Einzelkämpfer am Arbeitsmarkt: Letzte Ausfahrt Ich-AG

Die Umbrüche in der Arbeitswelt verunsichern Berufeinsteiger. Was kommt, was geht, was bleibt? Für SPIEGEL ONLINE und den Deutschen Studienpreis schwärmen junge Journalisten aus. Zum Auftakt der neuen Serie "Hauptsache Arbeit": Carolyn Braun und Mario Müller über Ich-AGs, die den Arbeitsmarkt beleben sollen - nur schlummert nicht in jedem Arbeitslosen ein Zwergunternehmer.

"Mannis Feldküche": Kein satter Optimismus
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"Mannis Feldküche": Kein satter Optimismus

Manfred Adamek hat eine Kanone. Früher gehörte die der Nationalen Volksarmee. Adamek hat sie im Internet ersteigert. Schießen kann er mit ihr allerdings nicht, dafür kochen. Mit einer Gulaschkanone kämpft der 49-jährige Ich-AG-Unternehmer um seinen Lebensunterhalt. Beinahe täglich bereitet der ehemalige Restaurantkoch ab sechs Uhr morgens mit der ehemaligen DDR-Feldküche Wirsing-, Erbsen-, Möhren- und eben Gulaschsuppen zu, munitioniert damit die Kanone, fährt vor einen Supermarkt in seinem Wohnort Kamp-Lintfort nahe Duisburg und zielt auf hungrige Leute.

Ein Süppchen aus "Mannis Feldküche" kostet 2,50 Euro. "Wenn ich an einem Tag mal 100 Portionen verkaufe, ist das viel", sagt Adamek. Manchmal verkauft er aber auch nur 25, ehe er die Kanone abends mit dem Traktor wieder nach Hause schleppt. Dann bleibt nach Kosten statt Geld viel Suppe übrig. "Zumindest verhungern kann ich nicht mehr", versichert der Existenzkämpfer. Satter Optimismus klingt anders.

Wir sind so frei

Adamek ist einer von 143.000 ehemals Arbeitslosen, die von Januar 2003 bis April 2004 eine Ich-AG gegründet haben. Sie repräsentieren in diesem Zeitraum geschätzte 20 Prozent aller Firmengründungen im Vollerwerb in Deutschland. Ich-AGs sind Ein-Personen-Unternehmen, die nur von zuvor arbeitslos Gemeldeten betrieben werden dürfen und bis zu drei Jahre nach der Gründung mit insgesamt 14.400 Euro von der Bundesagentur für Arbeit (BA) subventioniert werden - eine Idee der Hartz-Kommission, um Arbeitslose zurück ins Erwerbsleben zu holen.

Brachte "Ich-AG" in Umlauf: Trendforscher Wippermann

Brachte "Ich-AG" in Umlauf: Trendforscher Wippermann

Erfunden hat die Bundesregierung den Begriff allerdings nicht - das Hamburger Trendbüro hat ihn eingedeutscht. Im englischen Sprachraum hatte zuvor Tom Peters mit "The Brand You" für Diskussionsstoff gesorgt. Im Mai 2000 brachte Trendbüro-Chef Peter Wippermann die Ich-AG zum ersten Mal einem größeren deutschen Publikum zu Ohren. "Dabei ging es nicht um eine neues Finanzierungs-Modell, sondern darum, das eigene Leben als Unternehmen zu begreifen", sagt Wippermann.

So fragmentiert sei die berufliche Biographie geworden, lautete seine These, dass jeder seine Eigenschaften und Fähigkeiten lebenslang schulen und promoten solle. Viel Protest gab es damals. Wippermann versteht das: Schließlich bedeute ein solches Ansinnen für die meisten den Abschied vom sicheren Leben. Zwar begriffen besonders die Jüngeren das Modell immer stärker als Chance, allerdings oft nur aus Mangel an Alternativen: "Wenn Sicherheit unerreichbar wird, dann wird die Alternative der Selbstbestimmung attraktiv."

Nase voll von Nine-to-Eight-Jobs

Das geht auch anders als mit einer staatlich geförderten Ich-AG. Auch Holm Friebe und vier seiner Freunde wollten ihren Arbeitsalltag selbst bestimmen. Deswegen gründeten sie die ZIA, die "Zentrale Intelligenz Agentur". Noch bevor die ersten großen Entlassungswellen durch Redaktionen und Agenturen schwappten, entschlossen sie sich zu diesem Zusammenschluss von Freiberuflern, zu einer Wir-AG sozusagen - oder zur "Ich Ich Ich AG" mit der "Operation Enduring Freelance", wie die Berliner sich selbst verspotten.

"Gehirnstrom direkt vom Erzeuger" verspricht das nur online existierende Unternehmen, auf eine griffigere Formel bringen die ZIAler und die knapp 30 freien Mitarbeiter ihre Dienstleistungen nicht. Dazu zählen journalistische Texte, Konzepte für verschiedene Medien, aber auch Markenberatung und Trendletter für Unternehmen oder komplette Websites für befreundete Künstler.

Ursprünglich war die ZIA ein anspruchsvoller Witz und startete als "ironische Firma". "Wir dachten uns damals, was braucht es mehr als eine Website und Visitenkarten?", sagt Friebe. Doch als die Idee funktionierte, war das den Gründern gerade recht. Viele von ihnen hatten Probleme mit ihren klassischen Nine-to-Eight-Jobs in der Medienbranche, die Nase voll von Großraumbüros und Hierarchien. Als Freiberufler aber kamen sie an keine größeren Aufträge heran. Das Netzwerk sollte ihnen "das Beste aus beiden Welten" verschaffen.

Selbstständigkeit schmeckt nicht jedem

Allerdings wissen auch die "Agenten", dass nicht jeder sich für einen solchen Lebensentwurf entscheiden kann: "Gerade wenn man Familie hat, dann muss man eben langfristig planen und Risiken minimieren."

ZIA-Logo: "Gehirnstrom direkt vom Erzeuger"
www-standardportraet.de

ZIA-Logo: "Gehirnstrom direkt vom Erzeuger"

Auch Wissenschaftler sind wenig zuversichtlich, dass in Deutschland plötzlich an jeder Ecke Unternehmertum sprießt - und zweifeln damit am Aktivierungspotenzial der Ich-AG. "Ich glaube nicht daran, dass durch ein Gesetz kleine Unternehmer erzeugt werden", sagt der Soziologie Berthold Vogel vom Hamburger Institut für Sozialforschung.

Zwar habe es den "Sozialtypus des geborenen Ich-AGlers" schon immer gegeben. Aus Studien mit Langzeitarbeitslosen weiß Vogel, wie aktiv manche von ihnen auch in der Erwerbslosigkeit waren, ob nun in der Schwarzarbeit oder bei privaten Projekten. "Gerade diesen Leuten hilft es, wenn ihnen durch gesetzliche Regelungen relativ unbürokratisch die Möglichkeit geboten wird, mal wieder was zu probieren, und zwar außerhalb der Illegalität."

Doch dabei handele es sich um Menschen, die besondere Voraussetzungen mitbrächten: Sie haben bestimmte, beispielsweise handwerkliche, Qualifikationen und ein gut funktionierendes soziales Netz. Die meisten Arbeitslosen aber seien sozial abgeschnitten und auf wenige berufliche Tätigkeiten festgelegt. Und für solche Leute ist eine Ich-AG dann nichts anderes als der "Kampf gegen den sozialen Abstieg, gegen die Armut", sagt Vogel.

Schneller Tod der Kleinen

Noch einen dritten Typ hat der Sozialforscher ausgemacht: den Verlegenheits-Ich-AGler. "Das sind Leute, die gerade kein Angebot aus dem ersten Arbeitsmarkt haben und sich denken, das könnte ich doch mal ausprobieren."

Ich-AG: "Unwort des Jahres 2002" - wegen "Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau", so die Jury
DPA

Ich-AG: "Unwort des Jahres 2002" - wegen "Herabstufung von menschlichen Schicksalen auf ein sprachliches Börsenniveau", so die Jury

Denn Antragsteller auf die Ich-AG-Förderung müssen, anders als Antragsteller auf Überbrückungsgeld, bei der Bundesagentur für Arbeit nicht einmal einen Geschäftsplan präsentieren. Missbrauch ist also leicht möglich. Vor allem Arbeitslose, deren Bezüge auslaufen, oder Menschen mit geringerem Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe können durch die Gründung einer Ich-AG mindestens ein Jahr lang mehr Geld vom Staat kassieren.

Kein Wunder, dass viele Gründer kaum Kapital und kaufmännisches Wissen mitbringen. Zwischen Januar und April 2004 gaben laut Bundeswirtschaftsministerium 14.000 Ich-AG-Gründer wieder auf - so viele, wie im selben Zeitraum des Vorjahres begonnen hatten. Insgesamt sind seit dem Start des Programms im Januar 2003 rund 20.000 Menschen wieder ausgestiegen.

Rechnung an den Bundeskanzler

Hinzu kommt die schlechte Wirtschaftslage. Einer Studie der Bergakademie Freiberg und der Universität Bonn zufolge wird nur noch die Hälfte aller neu gegründeten Unternehmen älter als fünf Jahre. Der einfache Grund: Je mehr Firmen in einem stagnierendem Markt agieren, desto weniger überleben im Verhältnis. Nach Angaben von Creditreform Wirtschafts- und Konjunkturforschung hatten über 70 Prozent der fast 40.000 Unternehmen, die 2003 Pleite gingen, höchstens fünf Mitarbeiter. Einzelkämpfer wie Ich-AG-Unternehmer haben es mithin besonders schwer.

Künstler Kees: "Ich lebe, also koste ich"
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Künstler Kees: "Ich lebe, also koste ich"

Für nicht nur schwer realisierbar, sondern für ziemlich abseitig hält der Berliner Künstler Peter Kees den gesetzlich geförderten Fluchtweg ins Kleinunternehmertum. Dieser "Durchökonomisierung der Gesellschaft" widersetzt er sich. Als die Regierung die "Ich-AG" zum Gesetz erhob, ernannte er sich selbst zu einer solchen. Wörtlich nahm er den Begriff - "Ich lebe, also koste ich" - und betrachtete sich fortan als wirtschaftlichen Mehrwert.

Kees stellte unter anderem Bundeskanzler Gerhard Schröder eine Rechnung aus: exakt 89.523 Euro, für seinen "Kunst- und Kulturbeitrag" in der Gesellschaft, für seine "demokratische Aktivität" und seine "Lebensleistung" überhaupt.

Gezahlt hat Schröder nicht, die Deutsche Bahn ebenso wenig für "ungewollten Lebenszeitverlust durch Warten und Verspätungen". Immerhin fand die Bahn sein Anliegen amüsant, woraufhin Kees prompt eine "Amüsierpauschale" berechnet - vergebens. Vielleicht hat der Freiberufler auch deshalb ein neues Geschäftsmodell-Projekt entwickelt und noch einen draufgesetzt: Derzeit lehrt der Provokateur in Berlin "Leben ohne Geld".

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