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Die etwas anderen Lehrer: Von der Eliteuni an die Problemschule

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In den USA und England haben Top-Absolventen ein neues Karriereziel: Sie unterrichten an Brennpunktschulen - mit viel Begeisterung und Elan. Programme wie "Teach for America" zählen sogar zu den beliebtesten Arbeitgebern. Warum gibt es das in Deutschland nicht?

Wendy Kopp war erst 21 Jahre alt, als sie eine bahnbrechende Idee hatte. In ihrer Abschlussarbeit an der US-Eliteuni Princeton schlug sie vor: Top-Studenten sollten sich nach ihrer Uni-Ausbildung in den Dienst der Gemeinschaft stellen und zwei Jahre lang als Lehrer an sozialen Brennpunktschulen unterrichten - unter dem Motto "Teach for America". Tatsächlich gelang es Kopp, bei mehreren Geldgebern 2,5 Millionen US-Dollar für ihren Plan loszueisen. Und so starteten im Jahr 1990 insgesamt 500 Lehrer in sechs sozial besonders benachteiligten Schulbezirken mit dem Unterricht.

Es war der Beginn einer Erfolgsgeschichte. Mittlerweile hat sich die Zahl der Aushilfslehrer im Programm fast verzehnfacht, "Teach for America" ist sogar unter den zehn beliebtesten Wunscharbeitgebern amerikanischer Studenten - obwohl der Lehrerberuf in den USA nicht gerade zu den lukrativen Jobs mit hohem Sozialprestige gehört. Mitte August fingen 2900 Neu-Lehrer, ausgewählt aus 17.000 Bewerbern, ihren Job an. Weitere 2100 kamen für ihr zweites Jahr an der Schule aus den Sommerferien zurück.

Für die nächste Runde können sich Interessenten noch bis zum 2. November bewerben. Insgesamt, so rechnet "Teach for America" vor, haben inzwischen fast 440.000 Schüler von den hochmotivierten Hilfspädagogen profitiert - in 26 Städten, von New York über Baltimore und Chicago bis nach New Orleans.

Harte Arbeit für die Lehrerneulinge

Viel offener ist man bei der britischen Version "Teach First", 2001 von zwei großen Wirtschaftsverbänden gegründet. Auch hier gibt es einen Bewerberansturm auf die 300 Plätze. "Eine gute Freundin von mir hat im Jahr 2004 mitgemacht, ich fand das von Anfang an spannend", sagt Maria Zacharia. Heute ist sie selbst bei "Teach First" dabei, als Lehrerin für Englisch und Literatur im Londoner Stadtteil Ealing. Nicht einmal jeder zweite Bewohner hat hier einen britischen Pass.

Die Herausforderung der Arbeit in dieser Umgebung macht Maria Spaß. Der schönste Moment bisher sei für sie gewesen, als ihre Schüler ihr am Ende des Schuljahres kleine Dankesbriefe schrieben: "Sie sagten, dass sie meinen Unterricht mögen und hoffen, dass ich im kommenden Schuljahr wieder ihre Lehrerin werde." Doch die Monate davor waren harte Arbeit - durchgeackerte Nächte inklusive. "Manchmal war die Arbeitsbelastung ziemlich hoch", so Maria, "ich musste Stunden planen, mich auf Inspektionen meiner Kurse vorbereiten und dazu noch viele Bücher auf einmal lesen."

Gerade diese Belastbarkeit schätzen Firmen an Absolventen, die nach der Uni bei "Teach for America" oder "Teach First" einsteigen. Wer sich in diesem Job bewährt, der kann auch fast jede andere Aufgabe übernehmen. Allerdings ist der Schulalltag für die Aushilfslehrer oft sehr hart, wie Christina Lind berichtet. Sie hat für "Teach First" Englisch und Theater an der Highbury Grove School in Islington unterrichtet, ein für krasse soziale Gegensätze bekannter Londoner Stadtteil.

Hurra, eine Schülerin schaffte es nach Oxford

"Die ethnische Diversität an dieser Schule war besonders hoch - Türken, Somalier, Schwarzafrikaner, Chinesen, Portugiesen", sagt Christina. Viele der Schüler hätten Aufmerksamkeitsprobleme gehabt und nicht selten überhaupt keine Lust auf Schule. Einer ihrer Englischkurse, erzählt sie, sei von anfangs mehr als 30 auf gerade einmal 12 Schüler geschrumpft. Immerhin zwei von ihnen hätten die Abschlussprüfung mit der Note "befriedigend" geschafft.

Max Haimendorf zählte zu den "Teach First”-Pionieren des ersten Jahrgangs an der Uxbridge High School in West London. Stolz erzählt er, dass einer seiner Schülerinnen der Sprung an die Eliteuni Oxford gelang: "Sie war die allererste von dieser Schule, die es geschafft hat, dort reinzukommen."

Was treibt die hochmotivierten Aushilfslehrer an? Zum einen ist es eine gehörige Portion Enthusiasmus und der Wunsch, benachteiligten Schülern zu helfen. Zum anderen ist der Ausflug ins Klassenzimmer oft auch ein Karriereturbo: Die Zeit in der oft rauen Umgebung der Vorortschulen macht sich ausgesprochen gut im Lebenslauf, denn das zeugt gleichermaßen von Durchsetzungs- wie Anpassungsvermögen. Zudem können die Programmteilnehmer ihre Ferienzeit für ein Unternehmenspraktikum nutzen - und so den späteren Berufsstart außerhalb der Schule elegant vorbereiten. Der dritte Grund: Wer bei "Teach First" das erste Jahr übersteht, dem winkt die staatliche Anerkennung als "Qualified Teacher". Mit dem Abschluss in der Tasche kann man an jeder Schule in England und Wales unterrichten - lebenslang.

Neben diesen handfesten Gründen zählen für die Aushilfslehrer aber vor allem die täglichen Erfolgserlebnisse. "Ein Weihnachtsgeschenk von den berüchtigtsten Rabauken der Schule zu bekommen", sagt Emma Russell, die an einer Schule im Osten von London Religion unterrichtet hat. "Oder Eltern, die einem sagen, dass ihr Kind das Fach gehasst hat, bis es in meinen Unterricht kam."

Hoffnungsträger für die Hauptschulen?

Von Programmen wie "Teach for America" oder "Teach First" profitieren alle: die Hochschulabsolventen, weil sie mit einer einzigartigen Mischung aus Praxiserfahrung und gelebtem Gemeinsinn bei zukünftigen Arbeitgebern punkten können. Die Schüler, weil fachlich exzellente und hochmotivierte Junglehrer die Ausbildung verbessern und den manchmal tristen Schulalltag aufmischen. Und die Lehrerkollegen an den Brennpunktschulen, weil sie im Idealfall entlastet werden.

Denkbar wäre so ein Programm auch in Deutschland. Um Uni-Absolventen zu Hoffnungsträgern an Hauptschulen zu machen, müssten viele Bundesländer nicht einmal ihre Gesetze ändern. So reicht in Bayern, Nordrhein-Westfalen oder Hessen ein Uni-Abschluss, um vorübergehend an Schulen zu unterrichten. Wie schwierig das sein kann, zeigte aber zum Beispiel der Erfahrungsbericht von Aushilfslehrerein Andrea Furtkamp im SPIEGEL: "Überfordert und alleingelassen" sei sie gewesen, klagte die 33-jährige Germanistin.

In Berlin arbeitet derzeit ein kleines Team daran, ein Programm nach dem Vorbild von "Teach for America" oder "Teach First" für Deutschland auf die Beine zu stellen. Öffentlich darüber sprechen will man allerdings noch nicht. Da lauern zu viele Fußangeln, derzeit laufen zum Beispiel Gespräche mit Lehrergewerkschaften und Verbänden. Denn in Deutschland trägt man gern Bedenken. Und nur wenn die alten Hasen mitziehen, kann das Experiment mit den jungen High Potentials an Problemschulen tatsächlich gelingen.

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Forum - Top-Absolventen in Problemschulen - ein vorbildliches Modell?
insgesamt 128 Beiträge
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1. Der Karrierebeschleuniger!
discipulus, 23.10.2007
Zitat von sysopIn den USA und Großbritannien sammeln viele Top-Absolventen nach ihrer Uni-Zeit erste Berufserfahrung als Lehrer in sozialen Brennpunkten. Mit großem Erfolg - viele Unternehmen reissen sich danach um die Teilnehmer. Können auch die deutschen Schulen von dieser Idee profitieren?
Eine ausgezeichnete Idee! Warum sollte es nicht für eine Karriere bei McKinsey und den weiteren einschlägigen Unternehmen förderlich sein, ein bis zwei Jahre beim Prekariat praktiziert zu haben? http://www.ftd.de/forschung_bildung/bildung/:Blick%20Ausland%20Gro%DFbritannien%20Karrierekick%20Klassenzimmer/266709.html Im Übrigen auch ein sehr gutes Sparmodell.
2.
MarkK 23.10.2007
Zitat von sysopIn den USA und Großbritannien sammeln viele Top-Absolventen nach ihrer Uni-Zeit erste Berufserfahrung als Lehrer in sozialen Brennpunkten. Mit großem Erfolg - viele Unternehmen reissen sich danach um die Teilnehmer. Können auch die deutschen Schulen von dieser Idee profitieren?
Auf der einen Seite 'ne Superidee - wir wären unser Imageproblem bestimmt in kürzester Zeit los. Auf der anderen Seite frage ich mich, womit es gerade die schwierigsten Jugendlichen verdient haben, als Versuchskaninchen und Karrieresprungbrett herhalten zu müssen...
3. Super Idee
furtherinstructions, 24.10.2007
Das wäre natürlich genial, nur tendieren Top-Absolventen hierzulande von Natur aus nicht zum "Lehramt"…
4. Praxis?
sam clemens, 24.10.2007
Selbstverständlich könnten solche Projekte deutschen Schulen (und vor allem deutschen Schülern) etwas nutzen. Aber versuchen Sie doch mal, als Akademiker ohne Lehramtsausbildung in Deutschland eine Lehrerstelle zu bekommen - wir haben schon für die Absolventen oft keine ausreichenden Möglichkeiten. Und andererseits gehen Sie zu wenig darauf ein, ob die Lehre auch qualitativ gut ist - meist ist guter Wille nicht ausreichend und Schülerlob dürfte kein ausreichendes Kriterium sein. Das Ganze gehört in die Kategorie "Bill Clinton und Bill Gates retten die Welt", "Mikrokredite lösen die Probleme Afrikas" usw.
5. Warum es das in Deutschland nicht gibt...
VPolitologeV, 24.10.2007
...weil in Deutschland immer noch eine Barriere zwischen den Einkommens- und Besitzschichten zu den Geringverdienern und Besitzlosen existiert. Weil man in Deutschland nur gerade so über Wasser gehalten wird, ohne Förderungsmöglichkeiten. Weil die Herkunft immer noch entscheidender ist als Verstand. Wieviele der Erb-Reichen und Erb-Entscheider wären in ihrer heutigen Position, wenn sie wirklich eine geistige Arbeit hätten leisten müssen? Und wieviele Hochbegabte kämpfen sich durch minderbezahlte Jobs, gegängelt von OFFENSICHTLICH debilen Personalleitern? Die deutsche Jugend zieht angeblich immer später von daheim aus - woran das wohl liegt? Weil es mittlerweile fast untragbar geworden ist, mit einem mickrigen Anfängergehalt eine eigen Wohnung zu finanzieren. Mein Vorschlag: Erbschaftssteuer auf 95%, Geld verwenden für die Förderung der Begabten, Verpflichtung dieser, Unterricht nach "unten" zu leisten, in welcher Form auch immer. Dann würden die bevorzugt, die Verstand, die Geist haben, und die, deren Vorteile allein aus ihrer Geburt herrühren, würden dann mal richtige Arbeit kennenlernen.
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