Bewerberfang im Internet: Die besten Karriereseiten deutscher Unternehmen

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Für Unternehmen sind eigene Internetseiten die Einflugschneise für Talente. Doch viele Personaler locken nicht mehr nur - sondern gehen auch mit Karriereprofilen in sozialen Netzwerken auf die Pirsch. Ein neues Ranking zeigt, wer bei Studenten und Absolventen punkten kann.

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Die besten Karriereseiten: Bertelsmann an der Spitze
Am Anfang war die Frage: "Ist Facebook nicht privat?" Gero Hesse ist bei der Bertelsmann AG verantwortlich für Dienstleistungen im Personalwesen. Bisher beschäftigten sich Personaler meist mit Facebook, wenn es um Partybilder und Einblicke ins unvernünftige Privatleben von Bewerbern ging. Doch Hesse fragte nicht nach dem Für und Wider des Bewerberchecks - es ging ihm darum, dass Bertelsmann selbst auf Facebook präsent sein sollte. Um auf Bewerberfang zu gehen.

Lange gegrübelt hat Hesse nicht: Bertelsmann richtete sich ein eigenes Karriereprofil auf Facebook ein. "Ich denke, es ist doch inzwischen eher ein Hybrid - Facebook ist sowohl ein Raum für private als auch für geschäftliche Kontakte", sagt Hesse. "Wir müssen im Social Web vertreten sein, dort, wo die Zielgruppe ist, um in einen Dialog zu treten."

Bertelsmann setzt bei der Talentejagd auf Netzwerke wie kaum ein Unternehmen: Es nutzt Portale wie Youtube, flickr, StudiVZ und eben Facebook als Einflugschneise für Absolventen auf Jobsuche. Und das mit Erfolg: In einem neuen Ranking der besten Karriereseiten von deutschen Unternehmen, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, belegt Bertelsmann den ersten Platz.

"Es reicht nicht mehr, eine einigermaßen gute Seite zu haben"

Das schwedische Unternehmen Potentialpark befragte knapp 2000 deutsche Studenten und Absolventen, wie sie ihre Karriere online planen und was sie von den Karriereseiten erwarten. Anhand der Kriterien, die den Befragten am wichtigsten waren, bewertete Potentialpark die Seiten von 100 deutschen Unternehmen.

Zahlen der Studie belegen die enorme Bedeutung der unternehmenseigenen Karriereseiten: Während von den Befragten 46 Prozent angaben, für die Stellensuche Jobportale zu nutzen, steuerten 86 Prozent die Unternehmen direkt an.

"Es reicht nicht mehr, eine einigermaßen gute Seite zu haben", sagt Studienleiter Julian Ziesing. Den Unterschied mache das Talent Relationship, die Herstellung einer Beziehung zwischen Unternehmen und Absolvent. Die Frage sei: "Wie schafft man eine Seite, die zwar viele Informationen bietet, aber nicht zur Bibliothek verkommt, sondern vielmehr Buchladen ist?" Hinter den Karriereseiten müssten Marketingkonzepte stehen, "die Unternehmen wollen sich schließlich als attraktiver Arbeitgeber vorstellen".

"Der Gag ist, dass wir uns viel offener und unverfälschter zeigen können"

Schon im vergangenen Jahr hatte die Studie von Potentialpark gezeigt: Diejenigen Unternehmen überzeugen, die auf ihren Seiten nicht bloße Informationen bieten, sondern Gesichter von Mitarbeitern zeigen und Geschichten aus dem Unternehmen erzählen. Mit schmissigen Videos und Mitarbeiterblogs werben inzwischen viele Unternehmen - nun heißt es, zusätzlich selbst auf die Pirsch zu gehen.

Bertelsmann-Personaler Hesse ist sich sicher: Das Engagement im Social Web hat seine Seite im diesjährigen Ranking nach oben gespült. Schon im vergangenen Jahr habe man auf soziale Netzwerke gesetzt - da stand Bertelsmann allerdings in Deutschland auf Rang 25. "Dass wir in diesem Jahr ganz vorne gelandet sind, liegt wohl daran, dass nun auch andere Unternehmen verstärkt auf diesen Kanal setzen - und der Stellenwert von Social Media somit gestiegen ist."

Gerade bei großen Konzernen ist die Ehrfurcht von Absolventen oft groß. Mit einem eigenen Profil können die Personaler das Unternehmen smarter darstellen, als es auf der Unternehmensseite möglich ist. "Der Gag ist, dass wir uns viel offener und unverfälschter zeigen können", sagt Marc-Stefan Brodbeck, Leiter des Recruiting bei der Deutschen Telekom. So finden sich auf deren Karriereprofil auf Facebook schon mal Tipps zum Karneval, "falls Ihr dieser Tage in Köln feiert". Im Ranking von Potentialpark landete die Telekom auf Rang zwei.

"ThyssenKrupp ist kein Kumpel"

Für Brodbeck gibt es einen weiteren triftigen Grund, auf Facebook aktiv zu sein. "Zehn Prozent unserer Bewerber kommen durch Empfehlungen zu uns." Mitarbeiter können sich auf Facebook selbst mit ihrem Arbeitgeber vernetzen - ein Kanal, der sich lohnt, denn die Trefferquote bei den empfohlenen Bewerbern ist hoch: 20 Prozent der neu eingestellten Mitarbeiter kamen so zum Konzern.

Derzeit sind Unternehmen schon weit vorne, wenn sie im Social Web überhaupt präsent sind. Oft werden auf den Profilen neben Hinweisen auf vakante Stellen schlicht Unternehmens- oder Branchennews gepostet, aufregend ist das nicht. "Die Unternehmen haben es schwer, weil die Netzwerke nicht dafür gemacht sind, sie mit Menschen zu verbinden, sondern Menschen mit Menschen", sagt Studienleiter Ziesing. Es gebe noch keine richtigen Lösungen. "Unternehmen versuchen, Kontakt herzustellen, nicht offensiv, sondern zögerlich."

Bei einem anderen Großkonzern ist man mehr als zögerlich: ThyssenKrupp hat gar kein Profil auf Facebook oder in sonstigen sozialen Netzwerken. "ThyssenKrupp ist kein Kumpel", sagt Maike Kattenstroth, Projektleiterin der Karriereseite des Stahlriesen. "Wir müssen ja authentisch bleiben, die Leute sollen bei uns seriös arbeiten."

"Es wäre schon schön, wenn die Systeme nicht dauernd abstürzen würden"

Kattenstroth und ihr Team setzen auf ihre eigene Seite, die klar strukturiert ist und Interessenten ohne große Umwege zu den Antworten auf deren Fragen lotst. So schaffte es der Konzern auf den dritten Platz im diesjährigen Ranking. Auch das Suchverhalten der Jobsuchenden gibt ThyssenKrupp bisher Recht: Nur acht Prozent gaben gegenüber Potentialpark an, soziale Netzwerke bei ihrer Karriereplanung zu nutzen.

"Wir wollen die Leute auf unsere Seite locken, deshalb sind wir bei Twitter", sagt Kattenstroth. Den Dialog biete man auf der eigenen Seite an - und viele suchen ihn auch: Über 800.000 Visits verzeichne die Seite monatlich, so die Personalerin.

Auch bei Bertelsmann ist man sich bewusst, dass die Bedeutung der eigenen Seite weit größer ist als jedes Profil im Social Web. "Eine Frage ist: Brauchen wir in fünf Jahren überhaupt noch eine eigene Karriereseite? Wir glauben ja, denn nur dort ist der Bewerber wirklich bei uns, dort können wir uns als Unternehmen optimal vorstellen."

In einem fundamentalen Bereich der Karriereseiten sieht Studienleiter Ziesing noch dringenden Entwicklungsbedarf: "Das größte Problem sind die Formulare, mit denen sich Interessenten online bewerben können." Die seien so gestrickt, dass sie die Datenbanken der Recruiter möglichst gut füttern, "das ist aber nicht im Sinne der Bewerber gemacht". Die Systeme seien "durch die Bank schlecht". Er erwarte in diesem Bereich die größte Entwicklung in den nächsten Jahren. "Heute wäre es schon schön, wenn die Systeme nicht dauernd abstürzen würden."

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1. Karriereseite der Deutschen Telekom
LenaKob 19.02.2010
Naja, ich weiß ja nicht ob das für einen professionellen Arbeitgeber spricht, an oberster Stelle auf der Karriereseite so eine manipulative Fragestellung zu Tarifverhandlungen zu positionieren (gesehen auf dem Foto des Telekom-Screenshots). ZITAT: "Sozial ist, was Arbeitsplätze sichert": Individuelle “Mitbestimmung“ statt nur kollektiver Vereinnahmung Was denken Sie? - Tarifabschlüsse sollen in schwierigen Zeiten in erster Linie Arbeitsplätze und Perspektiven sichern - Tarifabschlüsse sollen in schwierigen Zeiten in erster Linie Lohnerhöhungen sichern
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