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Dramatische Akademiker-Studie: Merkels Bildungsweise schlagen Alarm

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Der Bundesrepublik fehlen in Kürze Zehntausende Akademiker. Das geht aus einem Gutachten für die Regierung hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Studienautoren empfehlen eine Radikalreform: Die Unis sollen für Gesellen und ältere Arbeitnehmer ohne Abitur geöffnet werden.

Hörsaal (an der Uni Freiburg): Was ist aus der "Bildungsrepublik" geworden? Zur Großansicht
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Hörsaal (an der Uni Freiburg): Was ist aus der "Bildungsrepublik" geworden?

Führende Bildungsexperten stellen Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Regierung ein miserables Zeugnis aus. Beim Thema Weiterbildung schlagen die sonst eher diplomatischen Wissenschaftler sogar regelrecht Alarm. Das geht aus einem Gutachten über die Innovationsfähigkeit des Landes hervor, das der Kanzlerin an diesem Mittwoch übergeben wird und das SPIEGEL ONLINE vorliegt.

Das Besondere daran: Es ist Merkels eigenes Expertengremium, das so massive Kritik äußert. Dabei hatte die Kanzlerin einst die "Bildungsrepublik" Deutschland ausgerufen. Doch Erfolge kann sie kaum verzeichnen.

Das Gutachten haben die sechs sogenannten Forschungsweisen erstellt. Außer einigem Positivem ist in dem Papier eine scharfe Mahnung erhalten: Deutschland solle schnellstmöglich die Hochschulen für anspruchsvolle Weiterbildungen von Auszubildenden und älteren Arbeitnehmer öffnen. Grund ist die massenhafte Verrentung von Akademikern, die unmittelbar bevorsteht. Mit anderen Worten: Deutschland gehen die Akademiker aus, wenn nicht radikal gegengesteuert wird.

Die "Expertenkommission Forschung und Innovation" ist 2006 berufen worden, sie ist so etwas wie der Rat der Wirtschaftsweisen, nur eben für die Wissenschaft. Sie geben der Kanzlerin "Handlungsempfehlungen zur Weiterentwicklung des deutschen Forschungs- und Innovationssystems". Bislang waren die Berichte stets lobend und gefällig im Ton gehalten. Diesmal hat sich das deutlich geändert.

Der Grund ist nicht die Forschung im engeren Sinne, sondern die Ausbildung: "Der Innovationsstandort Deutschland droht Schaden zu nehmen, wenn die Bundesregierung es nicht schafft, das deutsche Ausbildungssystem zu verbessern", warnen die Gutachter, darunter die Wirtschaftswissenschaftler Dietmar Harhoff von der LMU München und Uschi Backes-Gellner von der Uni Zürich. "Es muss zügig und mit Nachdruck alles getan werden, um brachliegendes Potential zu fördern."

Ausreden ziehen nicht mehr

Das ist für den Stil der sechs Experten aus Zürich, München, Singapur, Straßburg und Hohenheim ein beinahe dramatischer Appell. Denn Deutschlands Achillesferse ist der viel zu geringe und zu langsame Zuwachs bei den Hochqualifizierten - der berühmte Fachkräftemangel.

Obwohl die Zahl der Hochschulabsolventen eines Jahrgangs seit dem Jahr 2000 von 18 auf 25 Prozent gestiegen ist, fällt Deutschland international zurück. In den Mitgliedstaaten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) sprang die Zahl der Examinierten in der gleichen Zeit von 28 auf 38 Prozent. Dabei braucht Deutschland dringend Highpotentials, vor allem Maschinenbauer, Ingenieure und die überall gefragten Informatiker - darauf weisen auch die Regierungsberater in ihrem Gutachten hin.

Bisher hatte sich die Bundesregierung bei ähnlichen Befunden und kritischen Studien wie Pisa stets mit dem dualen Ausbildungssystem herausgeredet. Ihre Argumentation: Weil Lehrlinge in Deutschland sehr gut ausgebildet werden, sei es nicht redlich, international nur die Akademiker-Zahl zu vergleichen. Zwar loben auch Merkels Innovationsberater das deutsche Azubi-Wesen, das Lehrlinge in Berufsschule und Betrieb ausbildet. Aber sie sagen gleichzeitig, dass das nicht mehr ausreicht. Deshalb gelte es, "die Flexibilität des deutschen Bildungssystems zu erhöhen". Das heißt im Klartext: Ausgelernte Azubis und Über-40-Jährige sollen die Möglichkeit haben, an den Hochschulen zu studieren - auch ohne Abitur.

Gehört die Zukunft Studenten ohne Abitur?

Die Mauern zwischen beruflicher und akademischer Bildung einzureißen - das ist keine ganz neue Forderung. Doch jetzt sind es nicht mehr unabhängige Institute oder die ferne OECD in Paris. Es sind die sechs Forschungsweisen des Kabinetts, aus deren Gutachten sich die Forderung nach einer Gesellen- und Weiterbildungsuni ableiten lässt.

Doch bislang wehren sich die Unis dagegen, sich zu einer Art gehobener Volkshochschule zu wandeln. Sie nehmen nur knapp über zwei Prozent "nicht traditioneller Studenten" auf, das sind Studenten ohne Abitur.

Das passt den Gutachtern nicht. Sie prophezeien, der Druck auf das Hochschulsystem werde steigen, attraktive Angebote für eine akademisch fundierte Weiterbildung einzurichten. "Auf diese Herausforderung ist Deutschland derzeit noch nicht gut vorbereitet." Die Hochschulen müssten ihre neue "Rolle und Mission" entschieden annehmen, und die heißt: "Weiterbildung von Bildungsaufsteigern" und Einrichtung "berufsbegleitender Teilzeitstudiengänge". Dass die Gutachter nicht ganz falsch liegen, zeigt sich daran, dass auch die Unternehmen beginnen, Arbeitnehmer über 40 gezielter fortzubilden.

Experten aus der Bildungsforschung und der Stiftungsszene begrüßen den Bericht - mit mahnendem Zeigefinger. "Schulen, Betriebe und Hochschulen müssen deutlich mehr als bisher dafür tun, dass weniger junge Menschen ihre Ausbildung oder ihr Studium abbrechen. Das ist eine Riesenherausforderung, die nicht über Nacht bewältigt werden kann", sagt etwa der Vorsitzende der Telekomstiftung, Klaus Kinkel. Er fordert, dass "alle Akteure im Bildungssystem an einem Strang ziehen. Es darf keinerlei Kooperationsverbote, sondern es muss vielmehr ein Kooperationsgebot geben". Damit spielt er darauf an, dass seit der Föderalismusreform 2006 der Bund bei der Bildung nicht mehr mit den Ländern zusammenarbeiten darf.

Auch die sechs Forschungsweisen bestehen in ihrem neuen Gutachten darauf, das Kooperationsverbot rückgängig zu machen. "Der Bund muss Hochschulen wieder institutionell (als Einrichtungen) fördern dürfen. Dazu ist eine Änderung des Artikels 91b Grundgesetz erforderlich", schreiben sie.

Das allerdings hatten die Experten bereits in ihrem Bericht vom vergangenen Jahr gefordert. Damals mahnten sie, das Kooperationsverbot blockiere die Entwicklung des Landes. Außerdem griffen sie die Kultusministerkonferenz an - die Runde sei ausdrücklich "kein Innovationsgremium".

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1. Wie kann das sein?
michaelmuench 29.02.2012
Zitat von sysopDPADer Bundesrepublik fehlen in Kürze Zehntausende Akademiker. Das geht aus einem Gutachten für die Regierung hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Studienautoren empfehlen eine Radikalreform: Die Unis sollen für Gesellen und ältere Arbeitnehmer ohne Abitur geöffnet werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,817938,00.html
Ich bin zwar kein Student kann mir aber trotzdem nicht erklären wie es zu einem Mangel an Akademikern kommen soll. Heutzutage schafft es doch fast jedes Kind aufs Gymnasium und die Realschüler machen auch alle auf einem WG oder TG weiter. Fast jeder Schüler geht studieren und wird somit Akademiker. Die Unis in ganz Deutschland sind überfüllt, besonders Studiengänge wie Jura, Medizin und Maschinenbau sind randvoll und die Hörsäle platzen aus alles Nähten. An diesem Bericht kann doch irgendetwas nicht stimmen?!
2.
rolf_blanck 29.02.2012
Zitat von michaelmuenchIch bin zwar kein Student kann mir aber trotzdem nicht erklären wie es zu einem Mangel an Akademikern kommen soll. Heutzutage schafft es doch fast jedes Kind aufs Gymnasium und die Realschüler machen auch alle auf einem WG oder TG weiter. Fast jeder Schüler geht studieren und wird somit Akademiker. Die Unis in ganz Deutschland sind überfüllt, besonders Studiengänge wie Jura, Medizin und Maschinenbau sind randvoll und die Hörsäle platzen aus alles Nähten. An diesem Bericht kann doch irgendetwas nicht stimmen?!
3. Richtig!
tlogor 29.02.2012
Zitat von michaelmuenchIch bin zwar kein Student kann mir aber trotzdem nicht erklären wie es zu einem Mangel an Akademikern kommen soll. Heutzutage schafft es doch fast jedes Kind aufs Gymnasium und die Realschüler machen auch alle auf einem WG oder TG weiter. Fast jeder Schüler geht studieren und wird somit Akademiker. Die Unis in ganz Deutschland sind überfüllt, besonders Studiengänge wie Jura, Medizin und Maschinenbau sind randvoll und die Hörsäle platzen aus alles Nähten. An diesem Bericht kann doch irgendetwas nicht stimmen?!
Es geht von Arbeitnehmerseite immer darum, möglichst in allen Sparten ein Überangebot von Arbeitskräften haben zu wollen. In diesen Kontext muss man die Studie einordnen. Im Übrigen finde ich, dass für ein Hochschulstudium gewisse Mindestanforderungen zu gelten haben. Bei den derzeitigen Anforderungen fürs Abitur, tummeln sich schon genügend Flachpfeiffen an den Unis. Und jetzt will man die Anforderungen noch absenken. Das ist unglaublich.
4. 29. Februar, der neue 1. April
cassandros 29.02.2012
Zitat von sysopDPADer Bundesrepublik fehlen in Kürze Zehntausende Akademiker. Das geht aus einem Gutachten für die Regierung hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Studienautoren empfehlen eine Radikalreform: Die Unis sollen für Gesellen und ältere Arbeitnehmer ohne Abitur geöffnet werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,817938,00.html
*Noch schlimmer: der Nordsee geht das Wasser aus!*
5.
Motormaul 29.02.2012
Zitat von sysopDPADer Bundesrepublik fehlen in Kürze Zehntausende Akademiker. Das geht aus einem Gutachten für die Regierung hervor, das SPIEGEL ONLINE vorliegt. Die Studienautoren empfehlen eine Radikalreform: Die Unis sollen für Gesellen und ältere Arbeitnehmer ohne Abitur geöffnet werden. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,817938,00.html
Wie meinen? Anstatt Leute ohne Abitur in die Hochschulen zu lassen und damit IMO den Bildungsstandard zu senken, sollte die Regierung lieber daran arbeiten, Akademiker nach DE zu locken oder zumindest versuchen die Akademiker die schon (oder noch?) hier sind nicht ständig zu vergraulen und quasi in das Ausland zu verjagen.
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