Bücher zur "Generation Praktikum": Von Mägden und Knechten

7. Teil: Boris Fust: "Zwölf Stunden sind kein Tag"

Schonungslos offen erzähle der Autor, wie es sei, heute Praktikant zu sein, verspricht der Klappentext. Sicher nicht. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Arne, der als Praktikant in einer Werbeagentur angeheuert hat. Zusammen mit einer Co-Praktikantin und dem Chef geht's auf Geschäftsreise nach Dubai, es folgen verworrene spirituelle Aufträge und eine Liebelei, am Ende der Rückzug in die Schweiz.

Apropos Esoterik, das Thema hat nur einen Zweck: Es wird bis auf die letzte Faser für mehr oder weniger Humoriges ausgeweidet. Und fällt damit wieder in die Kategorie der Randaspekte, die dankbar zu größeren Abhandlungen aufgepumpt werden, Bettwanzengeschichten und belauschte Dialoge genauso wie Volltexte von Spam-E-Mails.

"Generation Praktikum"
REUTERS
Na klar, sagen Praktikanten, die lautstark über Ausbeutung klagen. Ja, sagt auch der DGB: 56 Prozent der Hochschulabsolventen gehören dazu. Die entsprechende Studie stützt sich aber auf Angaben von lediglich 89 Teilnehmern. Karl-Heinz Minks vom Hochschul-Informations-System (HIS) dagegen sagt: "Das ist wohl eher das Gefühl einer Generation."
Praktikanten, die sich von einem un- oder unterbezahlten Arbeitsverhältnis zum nächsten hangeln. Absolventen, die qualifizierte Arbeit leisten, aber monatelang für lau arbeiten. Eine Online-Petition an den Bundestag, unbezahlte Langzeitpraktika zu verbieten, unterschrieben etwa 50.000 Menschen.
An einer HIS-Umfrage nahmen 10.000 Hochschulabsolventen des Jahres 2005 aus verschiedenen Fachrichtungen teil. Ihre Antworten fallen weit positiver aus, als es das Getöse um die "Generation Praktikum" vermuten lässt. Demnach arbeitet jeder siebte Uni- und jeder achte FH-Absolvent nach dem Studium als Praktikant. HIS-Experte Kolja Briedis sagt: In technischen Berufen oder den Naturwissenschaften seien Praktika nach Studienende eine Ausnahme, in den Sozialwissenschaften komme es häufiger zu Kettenpraktika.
Laut HIS ist die Praktikumsdauer in den "meisten Fällen auf einen überschaubaren Zeitraum beschränkt": Die Hälfte der Praktikanten absolviert nach dem Studium Praktika von maximal drei Monaten, ein Drittel von maximal sechs Monaten, nur wenige noch mehr. Die Mehrheit zeigte sich zufrieden mit Inhalten und Nutzen des Praktikums. Geld bekamen 66 Prozent der Uni-Absolventen und 83 Prozent der FH-Absolventen (wie viel genau, wurde nicht erfasst). Das HIS-Fazit: Kettenpraktika oder Praktikumskarrieren seien eine Randerscheinung, kein Massenphänomen. In der Zeit danach gelinge vielen der Sprung in die Erwerbstätigkeit.

Es bleibt der Eindruck, ohne derlei Exkurse wäre es zu wenig Stoff gewesen. Die prekäre Arbeit und ihre Zwänge spielen eigentlich nur eine Nebenrolle: 250 Euro im Monat bekommt Arne für seine 60-Stunden-Wochen und träumt vom gewerkschaftlich geforderten Mindestlohn von 7,50 Euro pro Stunde. Das wären 1800 Euro, rechnet er, "im großen 'BamS'-Vergleich brauchte ich mich hinter Supermarktkassiererinnen nicht verstecken".

Je nun. "12 Stunden sind kein Tag" verhandelt den Wert von Akademiker-Arbeitszeit. Hochqualifizierten, die ihre Kompetenz nonstop für Kinkerlitzchen wie Esoterikkram verschwenden, sollte man in den Hintern treten.

  • Autorenjahrgang: 1973
  • Der Satz, der alles sagt: "Ich lasse mich treiben. Und zwar so willenlos, dass ich dabei Passantinnen anrempele."
  • Die Protagonisten: Irgendwas zwischen Sascha Hehn und Messie
  • Humorradius: Sprüche über ejaculatio praecox? Och nö
  • Das taugt's: Kann man lesen. Muss man aber wirklich nicht.
Buchtipp
Boris Fust:
"Zwölf Stunden sind kein Tag"
Der Praktikanten-Roman.

Piper Verlag 2008; 219 Seiten; 7,95 Euro.

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1. Träumerle
T. Wagner 09.03.2010
Zitat von sysopBeinah im Monatstakt erscheinen neue Romane oder Sachbücher zu jungen Akademikern, die in eine Berufs- und Lebenskrise taumeln. Mal erschöpft sich das schnell in Praktikantenjammerposen, mal finden die Autoren eine eigene Sprache. Ein Bücher-Sixpack - Anne Haeming fahndete nach den Perlen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,681066,00.html
Die Rezension von Frau Haeming ist sehr erhellend. Offenbar will jeder junge Mensch heute Journalist werden. So, als gäbe es nichts anderes auf dieser Welt. Und daher sind nicht nur Praktikumsplätze knapp, sondern auch Arbeitsstellen. Vollzeitstellen in Form eines unbefristeten Arbeitsvertrages gibts in der Branche ohnehin kaum noch. Vielleicht sollten Einige umsatteln. Auch woanders wird Geld verdient.
2. Das Ausmaß wird das System in den nächsten 20 Jahren verändern
Viva24 09.03.2010
Grundlage der Entwicklung ist doch das totale Versagen der Politiker, vorallem der von Lobbyisten bezahlten...
3. ...
disi, 09.03.2010
Zitat von sysopBeinah im Monatstakt erscheinen neue Romane oder Sachbücher zu jungen Akademikern, die in eine Berufs- und Lebenskrise taumeln. Mal erschöpft sich das schnell in Praktikantenjammerposen, mal finden die Autoren eine eigene Sprache. Ein Bücher-Sixpack - Anne Haeming fahndete nach den Perlen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,681066,00.html
...ich sehe da 2 grundsätzliche Probleme. Zu einen natürlich das System (Politik UND Wirtschaft) ansich, das den jungen Leuten/Kindern vorgaukelt man müsse zwingend studieren und möglichst noch promovieren um überhaupt mehr als ein Hartz4-Empfänger zu verdienen, dann aber nicht bereit ist den entsprechend Qualifizierten (die es ja dann in Massen gibt) auch ordentliche Jobs mit angemessenem Gehalt anzubieten. (so dass am Ende tatsächlich nur unwesentlich mehr an Gehalt rausspringt als der Mindestsatz) Absolut krank. Zweitens liegt es auch ein Stückweit an der Generation selbst. Wenn die Masse nicht bereit ist, sich in jungen Jahren auch mal die Hände schmutzig zu machen und "unterqualifizierte" Tätigkeiten auszuführen, und nur den Einstieg auf höchstem Niveau anstrebt, wird es zurecht Probleme geben. Man steigt nun mal - nicht nur - direkt als Häuptling in einer Firma ein. Wenn man lange Jahre ein guter Krieger war, ist man sogar meistens später der bessere Häuptling. Zu meiner Lehrzeit in der 80ern gab es sehr viele Azubis mit Abitur in technisch/gewerblichen Bereichen. Das ist heute sicher die Ausnahme.
4. ...die üblichen Sündenböcke
Suryo 09.03.2010
Zitat von Viva24Grundlage der Entwicklung ist doch das totale Versagen der Politiker, vorallem der von Lobbyisten bezahlten...
Gähn! Klar, DIE Politiker sind an allem schuld...
5. .
herr-vorragend 09.03.2010
Zitat von sysopBeinah im Monatstakt erscheinen neue Romane oder Sachbücher zu jungen Akademikern, die in eine Berufs- und Lebenskrise taumeln. Mal erschöpft sich das schnell in Praktikantenjammerposen, mal finden die Autoren eine eigene Sprache. Ein Bücher-Sixpack - Anne Haeming fahndete nach den Perlen. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,681066,00.html
Ob ich den Artikel gelesen hätte oder nicht, läuft auf das selbe hinaus: Ich habe schonwieder vergessen worum es im Text eigentlich ging. Vermutlich ist dies das Hauptproblem der angeblichen "Generation Praktikum".
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