Von Armin Himmelrath
Am 11. August sah für Hanna Bellmann noch alles nach normalen Semesterferien aus: Blockpraktika, Lerngruppen und Laborarbeiten für ihre Doktorarbeit hatte die angehende Ärztin für die nächsten Wochen geplant. Dann forderten zwei schwere Erdbeben in Iran mehr als 300 Tote und mehrere tausend Verletzte - und ein paar Stunden danach hatte Hanna ihre gesamten Pläne über den Haufen geworfen.
Per SMS-Alarm war die 23-jährige Medizinstudentin aus Köln gefragt worden, ob sie als Teil eines Notfall-Teams für die Hilfsorganisation Humedica ins Katastrophengebiet reisen könnte. "Ich habe sofort alle Termine, privat und im Studium, abgesagt, meinen Rucksack gepackt und die Stunden bis zum Abflug noch mit meinen beiden besten Freunden verbracht", erzählt Hanna. Immer wieder telefonierte sie zwischendurch mit der Organisationszentrale in Kaufbeuren, nach und nach bekam sie Details wie den Einsatzort, die anderen Teammitglieder und die genauen Reisedaten genannt.
Über Täbris reiste das Hilfsteam nach Ahar weiter, mit Hanna Bellmann fuhren noch ein Mediziner, ein OP-Pfleger, eine Doktorandin und ein landeskundiger Deutsch-Iraner in das Katastrophengebiet. "Unser Auftrag war, Erste Hilfe zu leisten", sagt Hanna, "die Menschen medizinisch zu versorgen und ihnen seelischen Beistand zu leisten, aber auch herauszufinden, was materiell benötigt wird, um ihnen wirklich und nachhaltig helfen zu können." In Ahar selber waren die Schäden gering, "aber in den Dörfern rundherum war es schlimm. Da stand manchmal keine Lehmhütte mehr, einfach gar nichts."
Alles verloren - und trotzdem die Einladung zum Tee
Viele Bewohner der Dörfer hätten alles verloren, oft auch Verletzte und Tote in der Familie zu beklagen, und seien stark traumatisiert. "Der Schmerz lässt sich nicht in Worte fassen", sagt Hanna: "Es gab Patienten, bei denen wir geweint haben - mit dem Patienten - und versucht haben, Worte zu finden, ihn festzuhalten und für ihn da zu sein." Unter einfachsten Bedingungen versorgte das Helferteam Verletzungen, kümmerte sich in Zelten oder unter freiem Himmel um Brüche, Quetschungen und offene Wunden - und um die Menschen. Und das, obwohl die iranische Regierung jede ausländische Hilfe zunächst abgelehnt hatte.
Einen der bewegendsten Momente, berichtet Hanna, habe sie im Zentrum des Bebens, im Dorf Goredarag, erlebt: "Da habe ich Itzhak Ifzi kennen gelernt, einen 80-jährigen Mann. Er hatte durch das Beben seine Frau verloren, und da seine Kindern schon vor Jahren das Dorf verlassen haben, hat er niemanden mehr und trug sogar noch die Kleidung vom Tag der Katastrophe." Mit ihm habe sie lange geweint und getrauert, "und in dem Moment sind mir die schrecklichen Auswirkungen des Bebens wirklich bewusst geworden". Und obwohl von manchen Dörfern kaum noch etwas übrig ist, habe sie immer wieder Einladungen zum Tee bekommen: "Die Menschen haben uns von dem Nichts, was ihnen geblieben ist, noch etwas abgegeben. Das war überwältigend."
Von 7 Uhr morgens bis nachts um 2 Uhr dauerten die Arbeitstage für das Team, Koordinatorin Margret Müller hängte manchmal sogar noch ein paar Stunden Organisationsarbeit dran. Die Helfer hatten ein Medi-Kit für bis zu 3000 Patienten dabei und fuhren mit ihrer improvisierten mobilen Klinik über die Dörfer. "Unsere Basis waren zwei Zelte auf dem Krankenhausgelände in Ahar", sagt Hanna. Dort wurden die Helfer aus Deutschland abends vom Klinikpersonal mit Essen versorgt: Reis mit Fleisch und Joghurt - "und zwischendurch kamen immer wieder Patienten in unser Zelt."
Für die Medizinstudentin war die knapp zweiwöchige Reise nach Iran bereits der zweite Hilfseinsatz. 2010 war sie schon einen Monat lang im Niger gewesen. "Einfach, weil es sinnvoll ist", sagt Hanna. Dabei könne sie ihr Wissen aus dem Studium nutzen, "als direkte Hilfe vor Ort, ohne wochenlanges Zögern". Kulturelle Irritationen schrecken sie dabei nicht ab - etwa die Kopftuchfrage beim Einsatz jetzt in Iran: "Der Gedanke, plötzlich täglich und immer ein Kopftuch zu tragen, war zu Beginn schon seltsam", erinnert sich Hanna, "aber irgendwann gehörte es einfach unproblematisch dazu." Immer wieder sei ihr angeboten worden, es wegzulassen, "aber das wollte ich gar nicht".
Seit Montagmorgen ist die angehende Medizinerin jetzt wieder zurück in ihrem Alltag - aktuell in einem Urologie-Pflichtpraktikum in der Kölner Uniklinik. Der Alltag hat sie wieder, aber Hanna Bellmann sagt: "Die Verarbeitung der Bilder und Eindrücke fängt jetzt erst an."
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