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Bundestags-Praktikanten: Ein Kuli, ein Händedruck, null Euro - und tschüss!

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Vizekanzler Müntefering will als Fürsprecher der Generation Praktikum Sympathiepunkte sammeln und verspricht: Hochschulabsolventen sollen nicht länger als Billiglöhner schuften. Doch in der Bundespolitik rackern Dutzende - ohne Lohn, Job-Perspektive und im Stress wie Vollzeitkräfte.

Berlin - Die Politik-Studentin möchte lieber anonym bleiben. Ihr Praktikum im Bundestag hat sie ernüchtert: "Am Ende wurde mir ein Kugelschreiber für 30 Euro überreicht", sagt sie, "das war der Lohn für zwei Monate Arbeit." Zwei Monate lang war die Praktikantin im Berliner Büro einer FDP-Bundestagsabgeordneten - und bekam dafür keinen Cent. Dabei, erinnert sie sich, "war sehr wohl Geld da für teure Geschenke an politische Freunde".

Praktikantenprotest (im April in Berlin): Generation in der Warteschleife
DDP

Praktikantenprotest (im April in Berlin): Generation in der Warteschleife

Während des Praktikums war sie voll in die Büroarbeit eingespannt, kümmerte sich um die Pressearbeit und recherchierte Informationen für Sitzungen der Abgeordneten. "Wenigstens hat sich die Abgeordnete am Ende persönlich bei mir bedankt."

Ob das ein Fall für Arbeitsminister Franz Müntefering wäre? Der SPD-Politiker trommelt seit Tagen für die Rechte der "Generation Praktikum": jener junger Menschen, die sich von einem Praktikum zum nächsten hangeln - und oft nach dem erfolgreichen Abschluss ihres Studiums noch monate- oder jahrelang ohne Bezahlung in Unternehmen rackern. Müntefering will gegen solche Praktiken vorgehen und prüfen, ob Arbeitgeber statt regulärer Arbeitskräfte verstärkt Praktikanten einsetzen. Im Gespräch ist, die Dauer von Praktika auf vier Monate zu begrenzen. Müntefering setzt dabei erst mal auf die Selbstverpflichtung der Arbeitgeber. Aber falls nötig, will er auch das Berufsbildungsgesetz ändern.

Sechs Monate bei der Bundestagsverwaltung arbeiten - für lau

Und eine solche Reform würde dann tatsächlich auch den Politikbetrieb in Berlin-Mitte treffen. Denn dort arbeiten Hunderte Praktikanten, die nur in Ausnahmefällen bezahlt werden. "Die Bundestagsverwaltung kann weder eine Vergütung oder Entschädigung zahlen noch sozialversicherungsrechtliche Leistungen übernehmen", steht zum Beispiel auf der Homepage des Bundestages. Einer Sprecherin gibt an, dass Praktikanten auch mal sechs Monate bleiben, wenn es ihrer Ausbildung dient.

Und in Münteferings eigenem Ministerium? Wie in den anderen Bundesministerien werden Praktika nicht vergütet. In einem Bewerbungsbogen des Sozialministeriums steht: "Mir ist bekannt, dass für ein Praktikum keine Vergütung vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales gezahlt wird."

Allerdings beschäftigen Ministerien tatsächlich keine Absolventen von Hochschulen als Praktikanten - sondern nur Studenten und Auszubildende, bei denen Praxiserfahrung Teil der Berufsausbildungs- oder Studienordnung ist. "Die Politik verhält sich damit redlicher als viele private Unternehmen", sagt Bettina Richter, Vorsitzende der Praktikantenvereinigung "Fairwork".

Abgeordnete dürfen wie Unternehmer handeln

Bundestagsabgeordnete wiederum können wie kleine Firmen frei entscheiden, wie lange sie von ihrem Mitarbeiterbudget Praktikanten beschäftigen und wie viel Geld sie dafür zahlen. Die Fraktionen handhaben Bezahlung und Dauer unterschiedlich. Die Unions-Fraktion bietet ein Praktikantenprogramm an - die Konditionen: zwei Monate, unbezahlt: "Es ist ja auch so, dass wir eher in die Praktikanten investieren, als dass wir davon profitieren würden", sagt eine Sprecherin zu SPIEGEL ONLINE. Die Abgeordneten würden für die "Kurzzeitkollegen" Vorträge halten, sie außerdem "überall mit hinnehmen" - und es sei auch nicht ausgeschlossen, dass Praktikanten mit Studienabschluss am Ende eingestellt werden.

Die SPD erlegt sich selbst strengere Richtlinien auf: "Wir stellen grundsätzlich keine Studienabsolventen als Praktikanten ein, weil wir der Meinung sind, dass diese angemessen bezahlt werden müssten. Und das können wir nicht, wenn wir keine freien Stellen haben", sagt Andrea Franzen, Ausbildungsleiterin im SPD-Personalbüro. Für Fraktions-Praktikanten gebe es außerdem eine "kleine Aufwandsentschädigung", 45 Euro pro Woche.

"Wenn das Praktikum ein halbes Jahr dauert, dann zahlen wir in jedem Fall. Denn dann entsteht ein echter Mehrwert für den Abgeordneten", sagt auch Axel Weinsberg vom Büro der SPD-Parlamentarierin Karen Roth. Studenten, die dagegen nur für zwei bis drei Wochen kommen, absolvieren ein klassisches "Schnupperpraktikum" ohne Entgelt.

Ausbildung im Vordergrund

Die Grünen vergeben Praktika in ihrer Fraktion für zwei bis drei Monate - mit mindestens 250 Euro monatlicher Vergütung. Und: "In der Regel vergeben wir keine Praktika an Menschen mit abgeschlossenen Studium", sagt Grünen-Fraktionsgeschäftsführer Lukas Beckmann. Im Einzelfall weiche man davon ab, wenn der Bewerber nachweise, dass ihm das Praktikum für seinen Berufsweg nütze.

Die FDP-Fraktion lässt die Abgeordneten selbst über die Bezahlung von Praktikanten entscheiden. "Es kann durchaus sein, dass ein Abgeordneter nichts bezahlt", sagt eine Sprecherin der Fraktion zu SPIEGEL ONLINE. So handhaben es im Grundsatz auch die anderen Fraktionen.

Dass es so viel Spielraum beim Praktika-Angebot im Politikbetrieb gibt - das liegt vor allem an unklaren Regeln. Bisher ist nirgendwo verbindlich festgehalten, wie ein Praktikum definiert ist, welche Aufgaben ein Praktikant erfüllen soll. Die gesetzlichen Vorschriften seien schwer zu überblicken, sagt Stefan Rippler, Betreiber der Internetseite generation-praktikum.de. Grundsätzlich gilt: Beim Praktikum soll der Ausbildungsaspekt im Vordergrund stehen - das Berufsbildungsgesetz schreibt das vor. Doch was gerade noch Ausbildung ist und was schon Arbeit, was eine angemessene Bezahlung ist und was Ausbeutung, das lassen die Gesetze offen.

Das Problem wird dadurch verschärft, dass auch die Gerichte bisher sehr unterschiedliche Urteile fällen, sobald Praktikanten ihre Arbeitgeber verklagen. So hatte das Bundesarbeitsgericht über eine Klage eines Ex-Praktikanten zu entscheiden, der beim Roten Kreuz ein Ausbildungsjahr absolvierte - ohne Entgelt. Der angehende Rettungsassistent klagte auf eine Vergütung von insgesamt 10.000 Euro. Das sächsische Landesarbeitsgericht gab ihm Recht. Kurz vor der Revisionsentscheidung des Bundesarbeitsgerichts zog die Firma gestern ihren Einspruch zurück - wohl wegen mangelnder Aussicht auf Erfolg.

Klagen haben nicht immer Erfolg

In einem Fall aus dem Jahr 2001 erstritt eine Langzeit-Praktikantin mit abgeschlossener Berufsausbildung vor dem Hessischen Landesarbeitsgericht sogar ein reguläres Gehalt (Aktenzeichen 3 Sa 1818/99). Das Gericht verurteilte ihren Arbeitgeber, eine kleine Werbeagentur, im Nachhinein zu einer Vergütung von 18.000 Mark, also 1800 Mark pro Monat.

Doch andere Praktikanten scheitern mit ihren Klagen - so dass ihnen dann auch noch Kosten entstehen: "Es ist immer mit einem gewissen Risiko behaftet, vor Gericht zu ziehen", sagt Jessica Heyser von der Abteilung Jugend des DGB-Bundesvorstands. "Viele Leute sind damit nicht durchgekommen."

Heyser fordert Ministerien und Bundestag deshalb auf, mit gutem Beispiel voran zu gehen und ihre Praktikanten zu bezahlen. 300 Euro monatlich hält sie für einen guten Richtwert. Akademikern rät sie dagegen, sich nur für begrenzte Zeit als Praktikant zur Verfügung zu stellen und auf Bezahlung zu bestehen: "Drei Monate reichen aus."

Eines wollen aber auch Praktikantenlobbyisten nicht: Arbeitgebern generell untersagen, dass sie Hochschulabsolventen als Praktikanten beschäftigen. Denn damit würden sie ihrer Klientel den wichtigsten Einstiegsweg verbauen. "Man kann Praktika nicht verbieten", sagt Heyser.

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Forum - Job-Odyssee - Was bringen Praktika wirklich?
insgesamt 215 Beiträge
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1. Gute Bedingungen fordern oder gehn!
Lewi, 15.11.2005
Die Bedingungen meiner ersten Praktika direkt nach der Schule waren zunächst eher deprimierend. Wenig bis gar kein Geld wurde mir für einige Praktika in der Medienbranche geboten, oftmals waren meine monatlichen Fahrtkosten höher als der Lohn. Vor allem wenn man eine recht magere Auswahl an Praktikumsangeboten hat, neigt man dazu, das zu nehmen was man kriegen kann, in der Hoffnung, wenigstens seinen Lebenslauf etwas aufzupolieren. In einer solchen Lage wird man leider in der Tat oft ausgenutzt. Man "praktiziert" schließlich nicht einfach, man arbeitet unter vollem Einsatz mit. Das liegt sicher auch daran, dass man von heutigen Praktikanten aufgrund gestiegener Computerkenntnisse etc. einfach auch viel mehr fordern kann, als einfach Handgriffe zu machen und viel zuzusehen. Oft wollen die Unternehmer auch keinen Praktikanten, den sie erst noch anlernen müssen und haben von vorherein ganz spezielle Anforderungen an einen Praktikanten. Als "einfacher" Schulabgänger hat man kaum eine Chance, irgendwo angelernt zu werden; entweder man bringt die erfoderlichen Kenntnisse mit, oder es wird eben nichts draus. Daraus ergibt sich einfach, dass man klare Bedingungen (und immer einen offiziellen Vertrag!!!) verlangen sollte. Zeitraum, Aufgaben und Gehalt müssen festgelegt sein. Wenn einem die genannten Bedingungen zusagen, sollte das Praktikum gut verlaufen, ansonsten kann man dem Unternehmer den Vertrag unter die Nase halten. Wenn die Verhältnisse vor Ort denn dennoch nicht zu ertragen sind, muss man auch klar einen Schlussstrich ziehen.
2.
ThomasGerhardt, 15.11.2005
Praktika haben sich extrem gewandelt in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren, gerade im Medienbereich. Vielfach sind heute Praktikanten extrem gut ausgebildet und verrichten den Job eines ansonsten fest angestellten Redakteurs. Da habe ich selbst Ausbeutung auf allerhöchstem Niveau in den vergangenen vier bis fünf Jahren erlebt. Zumeist aber wird darüber gerade in den Medien nicht gesprochen, da der Journalist an sich zwar eine große Klappe gegenüber anderen Industrien hat, in seinem eigenen beruflichen Umwelt sich durch Feigheit und Selbstsucht auszeichnet. Schön, dass der Spiegel wenigstens mal immer wieder drauf aufmerksam macht. Es ist schon lange so, dass sich Praktika nur für die auszahlen (wenn überhaupt), wenn der Praktikant durch sein Elternhaus extrem gefördert wird, anders sind solche Praktika erst gar nicht zu stemmen, zumal diese sehr oft in Großstädten oder sogar europäischen Metropolen angesiedelt sind und erst einmal eine Menge verfügbares Geld von nöten ist. So haben sich die Praktika schon in einigen Punkten beinahe zur modernen Sklaverei gewandelt.
3.
holala, 16.11.2005
Für die Schüler ist ein solches Praktikum eine hervorragende Möglichkeiten einen Blick auf die Arbeitswelt zu werfen und einen Vorgeschmack zu bekommen.. Andererseits lernt man auch - egal in welchem Beruf- was es heißt, täglich mehrere Stunden am Stück zu arbeiten. Diese Erfahrung finde ich für jeden Schüler wichtig, denn in der Schule kriegt man vom alltäglichen Streß nur wenig mit, auch wenn die meisten Schüler da anderer Meinung sind...
4. Einheitlicher Status
Lewi, 16.11.2005
Es muss für Praktikanten einfach einen einheitlichen Status geben, an dem auch kein Unternehmen mehr nach Lust und Laune herumdoktern kann. Ein Praktikant sollte sich einreihen in den vorberuflichen Zustand, genau wie Schüler, Azubi oder Student. Vor allem deshalb, weil Praktika heute nicht mehr nur Beschäftigungen von einigen Wochen sind, oft praktiziert man Monate, gar ein oder zwei Jahre. Und das noch nicht mal aus Spaß an der Sache, sondern aus purer Notwendigkeit. Wie der Spiegel so schön schreibt, sind Praktika heute kein Plus mehr, sondern ein Muss. Da werden unerfahrene Berufsanfänger damit konfrontiert, ihre Arbeitszeit und ihr Gehalt selber zu verhandeln und durchzusetzen. Wer bringt schon leichtfertig so viel Selbstbewusstsein auf, dass er bei seinem ersten Gespräch mit einem Personalchef ein paar Hunderter mehr verlangt, auch wenn es ihm zustünde? Praktika sind heute mehr wert, als das Geld, das man dafür bekommt. Soll man sich also damit zufrieden geben, dass man zumindest seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen konnte? Dankbar dafür sein, dass man endlich arbeiten darf? @ThomasGerhardt: Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. Niemand möchte sich eingestehen, dass er jahrelang den Illusionen über die eigene Berufswahl auf den Leim gegangen ist. Es gibt sie noch, die guten und die besten Adressen, aber vielerorts fehlt einfach die Fairness. Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann?
5.
ThomasGerhardt, 16.11.2005
---Zitat von Lewi--- Eine gewisse "Eitelkeit", über die Unzulänglichkeiten des eigenen (Traum)-Berufes als Journalist zu sprechen, habe ich auch schon beobachten können. ... Daran sind die Medien aber auch nicht unschuldig: Nicht selten liest man auf deren Internetseiten, dass für ein Volontariat oder gar eine Festanstellung ein Praktikum von Vorteil ist. "Von Vorteil"- das übersetzt jeder potentielle Bewerber berechtigter Weise mit "verpflichtend". Kein Wunder, dass der Ansturm auf Praktikumsplätze solche Ausmaße annimmt, wenn der Trend zur Überqualifizierung das Maß aller Dinge ist. Ist es also wirklich schon historisch, dass man nach der Ausbildung oder dem Studium in den Beruf eintreten kann? ---Zitatende--- Nun kann man trefflich darüber debattieren, ob ein Studium an unseren heutigen Hochschulen, mit teilweise unqualifizierten Professoren, überhaupt für ein Überleben auf dem Arbeitsmarkt sorgen kann, aber im Bereich Medien läßt sich festhalten, dass schon Anfang der 90er Jahre (als ich mein Volontariat machte) diese ursprünglich als Ausbildungszeit erschaffene Phase sich mehr und mehr zu einem Pool von Billigst-Redakteuren entwickelte, die vorher schon die anderen Stationen durchlaufen hatten (abgeschlossenes Studium zumeist, mehrjährige Mitarbeit...) Das Volontariat wurde dazu genutzt, diesen ohnehin schon hoch qualifizierten Bewerben einzureden, dass das Volo ihnen die Tür zum Redakteur öffnete. Vier von fünf der Volontäre wurden aber jeweils turnusmäßig durch Frischfleisch ersetzt. Nun kann man sogar noch einen Level tiefer ansetzen, beim Praktikanten. Aus rein betriebswirtschaftlichem Blickwinkel macht das sogar Sinn. Und, wie mein Ex-Geschäftsführer aus der Zeit beim Future Verlag mal offen in die Runde uns aller Chefredakteure gesagt hat, bevor er das gesamte Unternehmen gegen die Wand fuhr: "Schreiben? Schreiben ist doch Scheiße. Ich schreibe jeden Tag. Briefe. Emails. Das kann doch nun wirklich jeder." Meine damalige, zu meiner allerersten schriftlichen Abmahnung (bin ich auch heute, fünf Jahre später stolz drauf, jawoll) Antwort war: "Ja, schreiben kann jeder. Aber für das, was Du in deinen Briefen schreibst, können wir schlecht von den Leuten draußen Geld verlangen." In diesem Sinne :)
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