Inmitten Alaskas eisiger Wildnis sind wir, acht deutsche Studenten, mit einem Propellerflugzeug abgestürzt. Wie durch ein Wunder haben alle das Unglück überlebt. Doch nun stecken wir fest. Die Maschine wird in der nächsten Viertelstunde in einem See versinken, und uns bleibt kaum noch Zeit, die wichtigsten Gegenstände zu retten. Schnell müssen wir entscheiden: Wollen wir mindestens drei Tage auf Hilfe warten - oder den 20 Kilometer langen Weg durch tiefen Neuschnee in die nächste Siedlung wagen? Von dieser Entscheidung hängt ab, was wir gleich als Erstes aus dem Wrack holen werden.
Was sich anhört wie der Anfang eines schlechten Actionfilms, ist in Wirklichkeit die fiktive Ausgangssituation für unsere Gruppendiskussion. Im Berliner Büro des Finanzdienstleistungsunternehmens MLP probe ich zusammen mit sieben anderen Studenten das Personalauswahlverfahren, mit dem viele namhafte Unternehmen wie Airbus, Siemens oder Otto ihren Nachwuchs rekrutieren. Gemeinsam üben wir für den Ernstfall in einem Assessment Center.
Loslaufen oder beim Wrack bleiben?
Schnell beginnen wir zu streiten: Einige wollen am Flugzeugwrack bleiben, andere loslaufen. Nur auf einen Nenner kommen wir nicht, denn jeder möchte gern den Ton angeben.
Lars versucht zu vermitteln. Er schlägt vor, dass wir uns trennen. Drei von uns sollen Hilfe holen, während die Übrigen mit Decken unter einer Zeltplane warten. Doch Jörg-Stefan wehrt entschieden ab: "Das geht nicht!" Er drängt darauf, gemeinsam loszulaufen. Seine Einwände nerven allmählich Harald, der forsch entgegnet: "Wir haben nur drei Paar Schneeschuhe, wir können nicht alle losgehen!"
Die Diskussion dreht sich im Kreis. In der Runde gibt es zu viele, die versuchen, die Leitung an sich zu reißen und einander nicht zu Wort kommen lassen. Was fehlt, ist ein Moderator.
Dennoch entstehen im Laufe der Auseinandersetzung zwei Listen, auf denen nach 15 Minuten alle Gegenstände entsprechend ihrer Relevanz eingeordnet sind. Als die Zeit abgelaufen ist, sind wir fertig.
Der Testlauf wird ernst genommen
Vincent van der Lubbe und Carsten Kemper, unsere beiden Assessment-Center-Moderatoren, sammeln die Arbeitsbögen aus der Gruppendiskussion ein. Nach einem tiefen Aufatmen weicht die Anspannung aus den Gesichtern der acht Teilnehmer. Obwohl dies nur die Simulation des späteren Auswahlverfahrens ist, ist die Luft spürbar aufgeladen. Alle sind mit Ernst und Ehrgeiz bei der Sache, denn für viele von uns entscheidet bald der Auftritt in einem solchen Assessment Center über den weiteren beruflichen Werdegang.
Durch die verschiedenen Übungen und Rollenspiele testen immer mehr Unternehmen die Persönlichkeit ihrer Bewerber. Die sogenannten Soft Skills wie Einsatzbereitschaft, analytisches Denken, effiziente Arbeitsorganisation, Selbstsicherheit, Durchsetzungsvermögen, Kompromissfähigkeit und Entscheidungsvermögen sollen auf diese Weise überprüft werden.
Nicht alle davon sind Wesenszüge, die man hat oder leider nicht hat. Einige Soft Skills kann man sich auch antrainieren. Dazu bietet MLP Studenten in Assessment-Center-Trainings kostenlos die Möglichkeit. In einem fünfstündigen Seminar werden Standardaufgaben wie die Selbstpräsentation, die Gruppendiskussion, die sogenannte Postkorbübung oder der Stresstest durchgespielt. So lernen die Probanden die Übungen kennen und merken, in welchen Punkten sie noch an sich arbeiten können, um überzeugender zu wirken.
Gänzlich uneigennützig ist der Service des Finanzdienstleisters nicht: Das Unternehmen sucht den Kontakt zu jungen Akademikern, die eines Tages mit dem ersten selbstverdienten Geld Kunden werden könnten. Bis es so weit ist, unterstützt MLP die Studenten etwa auch durch Rhetorik- und Präsentationskurse ganz unverbindlich bei der Vorbereitung auf die Bewerbungsphase.
Geschäftsführerin in Zeitnot
Das Assessment-Center-Training ähnelt einer Theaterprobe. Wir üben die Selbstpräsentation. Der Erste geht nach vorn und stellt sich vor: "Hallo, mein Name ist Lars Kämpkes. Ich studiere Politikwissenschaft im zehnten Semester und mache gerade mein Diplom." Unter den kritischen Blicken der Leiter und der übrigen Teilnehmer steht Lars vor der Gruppe und bemüht sich, freundlich und selbstbewusst seinen bisherigen Werdegang zu resümieren. Er erzählt von seinen Auslandsaufenthalten in Brüssel und London und von seiner Tätigkeit im Bereich Kommunikation bei Siemens, durch die er seit einiger Zeit sein Studium finanziert. Auf diese Weise schafft er es, seine Fähigkeiten und Interessen mit ansprechenden Beispielen darzustellen. So sicher wie Lars sind jedoch noch nicht alle Teilnehmer: In einige Vorträge schleichen sich immer wieder "Ähs" und "Ehms", während sich der Blick des Redners einmal zu oft auf den Boden anstatt auf die Zuhörer richtet.
Es folgt die Postkorbübung: Nun heiße ich Frau Kunze und bin Geschäftsführerin in Zeitnot. Innerhalb von 20 Minuten muss ich meinen letzten Arbeitstag vor dem Urlaub planen und allerlei Aufgaben an meine Sekretärin, meinen Stellvertreter und den Einkaufsleiter delegieren. Mit der Bank soll ich dringend über die Erweiterung eines Kredits verhandeln, während mein Sohn gerade mit dem Mofa des Nachbarjungen gegen ein Auto gefahren ist, und Herr Wichtig mit mir über seine Probleme mit Herrn Mark sprechen möchte. Der Stress wird zu groß, also versuche ich, von meinen Aufgaben so viele wie möglich abzugeben. Nur die wichtigen geschäftlichen Belange mit Kunden, mit den Mitarbeitern und mit der Bank erledige ich selbst - um meinen Sohn kümmert sich mein Anwalt. Das notiere ich in meinen Terminkalender und hoffe, dass es richtig war, denn für die Auswertung dieser Übung ist leider keine Zeit eingeplant. Die Präsentation steht an.
Nach einer kurzen Pause und einem großen Schluck Wasser mutieren wir zu wissenschaftlichen Mitarbeitern der Universität. Als solche sollen wir in einem dreiminütigen Vortrag um Geld für die Forschung über die zukünftige Bevölkerungsentwicklung werben. In zwei Gruppen bereiten wir den Vortrag gemeinsam vor, arbeiten die wichtigsten Punkte aus dem Grundlagentext heraus und erstellen Folien.
Nach der kurzen Vorbereitungszeit tritt die erste vierköpfige Gruppe gemeinsam nach vorn und wechselt sich in ihrem Drei-Minuten-Vortrag ab. Jeder soll mal zu Wort kommen können. Doch Vincent van der Lubbe kritisiert: "Das verbreitet zu viel Unruhe." Er rät, lieber einen Referenten auszusuchen.
Für unsere Gruppe werde ich zur Demografie-Expertin gewählt. Erneut stehe ich im Rampenlicht und versuche zu glänzen. Doch leider wird mir bereits beim Auflegen der Folie bewusst, dass die Zusammenfassung nicht nur unleserlich, sondern für einen Drei-Minuten-Vortrag deutlich zu lang geworden ist. Ungewollt überziehe ich zwei Minuten. "Im echten Assessment Center ist das ein Minuspunkt", sagt van der Lubbe. "Aber für heute war das insgesamt schon gut."
Damit haben wir die letzte Übung hinter uns. Bis wir eines Tages auf den Assessment-Center-Bühnen großer deutscher Unternehmen stehen, kann jeder von uns noch einiges an seinem Auftritt verbessern - so viel ist mir heute bewusst geworden. Offen bleibt nur eine Frage: Wie viel hat MLP in den letzten Stunden wirklich über mich erfahren?
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