Diagnose "Boreout": Bürostress durch Langeweile

Die einen rackern sich krumm, die anderen legen die Füße hoch. Und leiden ebenfalls. Zwei Buchautoren haben dafür ein Etikett gefunden: Boreout - Burnouts hässlicher Bruder. Wenn unterforderte Insbürogeher erst faul, dann krank werden, hat auch die Firma ein Problem.

Langeweile am Arbeitsplatz: "Anstrengend und belastend"
DDP

Langeweile am Arbeitsplatz: "Anstrengend und belastend"

Nur zwei, drei Stunden am Tag arbeiten und die restliche Zeit im Büro für private Dinge nutzen: im Internet surfen, den Urlaub buchen, Freunde anrufen. Klingt paradiesisch. Von wegen, sagt das Schweizer Autoren-Duo Philippe Rothlin und Peter Werder: Für die meisten Arbeitnehmer sei das auf Dauer ein Alptraum.

Die beiden Unternehmensberater aus Zürich halten es sogar für gefährlich, wenn zu wenig Arbeit anliegt - nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht für das Unternehmen, sondern auch für die Gesundheit des Mitarbeiters. Sie warnen daher vor einem neuen Phänomen des modernen Arbeitslebens: dem "Boreout".

Boreout statt Burnout - gemeint sind damit Verhaltensmuster, hervorgerufen durch Unterforderung, Desinteresse und Langeweile im Job. "Oft trifft es Leute kurz nach der Ausbildung, die sich quantitativ oder geistig unterfordert fühlen", sagt Peter Werder. Er verweist auf Studien, wonach nur rund 30 Prozent der Arbeitnehmer im deutschsprachigen Raum angeben, überfordert zu sein. "Es muss also unter den restlichen 70 Prozent Menschen geben, die nichts oder zu wenig zu tun haben", schlussfolgert er.

Diagnose oder reines Wortgeklingel?

Wer sich unterbeschäftigt fühlt, versuche meist zuerst, das durch eine Beschwerde beim Vorgesetzen zu ändern. Nimmt der Arbeitsumfang aber trotzdem nicht zu, komme allmählich der Gedanke, dass es so schlecht nicht ist, wenig zu tun zu haben. Gefährlich sei dann aber die Feststellung: "Ich bin abends müde und ausgepumpt, weil ich zu wenig gemacht habe", sagt Philippe Rothlin.

In der Folge verhalte sich der Boreout-Betroffene paradox: Da sich kein Arbeitnehmer erlauben kann, am Schreibtisch Löcher in die Luft zu starren, entwickele er Strategien, um beschäftigt zu wirken, ohne es tatsächlich zu sein. Man verteilt sein Pensum zum Beispiel auf längere Zeit, als nötig wäre ("Flachwalz-Strategie") oder hat immer eine Präsentation am Bildschirm offen, spielt in Wahrheit aber Sudoku oder übt anderen Bürosport aus.

Nicht jeder Kollege, der stets konzentriert auf seinen Bildschirm starrt und heftig in die Tasten haut, ist also wirklich ausgelastet. Dieses Versteckspiel, das den eigenen Arbeitsplatz sichern soll, sei "anstrengend und belastend" und damit schlecht für die Gesundheit, warnt Rothlin.

Anders als das Stressphänomen Burnout ist der Boreout nach Ansicht der beiden Autoren bislang nicht hinreichend untersucht. Sie halten ihn aber für ähnlich bedrohlich. Oder handelt es sich etwa nur um ein hübsches und ungemein verkaufsförderndes Etikett für das bisschen Büro-Ödnis, das jeden Angestellten gelegentlich anspringt? Die Sachbuch-Regale der Buchhandlungen sind voll von Werken, die außer netten Wort-Neuschöpfungen von "Quarterlife-Crisis" bis "Peperoni"-Strategie wenig Handfestes zu bieten haben und dennoch die Bestsellerlisten verstopfen.

Kurt Stapf von der Universität Tübingen ist skeptisch. Auch der Burnout komme viel seltener vor als gemeinhin angenommen. "Vorsicht bei neuen Begriffen, die noch nicht wissenschaftlich fundiert sind", mahnt der Psychologie-Professor, der sich mit dem Phänomen "innere Kündigung" befasst hat.

Zwar sei es für das Wohlergehen eines Menschen von großer Bedeutung, welcher Tätigkeit er nachgeht, räumt Stapf ein. "Menschen definieren sich durch Arbeit, sie gewinnen so ihre Wertschätzung." Mit Blick auf den von Werder und Rothlin geprägten Terminus Boreout spricht er jedoch von "Wortgeklingel".

Zur Not besser den Job wechseln

Nach Ansicht der auf Belastungsphänomene spezialisierten Psychologin Gabriele Richter von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin in Dresden ist Unterforderung durchaus eine unterschätzte Größe im Berufsalltag. Wer sich allerdings nur fehl am Arbeitsplatz fühlt oder kein Interesse an seinem Job hat - zwei Kriterien, die Werder und Roth als Boreout-Ursachen nennen -, muss sich nach Einschätzung von Richter nicht sorgen: "Ich sehe keine Gesundheitsgefahren", sagt sie.

Gabriele Richter verweist auf die "psychische Sättigung", einen Zustand, den sie für genauso gefährlich hält wie übermäßigen Stress. Psychisch gesättigt ist, wer bei der Arbeit gegen Überdruss und Widerwille kämpft. "Tätigkeiten mit geringem Ansehen, Routine, fehlende Informationen oder widersprüchliche Anweisungen von Führungskräften" seien häufige Ursachen, Frustration und innere Kündigung die Folge.

Wer innerlich kündigt, ist meist ein ehemals hoch motivierter Arbeitnehmer, der nur noch Dienst nach Vorschrift macht. Da er aber in jedem Fall seine Stelle behalten will, versucht er, das sinkende Engagement zu verbergen - mit dem Effekt, wegen des Vertuschens ständig unter Stress zu stehen.

"Unzufriedenheit im Job kann psychosomatische Phänomene wie Magenbeschwerden oder Verspannungen verursachen", sagt die Arbeitspsychologin. Empfehlenswert sei ein Tätigkeitswechsel. Bei Menschen mit monotonen Aufgaben oder psychischer Sättigung habe sich gezeigt, dass eine Jobrotation hilft. Richter appelliert an die Arbeitgeber, mehr zu loben und einzubinden: "Viele Menschen sind engagiert bei der Arbeit und wollen lern- und gesundheitsförderliche Aufgaben übernehmen."

Peter Werder und Philippe Roth raten, schon bei der Jobsuche auf den "qualitativen Lohn" zu achten. "Wir sind so erzogen, dass wir uns schnell den Gedanken aus dem Kopf schlagen, Arbeit könnte Spaß machen", sagt Rothlin. Genauso wichtig wie das Gehalt sei aber die Frage nach Sinn und Umfang der Arbeit: Alle drei Elemente müssten gleich stark gewichtet werden. Nur so lasse sich ein Boreout von vornherein ausschließen - wer dennoch davon bedroht ist, sollte sich Gedanken über eine neue Stelle machen.

jol/gms

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Forum - Bürostress durch Langeweile?
insgesamt 33 Beiträge
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    Seite 1    
1.
DJ Doena 05.11.2007
Um mal ganz platt zu sein: Ich habe die über 3000 Beiträge hier im Forum nicht, weil ich unter extremen Arbeitsstress leide. Auch, dass ich dieses Posting um 11 Uhr Vormittags schreibe, knapp 10 Minuten, nachdem der SysOpa das Thema eröffnet hat, sagt etwas über meine Auslastung aus.
2.
Mitten in Bayern 05.11.2007
Zitat von DJ DoenaUm mal ganz platt zu sein: Ich habe die über 3000 Beiträge hier im Forum nicht, weil ich unter extremen Arbeitsstress leide. Auch, dass ich dieses Posting um 11 Uhr Vormittags schreibe, knapp 10 Minuten, nachdem der SysOpa das Thema eröffnet hat, sagt etwas über meine Auslastung aus.
Man kann zumindest sagen, dass Sie ihre freie Zeit im Sinne der gesellschaftlichen Meinungsbildung sinnvoll nutzen ;-)
3.
Haio Forler 05.11.2007
Zitat von DJ DoenaUm mal ganz platt zu sein: Ich habe die über 3000 Beiträge hier im Forum nicht, weil ich unter extremen Arbeitsstress leide. Auch, dass ich dieses Posting um 11 Uhr Vormittags schreibe, knapp 10 Minuten, nachdem der SysOpa das Thema eröffnet hat, sagt etwas über meine Auslastung aus.
Dem kann ich mich nur anschlllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllllll
4.
Ozymandias 05.11.2007
Wenn ich auf meinen Lebenslauf sehe, faellt es schwer, vor mir selbst eine Periode von etwa fuenf Jahren zu verantworten. In dieser Zeit war ich, ausgebildeter Diplom- Erziehungswissenschaftler und Kultur- und Theaterpaedagoge (jaja, ich weiss: an sich brotlos), als Internatsbetreuer in einer Einrichtung fuer die berufliche Umschulung Erwachsener beschaeftigt. Hatte diese Institution zu ihren Gruendungszeiten noch die ruehmliche Aufgabe, Arbeitslosenstatistiken zu beschoenigen, liess mit Hartz IV das politische Interesse stark nach. In einem Betrieb von 250 schlecht geleiteten, unmotivierten, von Kuerzungen und Teilarbeitszeit betroffenen Mitarbeitern, die sich dem Dienst nach Vorschrift und der Sicherung ihrer eigenen Verantwortungsbereiche verschrieben hatten, war ich das Schlusslicht in der Hierarchie: von 15 bis 1 Uhr beschaeftigt, Kontakt mit den Klienten zu halten, ihnen die Hausregeln ans Herz legen und Verstaendnis fuer die Einsparungsmassnahmen zu erwecken. Statt als Sozialarbeiter fungierte ich quasi als eine Art Befindlichkeits-Hausmeister. Ich waere in der Tat froh gewesen, wahrend der zehn Stunden Arbeitszeit auch nur durchschnittliche zwei davon mit einer sinnvollen Taetigkeit zu fuellen. Da ich aber im Prinzip praeventiv arbeitete, war meine Arbeit dann gut gemacht, wenn nichts passierte. In den wenigen Momenten, da der Direktor meiner gewahr wurde, bildete sein knappes "Na? Alles ruhig?" die Essenz meines Arbeitsauftrags. Zur inneren Kuendigung, zur Resignation und zur Ueberzeugung, keinerlei Qualifikationen mehr zu haben, kam die aussichtslose Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hinzu. Es ist nett vom Autoren des Artikels, einen Jobwechsel vorzuschlagen; diese Option erwies sich ueber lange Zeit als utopisch: der soziale Sektor im Ruhrgebiet war beherrscht von Halbjahresvertraegen und Schwangerschaftsvertretungen. Dazu kam ironischerweise der Makel, nicht arbeitslos zu sein. Bei einem Jobinterview wurde ich gefragt, warum ich denn nach Arbeit suche, ich haette doch schon eine Stelle. Die Kuendigung wagen und sich im Freifall nach einer neuen Stelle umsehen? Ich haette die drei Monate Anspruchsperre der Arbeitsagentur nicht ueberlebt. Einen Notgroschen fuer die saure Zeit zuruecklegen? Nicht bei einem Salaer von ehemals BAT5c, von dem auch mein Partner, ein selbststaendiger Mediengestalter, existieren musste. Was fuenf Jahre bezahltes Nichtstun dem Selbstvertrauen antun, kann eh kein Gehalt wettmachen. Erst bei einer grosszuegigerweise gestatteten In-House-Weiterbildungsmassnahme wurde mir nach Jahren der Abstumpfung wieder bewusst, dass ich im Besitz eines Hochschulabschlusses war. Letztendlich half tatsaechlich nur ein radikaler Schnitt. Der Jobwechsel war nur durch einen gleichzeitigen Landeswechsel moeglich. Hier muss ich mich nun muehsam an ein Arbeitsumfeld gewoehnen, in dem ausreichend zu tun ist, Schulungen selbstredend bewilligt werden und gesetzlich mindestens fuenf Tage im Arbeitsjahr umfassen muessen, mir von Kollegen und Vorgesetzten mit professioneller Anerkennung begegnet wird und selbst umfassende Umstrukturierungen nicht zu Privatfehden fuehren. Ich musste nur auswandern.
5.
Ozymandias 05.11.2007
Zitat von OzymandiasIch musste nur auswandern.
(cont.) Fazit: Der Boreout existiert. Wenn Minesweeper und Solitaer den Hoehepunkt des Tages ausmachen und Zynismus geduldet, wenn nicht gar wissentlich gefoerdert wird, leidet die Psyche. Einer meiner Vorgaenger war Alkoholiker, ein anderer gab nach einem halben Jahr des Grabenkampfes mit der psychologischen Abteilung auf. Mein direkter Kollege wurde zum pathologisch luegenden Kontrollfreak, neidisch auf mein Diplom, das mir im Arbeitsalltag eher hinderlich denn nuetzlich war. Bei mir selbst litten Kreativitaet, Selbstbewusstsein, analytisches Denken, Stresstoleranz und Wortschatz. Insofern ist die Einfuehrung eines neuen Modewortes vielleicht gar nicht schlecht. Auch wenn es den Kern der Sache wahrscheinlich nicht treffen wird, koennte es in das kollektive Bewusstsein der Fuehrungsetagen empordringen und zu einem neuen Bewusstsein ueber den Unschaetzbaren Wert eines guten Betriebsklimas fuehren. Die (zynische) Erfahrung indes zeigt auf, dass dadruch wohl eher Leistungsfaktoren strenger ueberprueft und von Langeweile betroffene Kollegen aus dem laufenden Betrieb verabschiedet werden.
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