Bewerberfang im Internet: Emotional ist Trumpf

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Sicherheit, Stabilität, Vertrauen - in der Krise sind bei der Suche nach dem passenden Arbeitgeber neue Werte gefragt. Eine Umfrage unter Studenten und Absolventen zeigt, welche Firmen mit ihren Portalen bei jungen Talenten punkten - und wie gefühlig es dabei zugeht.

Lars Achtruth ist Datenanalyst, hat einen grünen und einen blauen Streifen auf der rechten Wange - und verfolgt täglich ein hehres Ziel: "Die Welt ein bisschen besser zu machen." So steht es zumindest auf der Karriere-Website der Bayer AG. Achtruth ist einer von sieben Botschaftern des Unternehmens, die Bayer als attraktiven Arbeitgeber darstellen sollen. Das scheint zu funktionieren: In einem Ranking der besten Karriere-Seiten von deutschen Unternehmen, das SPIEGEL ONLINE exklusiv vorliegt, belegt Bayer den ersten Platz.

"Achtruth steht für den Typ männlicher Europäer, jugendlich", sagt Dirk Pfenning, bei Bayer für E-Recruiting zuständig, SPIEGEL ONLINE. Die sechs anderen sind ebenso Prototypen: Mal dunkelhäutig, mal asiatisch, mal jünger, mal älter - jeder Bewerber soll sich irgendwo wiederfinden. Alle sollen sie zeigen: Hier arbeiten Menschen wie Du, wir sind glücklich, und tragen den Stolz auf unser Unternehmen als grüne und blaue Streifen im Gesicht.

Die Bewerber emotional ansprechen, einen Eindruck vom Leben im Unternehmen geben - das ist unter Bewerbern gefragt. Die schwedische Unternehmensberatung Potentialpark befragte 1942 deutsche Studenten und Absolventen, wie sie ihre Karriere online planen und was sie von den Karriere-Seiten erwarten. Das Ergebnis: Während bei der Umfrage vor einem Jahr Unternehmen noch sehr stark danach ausgesucht wurden, ob sie sich als Sprungbrett eignen, ob sich der Name gut im Lebenslauf macht, zählen nun andere Werte: Sicherheit, Stabilität, Vertrauen. Die Wirtschaftskrise zeigt Wirkung.

Die Bedeutung der Karriere-Seiten wächst

Nach den Kriterien der Bewerber untersuchte Potentialpark 101 Karriere-Seiten von Unternehmen. "Die Seiten müssen heute mehr sein als eine bloße Auflistung der offenen Stellen, die Unternehmen müssen sich dem Bewerber emotional präsentieren", so Julian Ziesing, der Leiter der Studie, zu SPIEGEL ONLINE. Unternehmen könnten sich weniger als jemals zuvor erlauben, die falschen Leute einzustellen, damit wachse die Bedeutung der Karriere-Seiten. "Sie brauchen die Seiten, um Aufmerksamkeit zu bekommen, die richtigen Leute zu motivieren, sich für den richtigen Job bei ihnen zu bewerben und zugleich mit der steigenden Zahl von Bewerbungen umzugehen."

Die Seiten der Unternehmen sind für Studenten und Absolventen zu der Informationsquelle Nummer eins geworden: 96 Prozent der Befragten suchen Informationen zu Karrieremöglichkeiten im Internet, 89 Prozent davon gaben an, Karriere-Seiten von Unternehmen zu nutzen. Damit liegen sie noch vor Karriere-Portalen und Netzwerken.

Bayer-Mann Pfenning bestätigt das: Bis zu hunderttausend Besucher zählt die Karriere-Seite inzwischen im Monat. "Die Bedeutung des Portals für unsere Recruiting-Strategie hat drastisch zugenommen, es ist das wichtigste Element". Um dem gerecht zu werden, wurden die Seite im letzten Jahr erweitert: So stellt Bayer nun seine Produkte genauer vor - und damit auch sich selbst als Unternehmen. "Wir haben ja kaum Endverbraucherprodukte, bei denen jeder weiß, was das ist", sagt Pfenning. Zudem können Inhalte nun bewertet werden und es wird angezeigt, welche Artikel am häufigsten angeklickt wurden.

"Die Seiten werden besser"

Auch ThyssenKrupp setzte bei der Überarbeitung der Seite auf mehr Emotionalität und stieg prompt von Platz 75 im Jahr 2008 auf Rang vier. "Wir haben uns die Brille des Bewerbers aufgesetzt: Wie wird die Seite die beste Landebahn für jemanden auf Stellensuche?", sagte Helge Kroll, Referent für Humans Ressources bei ThyssenKrupp zu SPIEGEL ONLINE. "Wir sind ein Weltkonzern, die Interessenten wollen sich aber über bestimmte Breiche informieren, die müssen wir erlebbar und erfahrbar machen". Auf der Seite werden nun zum Teil in Videos Biografien von Mitarbeitern vorgestellt. "Wir zeigen die Menschen dahinter, jeder soll sich irgendwo wiederfinden", so Kroll.

Laut der Studie von Potentialpark sieht so das Erfolgsrezept aus: Die Seiten müssen für jedes Profil, jedes Alter, jede Ambitionn, jede berufliche Vergangenheit und jedes Interesse, die für das Unternehmen selbst interessant sind, passende Angebote liefern. Dabei dürfen sie nicht allzu viel Zeit in Anspruch nehmen - weder für die Bewerber, noch für die Personaler selbst.

"Es passiert was, die Seiten werden besser", meint Studienleiter Ziesing. Früher hätten Unternehmen einfach nur Broschüren online gestellt, "heute findet man bei den guten Seiten alles was man finden möchte: allgemeine Informationen zum Unternehmen und konkrete Informationen zur Bewerbung". Auch auf Interaktivität werde verstärkt gesetzt: Bewerber können auf immer mehr Seiten bookmarken, sie weiter empfehlen oder sich mit Spielen vergnügen. Es habe ein Denkprozess stattgefunden, die Karriere-Seiten würden nun öfter als das verstanden, was sie auch sein können: ein Marketinginstrument.

Mehr Kontakte, weniger emotional

Doch neben den multimedialen Präsentationen, die auf der Eingangsseite als Aushängeschild der Unternehmen funktionieren müssen, entscheidet schlicht die Bedienbarkeit, wenn es um die Gunst der Talente geht. "Für den Bewerber muss die Suche möglichst einfach sein: Er setzt einen Filter und bekommt nur noch das Angebot für seinen Bereich, Controlling zum Beispiel", so Pfenning von der Bayer. Setze er sich mit einer Zeitung hin, müsse er erst mühsam seine Anzeigen suchen. "Das müssen wir ihm natürlich abnehmen".

Im internationalen Vergleich besteht in Deutschland allerdings teilweise noch Aufholbedarf. "Da bieten sie zwar mehr Informationen, dafür sind sie nicht so emotional", sagt Ziesing. Teilweise seien deutsche Unternehmen noch vorsichtig und wollten sich lieber bodenständig präsentieren. Bei der Angabe von Kontakten seien deutsche Seiten wiederum besser: "Es ist vergleichsweise einfach für die Bewerber, Ansprechpartner zu finden", so Ziesing. In anderen Ländern sei man zurückhaltender, was die Veröffentlichung von Kontaktdaten angeht.

Dirk Pfenning von der Bayer AG plant schon weiter: In diesem Jahr soll Work-Life-Balance auf der Karriere-Seite thematisiert werden. "Wir wollen zeigen, dass wir uns darum kümmern". Das könnte gut ankommen bei den Absolventen - überarbeiten will sich schließlich niemand.

Das Ranking der besten Karriere-Seiten Deutschlands und Europas: Welches Unternehmen ködert die Bewerber am erfolgreichsten? SPIEGEL ONLINE zeigt's.

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