Die Praktikumsmühle: Danke schön, auf Wiedersehen

Von Oliver Voß

In der vagen Hoffnung auf eine feste Stelle hangeln sich junge Akademiker von Praktikum zu Praktikum. Für Studenten wird Praktikasammeln zum Sport, Firmen freuen sich über die billigen und willigen Arbeitskräfte. Nun formiert sich eine Praktikanten-Lobby und will gegen Ausbeutung und für anständige Bezahlung kämpfen.

Eigentlich hat Tina Richter alles richtig gemacht. Ihr BWL-Studium zog die 25-Jährige in der Regelstudienzeit durch und schloss es mit einem Prädikat ab. Nebenbei absolvierte sie noch vier Marketing-Praktika. Seit einem Jahr schreibt Tina Richter Bewerbungen, bislang etwa 120. "Um eine Lücke im Lebenslauf zu vermeiden, habe ich noch einmal drei Praktika gemacht", sagt die frischgebackene Akademikerin. "Bei einem habe ich ein bisschen Geld bekommen, die anderen beiden waren natürlich unbezahlt."

Wollte nicht das Lager aufräumen: Tina Richter

Wollte nicht das Lager aufräumen: Tina Richter

Die Diplomkauffrau lebt von Erspartem, Unterstützung der Eltern und geht, wenn nebenbei noch Zeit ist, babysitten. Anfangs hatte sie noch Hoffnung, über ein Praktikum in den Job zu rutschen. Doch allmählich resigniert Tina Richter: "Das sind keine Praktika im herkömmlichen Sinne, wo man mehr lernt als leistet. Die Praktikanten sind fest als Arbeitskräfte eingeplant."

Arbeitsmarktexperten bestätigen diese Erfahrung. "Praktikanten werden zunehmend missbraucht, um vollwertige Arbeitsplätze zu ersetzen", sagt Joachim Koch-Bantz, Leiter der Abteilung Bildung und Qualifizierung beim DGB. "Viele Unternehmen haben sich Praktikanten genommen, weil sie kostengünstiger sind", bestätigt auch Anja Wegmann. Sie leitete im letzten Jahr die Kienbaum-Praktikantenstudie, die die hohe Verantwortung von Praktikanten in Unternehmen belegte.

In sechs Monaten kommt jemand anderes

40 Stunden umsonst zu ackern, oft in einer anderen Stadt mit zusätzlichen Miet- und Fahrtkosten, das ist heute selbstverständlich. Die meisten Stellen sind unbezahlt. Doch ohne diese Praktika hat man kaum eine Chance auf dem Arbeitsmarkt. In einer Umfrage der Internetseite Praktika.de gaben 54 Prozent der Befragten an, es sei für die Wahl der Stelle nicht entscheidend, ob sie vergütet werde oder nicht. So haben jene das Nachsehen, die es sich nicht leisten können, umsonst zu arbeiten. Und die deshalb gleich einen regulären Job suchen.

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"In einem Fall hätte die Chefin mich gerne behalten, die brauchte die Hilfe", erzählt Tina Richter. Doch die Personalabteilung habe der Chefin geraten, alle sechs Monate einen neuen Praktikanten einzustellen. Ein anderes Mal habe ein Hotel sie als Praktikantin fürs Marketing genommen, trug ihr aber dann auf, das Lager aufzuräumen. Richter brach das Praktikum ab.

"Hat man viele Praktika gemacht, gehört man zu den besseren Absolventen", sagt Personalberaterin Wegmann, "mit ein oder zwei Praktika eher zum Durchschnitt." Können es auch zu viele Praktika werden? "Man kann nicht sagen, wer mehr als zehn Praktika gemacht hat, wird uninteressant, eher im Gegenteil", meint Wegmann. So sieht es auch Ralf Rudolf, Leiter des Hochschulmarketings bei der Deutschen Bank: "Da wir Wert auf die praktische Ausbildung legen, kann man eigentlich nicht zu viele Praktika haben."

Studentensport Praktikasammeln

"Irgendwann wird es selbstmörderisch, im Lebenslauf zu viele Praktika zu haben", kontert Harro Honolka. Der Geschäftsführer des Instituts "Student und Arbeitsmarkt" an der Universität München empfiehlt, in einer Bewerbung nur selektiv die Praktika anzugeben, die zu der angestrebten Stelle passen. Das rituelle Anhäufen von Praktika verwässere die Grundidee des Praktikums, sagt Honolka. Die Wirtschaft unterstütze das, indem sie als Praktika getarnte Arbeitsverhältnisse schaffe.

Praktika: Für Studenten üblich
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"Verschleudert eure Zeit nicht und achtet mehr auf Qualität", rät Honolka den Studenten. Bei qualifizierten Praktika müsse das Lernen im Vordergrund stehen und der Praktikant das Tätigkeitsfeld in seiner Breite kennen lernen. Wer nur Aufgaben ohne Lernwert abarbeiten müsse, solle von sich aus andere Aufgaben vorschlagen. Honolka rät auch, sich an gut funktionierende kleine Firmen zu wenden und nicht immer nur an die großen Namen: "Bei den vielen Mittelständlern ist die fette Weide."

Tina Richter bewarb sich bei großen und kleinen Firmen, doch außer weiteren Praktika wurde ihr nichts angeboten. Vor lauter Verzweiflung schrieb sie im Sommer einen offenen Brief an Medien und Politiker. Über einige Reaktionen ärgerte sich Richter. Das Wirtschaftsministerium etwa habe sie damit vertröstet, dass die Arbeitslosenquote anderer Bevölkerungsgruppen noch viel schlechter sei - und dass sie ja demnächst Arbeitslosengeld II beantragen könne.

"Diese Praxis grenzt an Schwarzarbeit"

"Es kann doch nicht sein, dass ich in einem Unternehmen arbeite, das mich dafür nicht bezahlt, und ich gleichzeitig Sozialhilfe beziehe", empört sich Richter. "Da lässt sich doch der Staat von der Wirtschaft verarschen." Die großen Verlierer bei solchen "Pseudopraktika" seien die Sozialversicherungsträger und der Staat, meint auch Joachim Koch-Bantz vom DGB. "Das grenzt an Schwarzarbeit und Versicherungsbetrug, weil der Arbeitgeber voll darauf setzt, dass für geleistete Arbeit nicht das entsprechende Geld bezahlt wird."

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Die Politik mache es allerdings genauso, sagt Richter. In ihrem letzten Praktikum beim Berliner Senat arbeitete sie für lau. Auch Praktikanten in Ministerien oder beim Bundestag werden nicht bezahlt. "Das ist halt so, dass Praktikanten kein Geld bekommen", erklärte eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums, das für die Besoldung im öffentlichen Dienst zuständig ist. "Das sind ja auch keine richtigen Arbeitskräfte."

Inzwischen hat sich Tina Richter mit anderen Betroffenen zusammengeschlossen, um einen Verein als Interessenvertretung für Praktikanten zu gründen. "Ich stelle mir irgendeine Form der Regulierung vor", sagt sie. Natürlich müsse man Praktika vor, während und nach dem Studium unterscheiden. Doch nach dem Willen der Praktikanten-Lobby soll festgesetzt werden, dass Hochschulabsolventen nicht umsonst arbeiten. "Vielleicht könnte man auch Quoten festlegen, damit in einer Firma nicht zu 70 Prozent Praktikanten arbeiten", sagt Richter.

Praktikanten fordern selten ihre Rechte ein

Regulierungen seien allerdings auch problematisch, meint Harro Honolka. "Sie können sich schnell nachteilig auswirken, wenn die Situation arbeitsrechtlich zu kompliziert wird. Den Betriebsräten kommt hier die wichtigere Aufgabe zu." Dabei ist die Situation rechtlich eigentlich klar. Ein Arbeitsverhältnis und kein Praktikum liegt vor, wenn nicht der Erwerb praktischer Kenntnisse im Vordergrund steht, sondern die Erbringung einer Arbeitsleistung.

Die Vertragsparteien können vereinbaren, dass die Arbeitsleistung unentgeltlich erbracht werden soll. Aber liegt ein auffälliges Missverhältnis zwischen Leistung und Gegenleistung nach § 138 II BGB vor, dann muss der Arbeitgeber den marktüblichen Lohn zahlen.

Der Haken: Es ist im Einzelfall schwer nachzuweisen, dass die Erbringung von Arbeitsleistungen den Erwerb von Kenntnissen überwiegt. Da zudem fast alle Praktika in der Hoffnung auf einen Job absolviert werden, wird kaum jemand seinen potenziellen Arbeitgeber verklagen.

Momentan absolviert Tina Richter wieder ein Praktikum. Allerdings hat Sie bereits einen Vertrag für eine befristete Stelle unterschrieben. Der Job war als solcher ausgeschrieben und das Praktikum eine Art zusätzlicher Probezeit. Es gibt also auch Hoffnung.

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