute Sache", sagt Gomolzig spöttisch - "wenn jemand freiwillig für ein Praktikantengehalt arbeiten will". Die Assistenten haben meist nur eine halbe Stelle bei einem Brutto-Monatsgehalt von im Schnitt 1820 Euro. Hier leiste sich das Kultusministerium ein "echt unsoziales Beschäftigungsverhältnis", so Gomolzig.

Doch das Ministerium sieht den PA "nicht als Billigmaßnahme". Es gehe also nicht darum, ausschließlich Hilfslehrer zu Dumpinggehältern zu beschäftigen, "wir wollen hier ein eigenes Berufsbild etablieren", so Sprecher Hansjörg Blessing. Ziel seien vielmehr Zweitkräfte, die den Lehrer dort unterstützen, "wo der Bedarf hoch ist", etwa an Brennpunktschulen.

Aufgaben für "Lernwillige" oder "Schlaumeier"

Die Konstanzer Gebhardschule ist so eine Brennpunktschule, die Eltern vieler Schüler sind Einwanderer. Ob der PA eine Billigmaßnahme oder ein neues Berufsbild ist, das spielt hier keine große Rolle. "Tatsache ist, wir haben dieses Schulsystem", sagt Rektorin Elke Großkreutz. "Und wir haben hier die Kinder", da sei es hilfreich, wenn "noch jemand im Klassenraum ist".

Die Klasse 5b übt gerade unterschiedliche Gedichtformen, seine Aufgabe holt sich jeder Schüler selbstständig. Im Regal für "Lernwillige" stecken Elfchen, die schwierigeren Haikus gibt es für "Schlaumeier". Lehrerin Wiesehöfer und Assistentin Schilling-Beck laufen zwischen den Tischen umher und schauen den Schülern über die Schulter. Maurizio, 12, reibt mit seinem Daumen über ein silbernes Herz, es klingt bei jeder Bewegung. Er soll ein Gedicht über das Klangherz zu schreiben. Ulrike Schilling-Beck nennt ihn einen "kleiner Romantiker", Maurizio strahlt sie an.

Mit Schilling-Beck hat die Rektorin "eine ältere Person mit viel Lebenserfahrung eingestellt". Für die Kinder und das junge Kollegium war das neu. Das Berufsbild des PA sei "ja in keine Richtung eingeschränkt" - Rektorin Großkreutz sieht das als Pluspunkt.

"Überqualifiziert, aber unterfinanziert"

Der VBE kritisiert, für das kommende Schuljahr habe Baden-Württemberg in einer ersten Einstellungswelle 70 Prozent seiner Grund- und Hauptschullehrer abgelehnt. "Zwar bessert das Kultusministerium gerade nach", so Michael Gomolzig, "aber weit mehr als die Hälfte der Lehrer stehen noch auf der Straße - top ausgebildet und doch arbeitslos."

Ein kostengünstiger PA an den Schulen sei da das falsche Signal, zumal die Bundesländer einander inzwischen Lehrer abjagen. So suchten die besten Absolventen des Jahrgangs sich Stellen in Hessen oder in der Schweiz, sagt Gomolzig. Die weniger qualifizierten Lehrer kämen über die Hintertür PA an die Hauptschulen und arbeiteten dort dann "überqualifiziert, aber unterfinanziert".

Das Kultusministerium winkt ab. Auf die PA-Stellen seien kaum junge Lehrer angesprungen, sondern zum Beispiel Erzieher oder Sozialpädagogen. "Wir betreten Neuland, ja", gibt Hansjörg Blessing vom Kultusministerium zu, "doch wir schaffen keine Lehrerkonkurrenz."

Für die Kinder der 5b ist der Fall klar: Ulrike Schilling-Beck ist die, die hilft. Die zuhört. Die da ist. "Ich bin so eine Art Klassenmama geworden", sagt sie, es schwingt Stolz und etwas Verlegenheit mit. Für sie ist die Pädagogische Assistenz. Noch mehr aber für die Kinder der 5b.

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