Ein Leben in Nebenjobs: "Es soll wenigstens Spaß machen"

Anne Köhler hat keinen Beruf, jedenfalls keinen, der ihr die Miete einbringt. Die 32-jährige Berlinerin schlägt sich wie viele Künstler mit Nebenjobs durch. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt sie, wie daraus ihr erstes Buch wurde.

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Nebenjob-Expertin Köhler: Nie wieder gehobene Hotellerie

SPIEGEL ONLINE: Eigentlich wollen Sie schreiben, verdienen damit aber nicht genug Geld. Jetzt haben Sie ausgerechnet über Ihre Nebenjobs Ihr erstes Buch geschrieben.

Köhler: Das ist doch schön: Ich habe diese Nebenjobs gemacht, als Kellnerin gearbeitet, als Bürodame, Lektorin, habe Events geplant und so weiter. Da hatte ich dann zwar erst mal nur noch wenig Zeit, um an meinen eigenen Texten zu schreiben. Dafür hatte ich plötzlich ganz viele tolle Geschichten.

SPIEGEL ONLINE: Sie hangeln sich seit zwölf Jahren von Nebenjob zu Nebenjob, nervt das nicht langsam?

Köhler: Ich finde die Abwechslung eigentlich ganz gut. Nur besser bezahlt sollten Nebenjobs sein, damit man nicht am Rande der Geldlosigkeit existiert. Wenn man in der Silvesternacht für fünf Euro pro Stunde Gläser schleppt und sich trotzdem noch Sorgen um seine Miete machen muss, ist man natürlich alles andere als glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Was war Ihr schlimmster Job?

Köhler: Ich möchte nie wieder in der gehobenen Hotellerie als Kellnerin arbeiten. Das war schrecklich: Mit "Yes I can"-Button und aufgesetztem Lächeln Leuten Alkohol einschenken, die immer betrunkener und dreister werden.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben viermal angefangen zu studieren: Kunstgeschichte an der FU Berlin, Architektur an der TU, allerhand an der HU und schließlich Kulturwissenschaften in Hildesheim, dazu die Nebenjobs - eine wahre Odyssee. Trotzdem klingt das Buch, als seien Sie ganz zufrieden.

Köhler: Das Buch ist ein Rückblick. Hätte ich diese Geschichten geschrieben, während ich die Jobs noch gemacht habe, hätten sie gar nicht so komisch sein können. Ich habe versucht, einen positiven Nutzen aus alldem zu ziehen.

SPIEGEL ONLINE: Hat Ihnen ein Brotjob auch mal Spaß gemacht?

Köhler: Klar, am meisten das Kochen. Jemand kommt, hat Hunger, man kocht ihm etwas und im besten Fall ist er dann zufrieden und satt. Das ist eine handfeste Tätigkeit, die jeden Tag von Neuem anfängt - ein guter Ausgleich zur Arbeit an einem Manuskript. Das kann ja auch ermüdend sein.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben sich aber erst im Nachhinein mit den Nebenjobs angefreundet?

Köhler: Sagen wir lieber ausgesöhnt. Mir hat das prekäre Arbeiten oft furchtbare Angst gemacht. Das ist manchmal heute noch so. Mittlerweile sehe ich es ein bisschen lockerer, weil ich weiß, wo ich kleine Aufträge herbekomme, wenn ich dringend Geld brauche. Natürlich habe ich Zweifel, ob das alles gutgeht. Es sind dann ja auch eher tragikomische Geschichten geworden.

SPIEGEL ONLINE: Themen wie Altersvorsorge oder Familie kommen im Buch nicht vor.

Köhler: Bei dem Wort Altersvorsorge wird mir ein bisschen schlecht. Sowas blende ich aus. Man steckt sich die Ziele ja erst mal klein. Es geht darum, die Miete zu bezahlen, das Essen zu verdienen, überhaupt mal eine Versicherung zu haben. Aber ein politisches Sorgenbuch wollte ich nicht schreiben.

SPIEGEL ONLINE: Und in Wirklichkeit?

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Köhler: Ich fühle mich wesentlich besser, seitdem ich eine Haftpflichtversicherung habe. Das ist noch gar nicht so lange her. Ein bisschen mehr Sicherheit für die Zukunft wäre nicht schlecht. Aber ich habe auch festgestellt: Bisher kam ich ganz gut ohne das alles zurecht.

SPIEGEL ONLINE: Wofür verzichten Sie denn auf einen Job mit mehr Sicherheit?

Köhler: Ich nenne es immer: Dings. Manchmal sage ich auch Romandings, da können sich viele mehr drunter vorstellen. Aber ich rede da nicht so gerne drüber, weil das noch immer nicht fertig ist. Es ist meist besser, über Sachen zu reden, die man tatsächlich geschafft hat.

SPIEGEL ONLINE: Deswegen nennen Sie das Schreiben Ihre Arbeit, auch wenn Sie damit nicht genug Geld verdienen?

Köhler: Leider wird Arbeit oft mit Pflicht gleichgesetzt, was immer den Beigeschmack von Zwang hat - das bedeutet aber ja nicht, dass Arbeit nicht auch Freude machen kann. Ich glaube, dass leider viel zu viele Leute einen Beruf ausüben, der ihnen nicht gefällt.

SPIEGEL ONLINE: Wenn Sie zwölf Jahre zurückdenken, was für einen Tipp würden Sie sich mit auf den Weg geben?

Köhler: Ich würde generell jedem raten, sich selber nicht zu ernst zu nehmen. Viele Sachen sind am Ende doch zu etwas gut. In den letzten zwölf Jahren habe ich das oft als Scheitern empfunden, diese ganzen befristeten Aushilfsjobs. Wenn ich heute zurückblicke, habe ich doch auch einiges durch sie dazugewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie gerade bezahlte Arbeit?

Köhler: Nein, ich hebe die Hand an die Stirn und halte Ausschau. Ein paar sorgenfreie Wochen habe ich noch.

SPIEGEL ONLINE: Was für ein Job wird es diesmal?

Köhler: Weiß ich noch nicht. Mit Kochen habe ich bisher am wenigsten verdient, trotzdem hat mir das am allermeisten gefallen. Ob man jetzt wenig verdient oder ganz wenig - das macht auch keinen großen Unterschied. Dann soll es wenigstens Spaß machen.

Das Interview führte Ole Reißmann

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insgesamt 38 Beiträge
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1. Kunst kommt ja von Können
zx6 04.10.2010
Was kann sie denn? Das ist mir persönlich jetzt aus dem Artikel noch nicht so genau klargeworden.
2. i.m.h.o.
autocrator 04.10.2010
prekäres Arbeiten wird, so fürchte ich, noch massiv ausgeweitet werden. Es ist ja auch der einfachste und bequemste weg für arbeitgeber, kosten zu senken und eigene gewinne zu maximieren. unweigerlich wird dies aber zu einem einstellungswechsel bei den arbeitnehmern führen: fehlende sicherheit und zukunftsplanbarkeit wird eingetauscht gegen "spass am job im hier und jetzt". Wer leute am existenzminimum bezahlt, dieses aber durch hartz4 abgesichert ist, muss sich nicht wundern, wenn das prekariat sich sagt "das mache ich nur mit, solange es mir spass macht". Das schöne ist: Derzeit läuft deuschlandesh in eine finanzielle rentenkatastrophe hinein. Platt gesagt: wer so dumm ist, jetzt noch in die rentenkasse einzubezahlen kann sich gleich auf den marktplatz stellen und sein geld öffentlich verbrennen. Vor diesem, hintergrund der fehlenden sicherheit und zukunftsplanbarkeit ist es vielleicht gar nichtmal das schlechteste lebenskonzept, im hier und jetzt seinen spass zu suchen.
3. Mein Profil
air plane 04.10.2010
Zitat von sysopAnne Köhler hat keinen Beruf, jedenfalls keinen, der ihr die Miete einbringt. Die 32-jährige Berlinerin schlägt sich wie viele Künstler mit Nebenjobs durch. Im Interview mit SPIEGEL ONLINE erzählt sie, wie daraus ihr erstes Buch wurde. http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,720177,00.html
ein massenphänomen. meiner ansicht nach ein versagen der pädagogen in deutschland. warum können sie bei den jungen menschen keine begeisterung für die zukunft wecken, die schüler begeistern für zb. ingenieursberufe oder naturwissenschaften? oder für die familie? so wie das in den usa geschieht, dieser spirit fehlt. kein wunder, wenn wir hier die straßen pflastern können mit orientierungslosen webdesigner-assistenten, aber wirklich benötigte fachkräfte aus dem aussland anwerben müssen. es ist eine tragödie: tausende junge leute mit den besten vorraussetzungen für ein erfülltes leben, gesund, intelligent, gebildet, aus "guten verhältnissen", stranden und "verkacken" ihr leben.
4. Mein Profil
air plane 04.10.2010
Zitat von autocratorprekäres Arbeiten wird, so fürchte ich, noch massiv ausgeweitet werden. Es ist ja auch der einfachste und bequemste weg für arbeitgeber, kosten zu senken und eigene gewinne zu maximieren.
darum geht es in diesem artikel aber nicht im kern. thema sind hier junge menschen, die aus dem diffusem wunsch heraus, ein wie auch immer geartetes alternatives leben zu führen, offenen auges in die persönliche katastrophe steuern. also die moral wäre hier diese: lieber ein glücklicher bäcker, als ein unglücklicher künstler.
5. Na super
suai 04.10.2010
So dachte ich auch mal im Alter von 18,19, 20 Jahren. Dann aber muss man erwachsen werden. Das Problem der Frau scheint, dass sie nicht erwachsen werden will. Da ist sie in Berlin aber nicht alleine. Das sind hundert Tausende aus aller Welt, die so denken. Vielleicht nicht schlecht, aber irgendwie tun die mir leid. Sie wird staendig abhaengig sein von ihren Jobs. Ich hingegegn bin mit 20 verneunftig geworden und habe jetzt den tollsten Job der Welt. International. Warum hat Deutschalnd so ein negatives Verhaeltnis zur Leistung?
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Zur Person
Jörg Schaper
Anne Köhler wurde 1978 in Hessen geboren und lebt in Berlin. Eigentlich ist das Schreiben ihr Beruf. Meistens lebt sie aber von Nebenjobs. Darüber hat sie ihr erstes Buch geschrieben.
Buchtipp

Anne Köhler:
Nichts werden macht auch viel Arbeit.
Mein Leben in Nebenjobs.

DuMont Buchverlag; 144 Seiten; 14,95 Euro.

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