Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Digitale Weltverbesserer: Die Zukunfts-WG

Von

Ein schalldichtes Riesen-Ei zum Abschalten im Büro, für fünf Dollar die Wahrheit über sich selbst erfahren: In Berlin wohnen junge Menschen aus aller Welt zusammen und brüten über neuen Ideen und Produkten. Sie wollen die Arbeitswelt verändern - Großkonzerne warten schon.

"Palomar 5": Kreativ bis zum Umfallen Fotos

Einen "Ort für postfamiliäre Terrorzusammenhänge" hat Joschka Fischer einmal seine Wohngemeinschaft zu Frankfurter Sponti-Zeiten genannt. Denn in den WGs der siebziger Jahre wurde die Weltrevolution vorbereitet; jede Diskussion drehte sich schnell um das große Ganze, um Wahrheit, Gerechtigkeit, Zukunft. Nur scheiterte dann alles an der Frage: Wer wäscht ab?

Um das große Ganze, um Zukunft, Gerechtigkeit, Wahrheit geht es auch in einer WG in Berlin-Tempelhof, aber eher nebenbei. Es geht vor allem um die Fragen: Wie wollen wir arbeiten? Und wie lassen sich unsere Ideen vermarkten? 28 Designer, Firmengründer, Musikmanager, Künstler, Techniker, Banker leben hier zusammen in einer alten Brauerei, der Malzfabrik, wenn auch nur auf Zeit.

Für sechs Wochen sind sie angereist, aus Indien, Mexiko und Russland; insgesamt 13 Nationen sind hier vertreten. Die Teilnehmer wohnen dicht an dicht in Schlafkojen aus Spanplatten im ersten Stock, drei Quadratmeter Privatsphäre für jeden. Was sie eint: Alle sind unter 30, verstehen sich als Angehörige einer "digitalen Generation" und können sich nicht vorstellen, morgens ins Büro zu trotten, acht Stunden zu arbeiten und dann wieder nach Hause zu gehen.

Sie verstehen sich als "Do-Tank" - nicht als "Think-Tank"

Seit dem 9. Oktober entwerfen sie Pläne, wie sie die Arbeitswelt verändern können, entwickeln Programme und Geräte, um Entwicklungshilfe effizienter und Bürojobs angenehmer zu machen. Etwa eine Handy-Software zum Datensammeln oder einen digitalen Notizblock, der Geschriebenes per Kamera erfasst und in Daten umwandelt, egal ob man es an eine Wand gesprüht oder per Tastatur auf einen Bildschirm getippt hat. Manchmal kommt auch einfach eine Spielerei heraus. Leuchtstoffröhren, Holzlatten und einen Mini-Computer haben sie zu einer Art Riesendisplay verschraubt, auf dem Twitter-Nachrichten und SMS in metergroßen Buchstaben erscheinen.

Die Kernarbeitszeit geht von 12 Uhr mittags bis nachts um drei, sagt Jonathan Imme, 25, genannt Johny, gestreifte Kapuzenjacke, 751 ungelesene Mails im Googlemail-Postfach. Er und fünf seiner Freunde haben das alles organisiert, sie sind das Kernteam von "Palomar 5": Die Veranstaltung ist eine Mischung aus Klassenfahrt, Konferenz, Bastelstunde, Motivationstraining und Management-Seminar geworden. Sie verstehen sich als "Do-Tank", nicht als "Think-Tank", sagt Johny. Mehr machen, ohne weniger zu denken, das ist die Idee.

Im Internet suchten sie nach Bewerbern, über 600 meldeten sich an, 70 kamen in die engere Auswahl. Und nach Skype-Interviews wählten Johny und sein Team aus, wer einziehen darf.

"Der Konsens hat meine Idee getötet"

Die "Residents", wie sich die Teilnehmer nennen, sitzen auf dem Boden, einige barfuß. Akkuschrauber liegen herum, Laptops, Kabel, Adapter. Es sieht aus wie ein Werkraum, der dringend mal aufgeräumt werden müsste. Generalprobe für die Abschlussveranstaltung, den "Summit", zu dem sich für diesen Montag Manager großer Firmen angekündigt haben: von IBM, Google, Siemens, SAP, der Post und natürlich der Telekom, die als Hauptsponsor das meiste hier bezahlt.

Für den Konzern ist es ein Experiment, von dem man nicht sagen will, wie viel es kostet. "Wir haben den jungen Leuten ein Budget gegeben, das sie selbstverantwortlich verwalten können", sagt ein Sprecher. Es dürfte einiges sein. Jedenfalls hat es gereicht, die Teilnehmer einfliegen zu lassen, die Räume zu mieten, Werkzeug, Computer, Catering zu bezahlen. Und wenn jemand im Camp etwas braucht, bekommt er es innerhalb von 48 Stunden, sagt Johny Imme, "solange es finanziell darstellbar ist".

Da werden Grafiker rantelefoniert, Experten für E-Paper, Programmierer und Modellbauer. Hauptsache, eine Idee erwacht schnell zum Leben und wird zu einem konkreten Prototyp. Andere Ideen werden rituell beerdigt, als farbige Klebezettel auf einem weißen Pappkreuz mit der Aufschrift: "Consensus killed my idea" - "der Konsens hat meine Idee getötet".

"Wann hattet ihr euren letzten Zen-Moment?"

Die Sponsoren können hier beobachten, wie die Zielgruppe tickt. Und bekommen ein paar Produktideen, die sich vielleicht verwirklichen lassen. Ein Problem hat Johny Imme damit nicht: "Wir sind keine Kunstwerkstatt. Das alles macht nur Sinn, wenn wir die Wirtschaft mit unseren Ideen infizieren." Dazu sagt er schnell, dass einige seiner Kollegen "sozialgetriebener" seien als er, der Wirtschaftsnahe. Häufig diskutieren sie über Social Business und ob sich Geldverdienen und Gutes tun vereinbaren lassen.

Auf der Bühne preist Brad Morris, 25, aus Kanada, gerade seine Idee an: ein zwei Meter hohes ovales Etwas, das er einfach "the egg" nennt, das Ei. "Wann hattet ihr euren letzten Zen-Moment", fragt Brad, "einen Moment absoluter Ruhe?" Schon mit Anfang 20 hatte Brad sich selbstständig gemacht, mit einer Firma, die T-Shirts mit Aufdrucken zu Bier, Autos und Frauen vertrieb. "Ich wurde zu jemand, der ich nicht sein wollte", sagt er. Also änderte er sein Leben, entdeckte Yoga und Meditation und verdient heute Geld, indem er Managern beibringt, zur Ruhe zu kommen. Eine Art Entspannungscoach.

Das Ei, das Brad zusammen mit anderen Residents gebaut hat, ist der Prototyp für eine kleine, schalldichte Kammer, die man sich ins Büro oder ins Wohnzimmer stellen soll und in die man sich zum Meditieren und Ausruhen zurückziehen kann. Es gibt einen selbstgedrehten Werbe-Spot dazu, das kommt auch bei den "Realitycheckern" gut an. So heißen hier Manager und Trainer, die sich alle paar Wochen die Ideen präsentieren lassen. Jetzt, in der Schlussphase, geht es nicht mehr um grundlegende Kritik, sondern ums Feilen an der Darstellung.

Die Wahrheit kostet mündlich fünf Dollar, schriftlich sieben Dollar

Für die Wahrheit unter den Residents ist Zeesy Powers zuständig, auch sie aus Kanada. Ihr Projekt heißt "Total Honesty" und funktioniert ziemlich einfach: "Für fünf Dollar sage ich Dir ehrlich, was ich über Dich denke, für zwei Dollar mehr schreibe ich es auf." Man kann ihr ein Foto per Mail schicken oder sie via Skype erreichen. Jetzt erklärt sie Brad auf der Bühne, was sie von seinen langen Haaren hält (wenig) und dass sie glaubt, er sei noch ziemlich unentschieden, was sein Outfit angehe.

So sehr sie alle schwärmen, wie viel Spaß es ihnen macht, wie produktiv sie sind - so anstrengend ist es auch, das enge Zusammenleben und die viele Arbeit, vor allem für das Kernteam. Johny Imme ist schon schwer angeschlagen, eine Hand hat er sich gebrochen, kurz vor Schluss hat ihn noch eine Grippe erwischt. "Bis auf drei Tage zu surfen, habe ich in diesem Jahr noch keinen Urlaub gemacht", sagt er.

Doch die größte Hürde hat die WG der digitalen Weltverbesserer schon während der ersten Tage gemeistert. Weil überall schmutzige Teller und Gläser herumstanden, und sich immer dieselben Leute um den Abwasch kümmerten, wurden Tischdienste eingeteilt. Jetzt muss nur noch der Rest klappen.

Diesen Artikel...
Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. ...
Newspeak, 23.11.2009
Toll. Sich freiwillig in die Abhängigkeit von Großkonzernen begeben und dann noch glauben, die Welt verbessern zu können. Wie naiv ist das denn? Und daß die Leute alle unter 30 sind, hat auch wenig zu sagen. Manche sind mit 18 schon geistig veraltet.
2. Warten wir mal ab
Ein netter Netter 23.11.2009
Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wie ein Spielverderber anhöre, aber ich warte lieber erstmal ab, wie gut diese Ideen wirklich sind, und wie sehr sie "unsere Arbeitswelt" wirklich verändern werden. Ich sehe in dem Palomar 5 Projekt nichts Neues, oder gar Bahnbrechendes. Was ich sehe, sind jungle Leute, die irgendwie alles anders machen wollen, besser machen wollen, aber augenscheinlich selbst schon in ihren szenetypischen Klischees verhaftet sind (Bärte, Schals, und Bionade). Junge Leute sollen träumen dürfen, aber eine etwas weniger aufgeregte Berichterstattung über diese Träumereien würde der Wichtigkeit eher gerecht werden. Über diese etwas aus dem Gleichgewicht geratene Berichterstattung wurde übrigens auch schon sehr amüsant in meinem Lieblingsblog geschrieben: http://www.ichwerdeeinberliner.com/21-keeping-up-with-the-news
3. Bitte geben Sie endlich einen Titel an!
Suppenkoch, 23.11.2009
Da kann ich mir doch ein Grinsen nicht verkneifen. Da toben sich mal wieder "Künstler" und "Kreative" aus, die nie einen Großkonzern von innen gesehen haben, geschweige denn etwas über Arbeitskultur wissen, irgend jemand findet das dann alles "ganz wahnsinnig toll" und "so erfrischend" - und das war es dann auch. Vielleicht übernimmt mal die eine oder andere kleine Firma eine Idee, aber in Großkonzernen dürften sich viele Sachen überhaupt nicht durchsetzen: viel zu teuer, Mitarbeiter lassen sich dann nicht mehr so gut kontrollieren, hat ja keinen messbaren Mehrwert. Wenn schon hauseigene "Werte-Programme" von manchen Chefs mit Füssen getreten werden oder Mitarbeiter mit 40 Stunden Wochen als Minderleister gelten, dann braucht man auch keine "Eier", um sich zurückzuziehen, dann haben eh die meisten Mitarbeiter bereits mit ihrer Firma abgeschlossen und wandern nur als Hülle umher.
4. New Economy Reloaded
prefec2 23.11.2009
Beim Durchlesen des Artikels ist mir nur aufgefallen, dass sich da ein paar jüngere Leute treffen um New Economy zu spielen. Wenn auch nur für 6 Wochen. Dass bei einer solchen Gruppe der Tag erst um 12 anfängt ist zwar eine schöne Anekdote. Aber ehrlich. Who cares? Und die Besetzung sowie ihre Sponsoren lassen darauf deuten, dass es nicht darum geht herauszufinden wie wir morgen arbeiten und leben. Nein es geht darum wie wir unser kaputtes System in die Zukunft verlängern. Dabei habe nwir schon in den 1990 Jahren probiert Arbeit und Freizeit zu verquicken. Das hat aber nicht funktioniert wenn man sich die ganzen ausgebrannten nach der Blase mal angesehen hat. Man muss Menschen Zeit zum regenerieren geben. Und da die meisten das nicht selbst merken wann das ist, ist die Erfindung des Feierabends und des 8 Stunden-Tags gold wert. Man kann natürlich mehr arbeiten. Aber 1. wird es dadurch nicht besser (meist schlechter) und 2. ist das ineffizient. Das wurde nun auch schon mehrmals nachgewiesen. Selbst die alten Hebräer hatten schon erkannt, dass Regeneration in einem festen Rhythmus dem Menschen zuträglich ist. Sie nannten das dan Sabbat. Heute heißt das Wochenende. Und es ist herzlich egal wann man nun Wochenende macht. Aber dafür braucht man kein Kreativen-Treffen um das herauszufinden. Dass Wasser naß ist sollte hinlänglich bekannt sein. Zudem die Frage wie wir in Zukunft arbeiten lässt sich kaum von Produkt-Designern erklären. Auch Ingenieure taugen dafür nur begrenzt. Werbemenschen und Banker. Ich lach mich Tod. Gerade die letzten beiden Gruppen sind am weitesten von den Menschen entkoppelt. Wir werden in den nächsten Jahren nicht alle in einem Büro arbeiten. Wenn ich mir die Favelas Lateinamerikas oder die Townships in Südafrika ansehe und dann lese, dass die "Kreativen" darüber nachdenken ob man wohl so ein Ruheei braucht... Wie weit neben der Realität kann man eigentlich noch stehen. Das ganze ist nichts als eine Veranstaltung von Informationsarbeitern für Informationsarbeiter. Der Rest der Welt taucht da nicht auf. Allerdings eines scheinen sie schon erkannt zu haben. Man muss seinen Dreck wegräumen. Und wenn es nicht immer die selben teffen soll (Ausbeutung) dann muss man Regeln schaffen, die für einen fairen Ausgleich sorgen. Das allerdings kann man in jeder WG lernen (wenn gleich in Zweck-WGs nur begrenzt).
5. WG für 6 Wochen
prefec2 23.11.2009
Nun ja Papier ist teuer. Und es zeigt, dass sie erstens herausgefunden haben, dass man gemeinsame Regeln braucht in einer Gemeinschaft. Das ist etwas was wir in unserer WG in den ersten Wochen auch gelernt haben (wir haben uns dann auch eine Spülmaschine angeschafft, eigentlich ganz logisch für eine 5-6 köpfige Familie). Was sie auch gelernt haben ist, dass Regeln nur was bringen wenn sich alle meistens dran halten. Dem Geschirrberg nach zu urteilen haben sie aber noch nicht gelernt, dass dies bedeutet, dass jeder auch tatsächlich die Regeln umsetzen muss. Ein erster Lösungsversuch dieses 2. Problems war wohl die bessere Kenntlichmachung. Aber die scheint nicht funktioniert zu haben. Manchmal helfen da ja Sanktionen: Wer seinen Dreck nicht wegräumt bekommt ihn in sein Bett/Schlafsack gekippt. Oder auch: Wer nicht putzt zahlt die Reinigungsfachkraft.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
"Coworking Spaces": Kreativszene im Betahaus

Fotostrecke
Müll und Poesie: Stimmungsbarometer WG-Kühlschrank
Schwindel dich durchs WG-Casting! Du verpasst kein Fußballspiel? Kochst gern für alle? Hast drei Computer? Was eine WG bejubelt, kann in der nächsten total falsch sein. Finde heraus, wie du punktest - im WG-Casting-Quiz .

Fotostrecke
Gute Zeiten, Uni-Zeiten: Der Kühlschrank lebt!