Doktorarbeit zum Lassa-Virus: Das Leben hängt am Gartenschlauch
Ihr Arbeitsplatz ist ein Hochsicherheitslabor, ihre Arbeitskleidung ein Spezialanzug: Die Hamburger Doktorandin Michaela Lelke experimentiert mit tödlichen Viren. Das ist nicht einfach - vor allem, wenn man aufgepumpt ist wie ein Michelin-Männchen.
Michaela Lelke, 29, duscht gern mit Essigsäure. Wenn sie in der engen Duschkabine steht und die Säure auf ihren weißen Plastikanzug prasselt, hat sie ihre Arbeit hinter und eine Pause vor sich. Dann kann sie wieder ihre Füße sehen und sich setzen, ohne Angst zu haben, den Stuhl nicht zu treffen.
Mit dem Sicherheitsanzug ist Michaela dick wie ein Michelin-Männchen. Sie kann Arme und Beine kaum bewegen, sich nicht kratzen, ihre Haare nicht aus dem Gesicht streichen. Der Anzug hüllt sie komplett ein. Um den Kopf herum ist er durchsichtig, an den Beinen geht er in gelbe Gummistiefel über, an den Händen in grüne Gummihandschuhe. Drei Monate lang hat sie geübt, den Anzug zu ignorieren und mit Pipette und schmalen Plastikröhrchen, sogenannten Eppis, zu hantieren, als ob nichts wäre.
Jeder Handgriff muss sitzen, denn Michaela experimentiert für ihre Dissertation mit dem Lassa-Virus. Es wird durch Mäuse, durch Tröpfchen- oder Wundinfektion übertragen, Infizierte können von innen verbluten. Die Biochemikerin forscht am vor mehr als 100 Jahren gegründeten Bernhard-Nocht-Institut mit Blick über den Hamburger Hafen. Es ist das größte deutsche Institut für Tropenmedizin mit rund 400 Mitarbeitern, die Krankheitserreger von Malaria bis zum Ebola-Virus erforschen.
Wenn die Luft ausgeht, wird es heiß im Anzug
Als Doktorandin beschäftigt sich Michaela Lelke mit dem Lassafieber, das vor allem im Westen Afrikas auftritt, ausgelöst durch ein gefährliches Virus. Im Hochsicherheitslabor des Bernhard-Nocht-Instituts hängt Michaelas Leben an einem Gartenschlauch. Einem hellgrünen, den es in jedem Baumarkt zu kaufen gibt. Er kommt wie ein dünner Schwanz auf Hüfthöhe aus ihrem Anzug und versorgt sie mit Luft zum Atmen. Der Druck in den Anzügen ist höher als im Labor, selbst wenn sie reißen, sind die Forscher durch die hinaus strömende Luft geschützt. Unter jedem Tisch gibt es einen silberfarbenen Hahn, an den Michaela ihren Sauerstoffschlauch anschließen muss.
Der Schlauch ist nur einen Meter lang. Will Michaela sich weiter entfernen, muss sie umstöpseln. Für den Weg vom einen zum anderen Tisch darf sie nicht mehr als zehn Minuten brauchen. Sonst geht ihr die Luft aus. "Man merkt das daran, dass einem so heiß wird", sagt Michaela.
Das Labor ist sehr eng, maximal drei Leute passen hinein. Auch zu zweit kann es passieren, dass ein Michelin-Männchen im Vorbeigehen die Sauerstoffzufuhr des anderen abdreht - die langen Hebel der Sauerstoffhähne bewegen sich leicht. "Durch den dicken Anzug kriegt man das gar nicht mit", sagt Michaela. Auch sie hat schon eine Kollegin ins Schwitzen gebracht.
Die Ecken ihres durchsichtigen Plastikhelms hat Michaela mit Klebestreifen verstärkt. "Das ist mehr so ein Aberglaube", sagt sie und lacht. "Den Anzug bekommt man eigentlich nicht klein." Sich den Sauerstoffschlauch abzureißen wie im Hollywood-Streifen "Outbreak" mit Dustin Hoffman, sei unmöglich.
Ohne Aufpasser geht nichts
"Ich habe keine Angst im Labor", sagt die Doktorandin. Eigentlich könne auch gar nichts passieren, außer, dass man sich mit einer kontaminierten Nadel steche. Das passierte vor knapp einem Jahr einer Kollegin. Sie verletzte sich bei einem Maus-Experiment mit einer Spritze, die Ebola-Viren enthielt. Zum Glück steckte sie sich nicht an: Nach zwei Wochen auf der Isolierstation im Krankenhaus durfte sie wieder nach Hause - und zurück ins Labor.
Dort können sich die Wissenschaftler nur per Funk unterhalten. Im Kopfteil des Anzugs ist es durch die hereinströmende Luft laut wie auf einem Flugplatz. "Der Lärm ist eigentlich das Schlimmste", sagt Michaela. Maximal zwei Stunden hält sie ihn aus. Bei der Arbeit trägt sie ein Headset, zwei Gegenstücke muss sie Kollegen auf die Ohren setzen, bevor sie ins Labor geht. Das ist Vorschrift. "Oft ist das Schwierigste am ganzen Versuch, zwei Aufsichtspersonen zu finden", sagt sie. Denn zwei Leute müssen ständig per Funk mit dem Forscher im Labor verbunden sein, einer von beiden muss sich im Hochsicherheitslabor auskennen. Und das trifft außer auf Michaela nur noch auf neun andere Wissenschaftler am Bernhard-Nocht-Institut zu.
Michaela hat eine Ausbildung zur Chemielaborantin gemacht und danach in Hamburg Biochemie studiert, seit drei Jahren darf sie den Schlüssel zum Hochsicherheitslabor aus dem Büro ihres Doktorvaters nehmen. Dort hängt auch ein kleiner Bildschirm an der Wand, auf dem man sehen kann, was im Labor im Keller passiert.
350 Mutanten in eineinhalb Jahren
Schon in ihrer Diplomarbeit beschäftigte sich Michaela mit dem Lassa-Virus, damals durfte sie aber nur an harmlosen Varianten forschen. Ohne Hochschulabschluss bekommt hier niemand ein Killervirus unters Mikroskop.
Gegen das Lassafieber gibt es bereits ein Medikament. Es wirkt aber nur, wenn es dem Infizierten sofort gegeben wird. Und da die Symptome Kopf- und Gliederschmerzen, Übelkeit und Fieber ähnlich sind wie bei vielen anderen Krankheiten, kommt die Diagnose oft zu spät. Michaela sucht eine Schwachstelle im Virus, genauer gesagt in einem Protein, das das Virus mit in die menschliche Zelle bringt. Hunderte Aminosäuren hat sie schon ausgetauscht, 350 Mutanten erstellt, eineinhalb Jahre brauchte sie dafür. Jetzt weiß sie, wie das Protein tickt. Wie sie es kaputt machen kann, weiß sie noch nicht.
Dafür müsste sie die von ihr veränderten Proteine in das Lassa-Virus einbauen. Genmanipulierte Viren sind unberechenbar, deshalb dürfen sie nur in einem Labor der Schutzstufe S4 hergestellt werden. Im Bernhard-Nocht-Institut wurde 1982 das erste S4-Labor in Europa errichtet, doch es genügt den neuen, gentechnischen Sicherheitsstandards nicht mehr.
Die Lösung für Michaelas Problem liegt aber nur wenige Meter entfernt, im Neubau des Bernhard-Nocht-Instituts. Dort wurde vor einigen Monaten für 30 Millionen Euro ein 120 Quadratmeter großes Hochsicherheitslabor der Schutzstufe S4 fertig gestellt. Noch arbeitet niemand darin. "Dafür müssen wir alle wieder neu trainieren", sagt Michaela. Denn Gartenschläuche und Schlauchkupplungen aus dem Baumarkt gibt es dort nicht mehr.
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