Studentin im Erdbebengebiet: "Der Schmerz lässt sich nicht in Worte fassen"

Von Armin Himmelrath

Semesterferien? Können die anderen machen. Medizinstudentin Hanna Bellmann, 23, meldete sich sofort, als nach dem Erdbeben in Iran Nothelfer gesucht wurden. Der Lohn: fünf Stunden Schlaf pro Nacht, viele Tränen - und überwältigende Freundlichkeit.

Engagement in den Semesterferien: Hanna, 23, Erdbebenhelferin in Iran Fotos
Margret Müller / Humedica

Am 11. August sah für Hanna Bellmann noch alles nach normalen Semesterferien aus: Blockpraktika, Lerngruppen und Laborarbeiten für ihre Doktorarbeit hatte die angehende Ärztin für die nächsten Wochen geplant. Dann forderten zwei schwere Erdbeben in Iran mehr als 300 Tote und mehrere tausend Verletzte - und ein paar Stunden danach hatte Hanna ihre gesamten Pläne über den Haufen geworfen.

Per SMS-Alarm war die 23-jährige Medizinstudentin aus Köln gefragt worden, ob sie als Teil eines Notfall-Teams für die Hilfsorganisation Humedica ins Katastrophengebiet reisen könnte. "Ich habe sofort alle Termine, privat und im Studium, abgesagt, meinen Rucksack gepackt und die Stunden bis zum Abflug noch mit meinen beiden besten Freunden verbracht", erzählt Hanna. Immer wieder telefonierte sie zwischendurch mit der Organisationszentrale in Kaufbeuren, nach und nach bekam sie Details wie den Einsatzort, die anderen Teammitglieder und die genauen Reisedaten genannt.

Über Täbris reiste das Hilfsteam nach Ahar weiter, mit Hanna Bellmann fuhren noch ein Mediziner, ein OP-Pfleger, eine Doktorandin und ein landeskundiger Deutsch-Iraner in das Katastrophengebiet. "Unser Auftrag war, Erste Hilfe zu leisten", sagt Hanna, "die Menschen medizinisch zu versorgen und ihnen seelischen Beistand zu leisten, aber auch herauszufinden, was materiell benötigt wird, um ihnen wirklich und nachhaltig helfen zu können." In Ahar selber waren die Schäden gering, "aber in den Dörfern rundherum war es schlimm. Da stand manchmal keine Lehmhütte mehr, einfach gar nichts."

Alles verloren - und trotzdem die Einladung zum Tee

Viele Bewohner der Dörfer hätten alles verloren, oft auch Verletzte und Tote in der Familie zu beklagen, und seien stark traumatisiert. "Der Schmerz lässt sich nicht in Worte fassen", sagt Hanna: "Es gab Patienten, bei denen wir geweint haben - mit dem Patienten - und versucht haben, Worte zu finden, ihn festzuhalten und für ihn da zu sein." Unter einfachsten Bedingungen versorgte das Helferteam Verletzungen, kümmerte sich in Zelten oder unter freiem Himmel um Brüche, Quetschungen und offene Wunden - und um die Menschen. Und das, obwohl die iranische Regierung jede ausländische Hilfe zunächst abgelehnt hatte.

Einen der bewegendsten Momente, berichtet Hanna, habe sie im Zentrum des Bebens, im Dorf Goredarag, erlebt: "Da habe ich Itzhak Ifzi kennen gelernt, einen 80-jährigen Mann. Er hatte durch das Beben seine Frau verloren, und da seine Kindern schon vor Jahren das Dorf verlassen haben, hat er niemanden mehr und trug sogar noch die Kleidung vom Tag der Katastrophe." Mit ihm habe sie lange geweint und getrauert, "und in dem Moment sind mir die schrecklichen Auswirkungen des Bebens wirklich bewusst geworden". Und obwohl von manchen Dörfern kaum noch etwas übrig ist, habe sie immer wieder Einladungen zum Tee bekommen: "Die Menschen haben uns von dem Nichts, was ihnen geblieben ist, noch etwas abgegeben. Das war überwältigend."

Von 7 Uhr morgens bis nachts um 2 Uhr dauerten die Arbeitstage für das Team, Koordinatorin Margret Müller hängte manchmal sogar noch ein paar Stunden Organisationsarbeit dran. Die Helfer hatten ein Medi-Kit für bis zu 3000 Patienten dabei und fuhren mit ihrer improvisierten mobilen Klinik über die Dörfer. "Unsere Basis waren zwei Zelte auf dem Krankenhausgelände in Ahar", sagt Hanna. Dort wurden die Helfer aus Deutschland abends vom Klinikpersonal mit Essen versorgt: Reis mit Fleisch und Joghurt - "und zwischendurch kamen immer wieder Patienten in unser Zelt."

Für die Medizinstudentin war die knapp zweiwöchige Reise nach Iran bereits der zweite Hilfseinsatz. 2010 war sie schon einen Monat lang im Niger gewesen. "Einfach, weil es sinnvoll ist", sagt Hanna. Dabei könne sie ihr Wissen aus dem Studium nutzen, "als direkte Hilfe vor Ort, ohne wochenlanges Zögern". Kulturelle Irritationen schrecken sie dabei nicht ab - etwa die Kopftuchfrage beim Einsatz jetzt in Iran: "Der Gedanke, plötzlich täglich und immer ein Kopftuch zu tragen, war zu Beginn schon seltsam", erinnert sich Hanna, "aber irgendwann gehörte es einfach unproblematisch dazu." Immer wieder sei ihr angeboten worden, es wegzulassen, "aber das wollte ich gar nicht".

Seit Montagmorgen ist die angehende Medizinerin jetzt wieder zurück in ihrem Alltag - aktuell in einem Urologie-Pflichtpraktikum in der Kölner Uniklinik. Der Alltag hat sie wieder, aber Hanna Bellmann sagt: "Die Verarbeitung der Bilder und Eindrücke fängt jetzt erst an."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Gnossos 28.08.2012
Zitat von sysopSemesterferien? Können die anderen machen. Medizinstudentin Hanna Bellmann, 23, meldete sich sofort, als nach dem Erdbeben in Iran Nothelfer gesucht wurden. Der Lohn: fünf Stunden Schlaf pro Nacht, viele Tränen - und überwältigende Freundlichkeit. Erdbeben im Iran: Medizinstudentin als Katastrophenhelferin - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/jobundberuf/0,1518,852319,00.html)
Finde ich klasse. Es wäre natürlich, auch wenn es eine Nebensächlichkeit ist, respektvoll vom Bildbeswchrifter gewesen, nicht die rothaarige und die blonde junge Frau gemeinschaftlich als Hanna zu bezeichnen, aber um die Person ging es wohl bei der Bildauswahl auch nicht.
2. Vielen Dank!!!
rezapersia 28.08.2012
ich bin selbst Perser und lebe in Köln. Ich möchte mich im Namen der Iraner bei dem Helfer Team für ihr fantastisches Engagement bedanken. Sie leisten wirklich großes und ich habe das Gefühl, dass sie tatsächlich den Bedürftigen helfen wollen. Ganz im Gegenteil zu dem verbrecherischen Regim in Tehran, denen das Volk völlig egal ist und sich nur bereichern wollen. Von meinen Verwandten dort habe ich erfahren, das seit neuestem eine Bekleidungskette eröffnet hat. Darin wird Kleidung verkauft, die eigentlich vom internationalen Roten Kreutz u.ä. Stiftungen gesammelt wurden, um es an Bedürftige oder Erdbebenopfer zu verteilen. Das ist nur ein kleines Beispiel dafür, wie dreist, gierig und unmoralisch mit dem iranischen Volk von der Regierung umgegangen wird.
3. Hanna und Erdbeben im Iran
tofighnikou 28.08.2012
Ausser kompliment und tiefe Dankbarkeit, habe ich dieser hilfsbereiten, lieben, netten... medizin Studentin, die aus purer Menschlichkeit alles über booard geworfen hat, nicht zu sagen. Thausend "Dank" Hanna Dir und Deiner lieben Kolleginnen und Kollegen. Möge nur der lieber Gott Deine ausserordentliche Opberbereitschaft und Güte "Wiedergutmachen"! Alles Gute und Liebe
4.
Frietjoff 28.08.2012
Zitat von sysopDer Lohn: fünf Stunden Schlaf pro Nacht, viele Tränen - und überwältigende Freundlichkeit.
… und (hoffentlich nicht!) lebenslange Schikanen bei der Einreise in die USA oder Israel. :-/ Ansonsten: medizinische, logistische und Versorgung mit Nahrung und anderem Lebensnotwendigen – super! Aber mit Leuten, deren Sprache man nicht spricht, zu weinen – sorry, das ist »Traumatourismus«. Klar, die Menschen sind so traumatisiert, dass sie dann auch wieder weinen und sich einer Umarmung nicht entziehen (können), aber geholfen wird ihnen dadurch nicht. Die angehende Medizinerin sollte das mal damit vergleichen, wie die Rettungskräfte mit Katastrophen in Deutschland umgehen. Da gibt es auch psychologische Traumateams, aber deren Job ist es doch nicht, mit den Opfern zu weinen. Warum soll das dann für Iraner eine adäquate Betreuung sein? Weil sie »Primitive« sind?
5. Merken Sie es eigentlich noch...
Seven76 28.08.2012
Zitat von Frietjoff...»Traumatourismus«...
was für einen Unsinn Sie hier absondern? Wenn Sie lesen könnten hätten Sie vielleicht bemerkt, dass von der SMS bis zum Abflug ein paar Stunden vergingen. Natürlich hätte man vorher auch noch ein Psychologiestudium absolvieren und beim örtlichen Katastrophenschutz nach dem richtigen Umgang mit traumatisierten Personen nachfragen können. Aber nein, da wagt sich das Mädchen die Stunden mit ihren besten Freunden zu verbringen... Und ob man jemanden der gerade alles verloren hat mit einer Umarmung und gemeinsamen Weinen nicht ein kleines Stück Leid abnehmen kann, können SIE bestimmt nicht beurteilen! Hauptsache irgendwas zum Nörgeln gefunden. Furchtbar solche Menschen!
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Job & Beruf
RSS
alles zum Thema Iran
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 14 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Iranische Studentinnen: In manchen Fächern unerwünscht

Fotostrecke
Sicherheitsmanagement: Die Katastrophenstudenten

Fläche: 1.648.195 km²

Bevölkerung: 74,962 Mio.

Hauptstadt: Teheran

Staatsoberhaupt und Religionsführer:
Ajatollah Ali Chamenei

Staats- und Regierungschef:
Hassan Rohani

Mehr auf der Themenseite


Fotostrecke
Frausein in Iran: Bist du Fleisch oder Kater?
Republik Iran
Land
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Politik
dpa
Seit der Islamischen Revolution von 1979 haben der Revolutionsführer, aktuell Ajatollah Ali Chamenei, und der Wächterrat die größte Macht im Staat. Der Wächterrat kontrolliert die Kandidaten für Wahlen. Der Regierungschef ist der gewählte Präsident - seit 2005 Mahmud Ahmadinedschad.
Leute
Corbis
Iran hat rund 72 Millionen Einwohner. Auf dem Uno-Index menschlicher Entwicklung (HDI) für 179 Staaten belegt Iran Platz 84 (Deutschland ist auf Platz 22). Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 70 Jahren (zum Vergleich: Die Lebenserwartung in Deutschland liegt bei 79 Jahren).
Wirtschaft
REUTERS
Die Wirtschaftsleistung pro Kopf betrug 2008 laut einer Schätzung des Internationalen Währungsfonds (IWF) rund 5200 Dollar. Begünstigt vom hohen Ölpreis wuchs die Wirtschaft zuletzt um etwa sechs Prozent. Neben der Arbeitslosenquote, die laut inoffiziellen Schätzungen bei etwa 30 Prozent liegt, ist die Inflation eines der größten wirtschaftlichen Probleme. 2008 soll sie bei fast 30 Prozent gelegen haben, für 2009 rechnet der IWF mit 25 Prozent. Im Jahr 2005 machten Teherans Ausgaben für das Militär laut Uno-Statistiken 5,8 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung aus (Deutschland: 1,4 Prozent).
Menschenrechte
REUTERS
Nach China ist Iran das Land, in dem die meisten Todesurteile vollstreckt werden. Laut Amnesty International wurden 2009 mindestens 388 Menschen hingerichtet, das waren 42 Hinrichtungen mehr als im Vorjahr. Der Uno zufolge saßen 2007 pro 100.000 Einwohner 214 Menschen im Gefängnis (in Deutschland sind es 95). Korruption ist in Iran weit verbreitet. Auf dem weltweiten Index von Transparency International nimmt Iran 2009 bei 180 beobachteten Staaten den 168. Rang ein (Deutschland: 14).