Bewerbungsgespräch: High Noon mit dem Headhunter

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Mysteriöse Anrufe, heimliche Treffen, vertrauliche Verhandlungen: Selten bekommt man Einblicke in die Welt der Headhunter. SPIEGEL ONLINE war beim Bewerbungsgespräch eines Kandidaten dabei - erst lief alles glatt. Doch dann machte der Mann einen Fehler.

"Die Jugendherbergen müssen gefördert werden", findet Dieter Kramer*. Sinn fürs Gemeinwohl: Punkt. Die billige Unterkunft bevorzuge er auch auf Geschäftsreisen, "das freut den Chef". Kostenbewusstsein: Punkt. Früher habe er fünfmal die Woche für den Triathlon trainiert - Laufen, Radfahren, Schwimmen, das volle Programm. "Jetzt komme ich nur noch zweimal dazu", sagt er, zieht die Augenbrauen hoch und lenkt die Aufmerksamkeit mit einem kurzen Blick nach unten auf seinen Bauch, der zwischen Gürtel und Krawattenzipfel etwas gegen das Hemd drückt. Selbstironie gepaart mit gesundem Leben: Punkt.

Michael Heidelberger: Der Personalberater sieht sich seine Kandidaten genau an - sie müssen fachlich wie menschlich zum Stellenprofil passen
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Michael Heidelberger: Der Personalberater sieht sich seine Kandidaten genau an - sie müssen fachlich wie menschlich zum Stellenprofil passen

Dieter Kramer* nennt sich selbst ein Kommunikationstalent. In diesem Gespräch muss er das beweisen, er muss punkten. Um 9 Uhr morgens sitzt er im Café des Insel-Hotels mitten in Heilbronn, vor ihm Michael Heidelberger, Headhunter der Stuttgarter Personalberatung Dr. Richter Heidelberger. Die schwäbische Provinzstadt hat für beide Vorteile: Heidelberger wohnt gleich um die Ecke - und Kramer weit weg.

Knapp vier Stunden Autofahrt entfernt liegt Kramers Heimatstadt, viel wichtiger jedoch: auch Kramers aktueller Job. Sein Arbeitgeber darf nicht erfahren, dass er heute hier ist. Heidelberger hat Kramer zum Interview geladen. Für ihn geht es um die Erledigung eines Auftrags, für Dieter Kramer geht es um einen Karrieresprung, mehr Geld, es geht um ein neues Leben.

Auch die heikle Gehaltsfrage ist kein Hindernis

Zum Interviewbeginn hat Heidelberger, 50, das Wort, beschreibt das Unternehmen und die Stelle. Einen "klassischen Mittelständler" nennt er seinen Auftraggeber. Die Firma ist Weltmarktführer in einer Techniknische mit Niederlassungen und Vertretungen rund um den Globus. Sie braucht einen Ingenieur, in einem kleinen Team soll er sich um die Zulassung der Produkte kümmern. "Gesucht wird jemand, der das Potential mitbringt, das Team einmal zu führen", sagt Heidelberger. Über 80 Kandidaten hat er bereits kontaktiert und davon 16 getroffen. Kramer ist Nummer 17.

Der Auftraggeber verlangt eine Reisebereitschaft von 15 bis 20 Prozent. Kein Problem, sagt Kramer, "bis 50 Prozent würde ich mitgehen". Auch bei der Gehaltsfrage liegen Kramer und das Profil nicht weit auseinander: "Mein Soll sind 55.000 Euro", sagt er. "Das wird nicht gleich etwas, aber das Unternehmen bietet Ihnen Entwicklungschancen", antwortet Heidelberger. Kramer ist einverstanden.

Es ist ein vergleichsweise geringes Gehalt, bei dem häufig keine Headhunter eingeschaltet werden. "Normalerweise handelt es sich um Stellen mit einem Jahreseinkommen von 100.000 bis 150.000 Euro", sagt Heidelberger. Doch er hat zu dem Unternehmen schon lange Kontakt, der Auftrag dient auch der Kundenbindung. Er kann Kramer die Firma bedenkenlos empfehlen: "Flache Hierarchien, kurze Entscheidungswege, vielfältige Weiterbildungsangebote."

"Die Bereitschaft zu wechseln lässt nach"

Vor einigen Wochen hatte Heidelberger bereits einen Kandidaten gefunden. Das Unternehmen wollte den 32-Jährigen, und der wollte den Job - bis kurz vor der Unterschrift. "Die Familie hat dann doch den Umzug nicht gewollt", erzählt der Personalberater. Das passiere oft, auch bei Führungspositionen: "Mobilität ist in Deutschland allgemein nicht so gegeben, private Sicherheit und Konstanz ist ein großes Thema." Das habe sich durch die Finanzkrise noch verstärkt, "das merkt man sofort - die Bereitschaft zu wechseln lässt nach."

Nicht so Dieter Kramer: Er ist jung, ungebunden, könnte sofort seine sächsische Heimat gen Westen verlassen. Das einzige Hindernis ist die Kündigungsfrist. Aufrecht, aber entspannt sitzt er in seinem Stuhl, seine Augen wach, seine Mimik freundlich und konzentriert. Heidelberger legt ein Prospekt des möglichen Arbeitgebers auf den Tisch. "Innovative Technik" steht dort, "ein starkes Team" - was PR-Berater so schreiben, wenn sie für Unternehmen werben.

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